Stadt soll SBB-Areal für günstige Wohnungen kaufen

Weil die SBB nur einen Drittel gemeinnützige Wohnungen auf dem Neugasse-Areal im Kreis 5 planen, hat ein Verein heute eine Initiative lanciert.

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Als im November 2016 die SBB zusammen mit der Stadt Zürich ihr neuestes Projekt vorstellten, schienen noch alle zufrieden. Zwischen 2017 und 2031 öffnen die SBB drei grosse Areale: Zwischen der Hohlstrasse und den Gleisen beim Letzipark, bei der Neugasse im Kreis 5 und bei der Hardbrücke am Rand des Kreises 4. Die drei Standorte sollen Wohn-, Gewerbe- und Logistik-Zwecken dienen. Auf dem Areal Neugasse sind Wohnungen geplant. Die Areale Werkstadt und Hardfeld bleiben Arbeitsplatzgebiet.

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sprach von einem Projekt, das es in Zürich in dieser Dimension noch nie gegeben habe. «Wir wagen etwas», fügte sie an. Und SP-Hochbauvorsteher André Odermatt betonte, dass an der Neugasse normale Wohnungen entstehen sollen. Auf dem 30'000 Quadratmeter grossen Areal im Kreis 5 sind Wohnungen für 900 Personen geplant. Ein Drittel davon soll gemeinnützig sein. «Ich bin froh, dass die SBB keine Luxuswohnungen planen», sagte Odermatt damals.

Plan des SBB-Grossprojekts: Zum Vergrössern bitte hier klicken. Grafik: mt

Seither hat sich im Kreis 5 Widerstand gegen das Neugasse-Projekt formiert – heute erreichte dieser Widerstand einen neuen Höhepunkt. Unweit der geplanten Überbauung hat der Verein Noigass, der im Sommer von Quartierbewohnern, Wohnbaugenossenschaftern und linken Stadtpolitikern gegründet wurde, zur Medienkonferenz eingeladen. Dort präsentierten Vereinsmitglieder ihre neu lancierte Volksinitiative. Darin fordern sie «die Realisierung einer gemeinnützigen Wohn- und Geschäftsüberbauung». Dazu soll die Stadt das rund 30'000 Quadratmeter grosse Areal zwischen den Bahngeleisen, dem Bahnviadukt, der Neugasse und der Überbauung Röntgenareal erwerben oder im Baurecht übernehmen. «Der Erwerb kann auch zusammen mit gemeinnützigen Bauträgern erfolgen», heisst es im Initiativtext weiter.

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Soll die Stadt den SBB das Neugasse-Areal abkaufen?





«Eine Europaallee genügt», lautet das Motto der Initianten. Sie begründen den Schritt unter anderem damit, dass im Kreis 5 in den vergangenen Jahren fast ausschliesslich Wohnungen im Luxussegment gebaut worden seien. Und auch die SBB hätten es bei vergangenen Projekten versäumt, auf ihren Arealen angemessen gemeinnützig zu bauen. «Der Stadtrat soll die Verhandlungen mit den SBB nochmals aufnehmen, um das Areal zu kaufen oder es im Baurecht zu übernehmen. Wenn sich die Behörden erst um die Sache kümmern, wenn die Pläne vorliegen, droht das ganze Vorhaben zu scheitern», sagt Res Keller vom Verein Noigass. Der Gestaltungsplan für das heutige Projekt würde vom Gemeinderat und der Stadtbevölkerung kaum Zustimmung erhalten, prognostiziert er.

Noigass-Vorstandsmitglied Evtixia Bibassis ergänzt: «Anders als die weltweit bekannte SBB-Uhr von Hans Hilfiker tickt die SBB-Division Immobilien mal so, mal so, je nach dem, wie der Wind weht.» Die SBB müssten auf ihren Grundstücken Renditen und Wertsteigerungen erwirtschaften. Gebremst würden sie dabei höchstens von Bauzonen-Reglementen – oder vom politischen Widerstand, falls dieser gross genug sei, so Bibassis. «Zweimal haben die SBB verkauft, aber beide Male nicht aus freien Stücken.» Das Areal Letzibach D hätten die Bahnen der Stadt abgeben, um von dieser ein dringend benötigtes Näherbaurecht für ihr Projekt WestLink zu bekommen. «Das Areal Zollstrasse West ging an die Genossenschaft Kalkbreite, weil die SBB ihre ungünstig gelegene Parzelle nicht selbständig überbauen konnten», sagt Bibassis.

Petition mit 8000 Unterschriften

Bereits vor der Lancierung der Initiative machte der Verein Noigass auf sich aufmerksam. Im Herbst reichte er eine Petition mit 8000 Unterschriften der Stadt und den SBB ein. Für die Volksinitiative brauchen die Initianten lediglich 3000. Zeitgleich reihten sich die städtischen Sozialdemokraten in den Widerstand gegen das Projekt ein, was diesem zusätzliches Gewicht gab, weil die SP derzeit die grösste Fraktion im Gemeinderat stellt. Damit war bereits klar, dass die SBB mit starker politischer Gegenwehr rechnen müssen, denn ohne Mehrheit im Stadtparlament, können die SBB ihre Pläne nicht verwirklichen. Der Gemeinderat muss einer Umzonung des Areals von einer Industrie- in eine Wohnzone zustimmen. Der Baubeginn auf dem Neugasse-Areal ist für 2022 geplant. Der Gemeinderat befasst sich mit der Umzonung erst nach den Wahlen vom 4. März.

Corine Mauch bei der Präsentation des SBB-Grossprojekt:

«Die SBB hatten ganz andere Ideen»: SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch nach der Präsentation des Projekts im November 2016. Video: Mirjam Ramseier (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 10:19 Uhr

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