Stadt Zürich plant Stipendien für Weiterbildungen

Ungelernte und schlecht Qualifizierte haben ein wesentlich grösseres Risiko, in der Sozialhilfe zu landen. Die Stadt will Abhilfe schaffen.

Die Stadt will das Stipendienwesen ausbauen: Künftig sollen auch ältere Arbeitnehmende Stipendien beantragen können.

Die Stadt will das Stipendienwesen ausbauen: Künftig sollen auch ältere Arbeitnehmende Stipendien beantragen können. Bild: Keystone

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Die Zahlen sind eindrücklich: Bis 1980 waren Personen ohne Berufsausbildung kaum häufiger arbeitslos als solche mit abgeschlossener Berufslehre oder gar einer universitären Ausbildung. Dann hat sich das Bild radikal geändert. Schon im Jahr 2000 waren acht Prozent der Ungelernten arbeitslos, bei den ausgebildeten Berufsleuten waren es nur drei Prozent. Und die Schere öffnet sich weiter.

Wer keinen Berufsabschluss hat, wird aber nicht nur schneller arbeitslos, er landet auch schneller in der Sozialhilfe. Das zeigen Zahlen aus der Stadt Zürich: Fast die Hälfte der Sozialhilfebezüger hat keine Berufsausbildung – obwohl die Ungelernten nicht einmal 20 Prozent der Bevölkerung stellen.

Stipendien für ältere Arbeitnehmende

Der Stadtzürcher Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) will künftig genau hier ansetzen: «Wir müssen möglichst frühzeitig in die berufliche Aus- und Weiterbildung investieren – und zwar bevor die Leute in der Sozialhilfe landen.» Das spare langfristig Kosten.

Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Neu ist aber die Art und Weise, wie die Stadt Zürich damit umgehen will: Mit einem Ausbau des Stipendienwesens. Das kündigte Golta heute vor den Medien an. Konkret sollen künftig nicht nur Personen, die eine Erstausbildung absolvieren, existenzsichernde Stipendien beantragen können, sondern auch ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die eine Fortbildung absolvieren, um ihre beruflichen Qualifikationen zu verbessern.

Beratung nützt wenig, wenn das Geld fehlt

Dafür gebe es gute Gründe, sagt Golta. Gering Qualifizierten fehle oft nicht nur das Wissen, welche Weiterbildung für sie sinnvoll ist, sondern auch das Geld, um eine solche zu bezahlen und einen allfälligen Lohnausfall zu decken. «Wenn aber die Mittel für eine Weiterbildung fehlen», so Golta, «laufen andere Massnahmen wie Laufbahnberatungen ins Leere.»

 «Wenn die Mittel für eine Weiterbildung fehlen, laufen andere Massnahmen wie Laufbahnberatungen ins Leere.» Raphael Golta, 
Vorsteher Sozialdepartement Stadt Zürich

Ziel sei es, von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen schon unter die Arme zu greifen, bevor sie ohne Job dastehen oder gar in die Sozialhilfe abrutschen. Erreichen will die Stadt die Betroffenen unter anderem in den Laufbahnzentren, aber auch indem sie direkt mit der Wirtschaft zusammenarbeitet.

Die Neuregelung bei den Stipendien ist Teil eines ganzen Massnahmenpakets mit dem Titel «Bildungsstrategie für Geringqualifizierte». Dazu gehören unter anderem auch Weiterbildungen für Sozialhilfebezüger und eine bessere Begleitung von Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden oder in der Lehre zu scheitern drohen.

Klingt einfach, ist Knochenarbeit

Für Skos-Präsident Christoph Eymann sind die Stadtzürcher Pläne ein «Leuchtturmprojekt» in einer Arbeitswelt, in der Ungelernte immer weniger Chancen haben. Auch die Skos selbst hat sich des Themas angenommen: Sie lancierte zusammen mit dem Schweizerischen Verein für Weiterbildung (SVEB) ein Pilotprojekt in zehn kleinen und mittleren Sozialdiensten in der ganzen Schweiz.

Ziel ist es, Grund- und Weiterbildung für Sozialhilfebeziehende zu verbessern. «Das klingt einfach, ist aber Knochenarbeit», sagte Eymann heute vor den Medien. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, aber auch, weil vielen Sozialdiensten das Know-how fehlt. Hinzu kommt, dass die Kantone ihre Stipendienregeln entsprechend anpassen müssen.

Zürich tut das bereits: 2021 sollen neue Regeln in Kraft treten, die den Kreis der Berechtigten vor allem im Bereich der Berufsbildung erweitern. Bis die Stadtzürcher Pläne greifen, wird es wohl 2022, denn der Gemeinderat muss die Pläne erst genehmigen. Golta rechnet mit Anfangskosten in der Grössenordnung von fünf Millionen Franken. Er ist aber überzeugt, dass sich die Investition lohnt. Das sieht auch Eymann so. Landesweit rechnet er damit, dass bis zu 70’000 Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger, gut ein Drittel der Betroffenen im erwerbsfähigen Alter, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt «nachhaltig verbessern können».

Erstellt: 28.10.2019, 16:45 Uhr

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