Hochbaudepartement verrechnet sich um 40 Millionen Franken

Das neue Gebäude für Schutz & Rettung in Zürich-Nord kostet plötzlich doppelt so viel wie geplant. Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) räumt Fehler ein.

Enzmann Fischer Partner AG und Schnetzer Puskas Ingenieure AG aus Zürich haben mit ihrem Projekt «Mazinga» den Architekturwettbewerb für die Wache Zürich Nord gewonnen. Visualisierung: Meyer Dudesek

Enzmann Fischer Partner AG und Schnetzer Puskas Ingenieure AG aus Zürich haben mit ihrem Projekt «Mazinga» den Architekturwettbewerb für die Wache Zürich Nord gewonnen. Visualisierung: Meyer Dudesek

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Bei dieser Planung ist so einiges schiefgelaufen. Selten räumt ein Stadtrat Fehler so freimütig ein, wie das der Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) gestern Mittwochabend im Gemeinderat getan hat. Angesichts der Zahlen und Fakten konnte er aber auch nicht anders, als die Flucht nach vorne zu ergreifen und zu beteuern, man werde aus diesen Fehlern lernen.

Es ging um den Neubau der Wache Nord, in der Rettungsdienst und Feuerwehr untergebracht werden sollen. Geplant ist ein Neubau an der Binzmühlestrasse 156 in Oerlikon. Neben der Wache für die Stadtkreise 11 und 12 sollen hier Spezialmittel von Schutz & Rettung Zürich gelagert werden.

Auf der Basis einer Machbarkeitsstudie schätzte das Hochbaudepartement die Kosten für den Bau auf 48 Millionen Franken und beantragte dem Gemeinderat einen Projektierungskredit von 5,6 Millionen. Nun zeigt sich aber plötzlich: Der Bau dürfte 85 Millionen Franken kosten – mit Kreditreserven und der Altlastensanierung gar über 100 Millionen. Deshalb beantragte der Stadtrat gestern eine Erhöhung des Projektkredits um 3,7 Millionen auf insgesamt 9,3 Millionen.

«Unvermögen, um nicht zu sagen Inkompetenz»

Die Gemeinderäte zeigten sich über die Fehlplanung empört. Sie sprachen von «unschönen Ausreissern» (Res Marti, Grüne), «Unvermögen, um nicht zu sagen Inkompetenz» (Christoph Marty, SVP), von einem «Schock» (Andreas Egli, FDP) oder einem «gravierenden Fehler» (Sarah Breitenstein, SP). Die Mehrkosten entstanden vor allem dadurch, dass die Komplexität der Gebäudetechnik unterschätzt worden war. Gemäss Odermatt war man ursprünglich von einer Garage ausgegangen, die man bauen wollte. Dann habe man aber gemerkt, dass die Sicherheitsanforderungen an das Gebäude weit grösser sind. «Schulhäuser bauen wir viele, da ist die Kalkulation einfacher», verteidigte sich Odermatt. Hier aber plane man eine Wache mit Alarmierungs- und Kommunikationsinstallationen. Zudem war die Nutzfläche zu knapp bemessen worden. Statt 8700 Quadratmeter braucht man 10'500.

Unbestritten ist, dass es diese Wache braucht. Eigentlich müssten Rettungsdienst und Feuerwehr innert 10 Minuten ab der Alarmierung vor Ort eintreffen. In Zürich-Nord verpassen die Einsatzkräfte dieses Ziel bei jedem zweiten Einsatz, weil die Wege zu lang sind. Deshalb entwickelte die Stadt Zürich auch die Strategie mit mehreren neuen dezentralen Wachen im Norden, Westen und Osten, die zu jenen im Süden, im Zentrum und am Flughafen hinzukommen.

Eine Gelbe und eine Rote Karte

Aber insbesondere die bürgerliche Ratseite wollte diese Planungsfehler des Hochbaudepartements nicht einfach so durchgehen lassen. Die SVP zückte die Rote Karte und lehnte den Antrag auf die Erhöhung des Planungskredits ganz ab. Die FDP wollte mit der Enthaltung die Gelbe Karte zeigen.

Mit 83 Ja-Stimmen kam der Antrag des Stadtrats dennoch durch. Die Gemeinderäte wollten den Bau der dringend benötigten Wache Nord nicht verhindern. Stimmt das Volk dem Bauvorhaben 2021 zu, könnte die neue Wache 2024 bezogen werden.

Gemeinderat will eigenes Gutachten

Dennoch kündigten die Vertreter der zuständigen Kommission an, man wolle ein zusätzliches Gutachten in Auftrag geben, das die Kosten des Neubaus berechnen soll. Dieses soll helfen, die Mehrkosten nachvollziehen zu können. Denn offenbar blieben auch nach den Erklärungen der Planer und deren Eingestehen von Fehlern Fragen offen.

«Wir möchten das Vertrauen in die Planungsabläufe wieder gewinnen», sagte Markus Knauss (Grüne). Dieses Verständnis soll helfen, allenfalls die Kosten dann nochmals zu diskutieren, wenn der Gemeinderat dann den Objektkredit diskutiert. Stadtrat Odermatt versprach zumindest: «Wir haben den klaren Auftrag erteilt, dass die Kosten nicht weiter anwachsen.»

Erstellt: 11.07.2019, 11:53 Uhr

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