Stadtzürcher Kunstsammlung vermisst 1000 Bilder

Von einem Le-Corbusier-Gemälde im Wert von 1,5 Millionen Franken etwa fehlt jede Spur.

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«Ein prächtiger ‹Flohhaufen›» – so wird die Zürcher Kunstsammlung in einer stadtinternen Beschreibung genannt. Eine Anspielung auf die Tausenden weit verstreuten Kunstwerke der Sammlung: Diese umfasst nicht weniger als 34'500 Objekte.

Die Kehrseite: Immer wieder kamen in der Vergangenheit Bilder abhanden. «Derzeit fehlen 946 Werke» sagt Marc Huber, Sprecher von Immobilien Stadt Zürich im Hochbaudepartement von André Odermatt (SP), das für die Kunstsammlung zuständig ist. Aufgeführt sind die verschollenen Werke in einer Liste, welche die Stadt auf ihrer Website veröffentlicht hat.

Auf ungeklärte Art verschwunden

Unter den verschwundenen Kunst­gütern finden sich Werke prominenter Künstler, für deren Arbeiten derzeit auf dem Kunstmarkt teils beträchtliche Summen bezahlt werden. Unauffindbar sind etwa ein Siebdruck von Richard Paul Lohse («Vertikalen, Durchdringung von fünf Farbgruppen») aus dem Jahr 1970. Oder ein Siebdruck («Ohne Titel»), den Max Bill 1957 angefertigt hat. Ebenfalls vermisst werden die Lithografie «Frau im Park» von Alois Carigiet aus dem Jahr 1967 oder eine undatierte Zeichnung von Mario Comensoli.

Der prominenteste Abgang ist ein Gemälde des berühmten Architekten und Künstlers Le Corbusier (1887–1965) aus dem Jahr 1927: «Nature morte à la bouteille, carafe et coquetier», Öl auf Leinwand. Geschätzter Wert: 1,5 Millionen Franken. Die Stadt kaufte das Werk 1964. Das Gemälde hing zunächst in einer Halle der Triemli-Maternité, wurde später in ein Sitzungszimmer umplatziert und landete schliesslich im Keller. Von dort ist es auf ungeklärte Art verschwunden – Anfang der 90er-Jahre, wie die Stadt vermutet.

Bilder: Schwarze Flecken in Stadtzürcher Kunstsammlung

«Die Recherche der städtischen Kunstsammlung nach dem Le-Corbusier-Werk war sehr intensiv», betont Marc Huber. 2007 wurde bei der Stadtpolizei Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht, zudem liess die Stadt das verschollene Werk ins internationale Art-Loss-Register eintragen, in die weltweit grösste Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke. Beide Massnahmen blieben ohne Erfolg. Von «La bouteille» fehlt jede Spur.

Die Verluste hängen mit der jahrelang laxen Ausleihpraxis zusammen. Bilder wurden ohne Dokumentierung und Leihschein ausgeliehen.

Das Werk von Le Corbusier ist mit Abstand der gewichtigste Verlust in der Kunstsammlung. Bei der Frage nach den wertvollsten Werken dahinter bleibt die Stadt allgemein. Laut Marc Huber haben die nächstteuersten Werke einen Schätzwert von um die 10'000 Franken. Insgesamt wird der Wert aller vermissten Kunstwerke auf 2 Millionen Franken geschätzt. Der Begriff «wertvoll» sei für die städtische Kunstsammlung relativ, so Huber. «Wir dokumentieren das lokale Kunstschaffen. Da können auch Werke wertvoll sein, die auf dem Markt rein finanziell betrachtet vielleicht nicht die gleiche Bedeutung haben.»

Die Verluste hängen vor allem mit der jahrelang ziemlich laxen Ausleihpraxis zusammen. So wurden Bilder etwa ohne Dokumentierung und Leihschein ausgeliehen, Standortkontrollen gab es keine. In den letzten Jahren nahm das Hochbaudepartement die Zügel fester in die Hand: Es gründete eine eigene Fachstelle und professionalisierte die Bewirtschaftung der Kunstsammlung – keine Ausleihe ohne Leihschein, professionelle Begleitung bei Umzügen, konsequentes Nachführen der Standorte, permanente Standortkontrollen, lautet die Devise.

2009 startete man das Projekt «Überprüfung aller Kunstwerke der Stadt Zürich». Erstaunlich: Es war die erste Inventur in der über 100-jährigen Geschichte der Kunstsammlung. Neben den gesamten Lagerbeständen wurden im Laufe der Jahre auch die vielen Tausend an städtische Mitarbeitende ausgeliehenen Werke kontrolliert.

Keine neuen Verluste in den letzten Jahren

Weiter beschloss die Stadt, jedes Jahr die ausgeliehenen Kunstwerke eines Departements genau unter die Lupe zu nehmen. Dabei werden alle Räume einer Liegenschaft überprüft, auch solche, die auf der Liste der Leihgaben nicht als Werkstandort erscheinen. Die verschärfte Kontrolle zahlte sich aus, die Verluste gingen stark zurück. Laut Sprecher Marc Huber konnten in den letzten Jahren zudem mehrere Dutzend Werke wieder aufgestöbert werden, allein in diesem Jahr sechs Stück.

Lücken in der Kunstsammlung bereiten nicht nur der Stadt Zürich Sorgen. Auch Bern sieht sich mit Verlusten konfrontiert. Die Stadt vermisst derzeit 100 bis 200 Kunstwerke, wie die «Berner Zeitung» berichtete.

Auch die Kunstsammlung des Kantons Zürich hatte schon Verluste zu beklagen. 2004 war bekannt geworden, dass in der Sammlung zwar 13'600 Kunstwerke registriert waren, 2000 Objekte im Wert von 2,5 Millionen aber nicht mehr auffindbar waren. Der Regierungsrat reagierte. «In den letzten Jahren wurden Strukturen aufgebaut, die dem Verlust von Kunstwerken vorbeugen», sagt Isabelle Rüegg, Sprecherin der kantonalen Baudirektion. So werden beispielsweise alle drei Jahre Standortkontrollen durchgeführt. Ist ein Kunstwerk nicht am vorgesehenen Platz, kann dem sofort nachgegangen werden. Dank klaren Regeln und Verantwortlichkeiten seien in den letzten Jahren keine nennenswerten Verluste mehr aufgetreten.

Mehrere Städte und Kantone halten die Listen der verschwundenen Kunstwerke unter Verschluss. Der Kunstrechtsexperte Andrea Raschèr hält dies für fragwürdig: «Die Behörden müssen Transparenz schaffen, ansonsten entsteht der Eindruck, dass sie unliebsame Überraschungen verstecken wollen», sagte er der «SonntagsZeitung». Die grosse Zahl verschwundener Werke zeuge davon, wie sorglos die öff Bilderentlichen Sammlungen teilweise geführt worden seien – oder geführt würden.

Erstellt: 30.10.2017, 23:22 Uhr

Kein Vorzugsrecht für Stadträte

Mit 34 500 Werken ist die Kunstsammlung der Stadt Zürich die grösste städtische Sammlung der Schweiz. Sie dokumentiert das Zürcher Kunstschaffen der letzten 100 Jahre wie auch den Wandel des herrschenden Kunstgeschmacks, wie es auf ihrer Website heisst. Rund ein Drittel der Kunstwerke sind Originalwerke wie Gemälde, Skulpturen oder Kunst-am-Bau-Werke. Zwei Drittel der Sammlung sind druckgrafische Blätter. Diese wurden in erster Linie als Raumschmuck für Büros, Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen und weitere städtische Institutionen erworben.

Die Kunstsammlung verfügt über zahlreiche wertvolle Werke. Etwa von Augusto und Giovanni Giacometti, Max Bill, Fischli/Weiss oder Pipilotti Rist. Immer wieder hat der Stadtrat «günstige Gelegenheiten wahrgenommen, Werke von wichtigen zeitgenössischen Schweizer Kunstschaffenden anzukaufen oder die Sammlung mit bedeutender historischer Kunst zu erweitern», wie es im ­Beschrieb weiter heisst. So besitzt sie heute Werke von Ferdinand Hodler, Cuno Amiet, Johann Heinrich Füssli oder eben Le Corbusier, von dem ihr ein Werk abhandengekommen ist.

Für die Bewirtschaftung der Kunstgüter ist eine eigene Fachstelle zuständig. Diese verleiht Werke an städtische Angestellte und an Ausstellungen, nicht aber an Privatpersonen. Rund 13 000 Werke sind derzeit ausgeliehen und an über 800 Adressen platziert: in Amtshäusern, Polizeiwachen oder etwa auch in sozialen Einrichtungen. Jährlich werden etwa 1500 Werke stadtintern ausgeliehen und etwa gleich viele kommen ins Lager zurück. Dass Stadtratsmitglieder und Chefbeamte ein Vorzugsrecht bei der Auswahl von Kunstwerken für ihr Büro haben sollen, sei allerdings nicht mehr als ein Gerücht, sagt Marc Huber von Immobilien Stadt Zürich: «Bei der Auswahl der Kunstwerke werden alle städtischen Angestellten gleich behandelt. Darauf legen wir grossen Wert.» (mth)

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