Stau in Zürich: Rang 6 in Europa oder nur Rang 41?

Für die Bürgerlichen ist Zürich eine der staureichsten Städte Europas. Stadtrat und Regierungsrat sehen das weniger dramatisch.

Ein Klassiker: Stau auf der Rosengartenstrasse. Foto: Sabina Bobst

Ein Klassiker: Stau auf der Rosengartenstrasse. Foto: Sabina Bobst

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Genau dieselbe Anfrage reichten CVP, FDP und SVP beim Stadtrat und beim Regierungsrat ein: Was bedeuten die überdurchschnittlich vielen Staustunden auf den Strassen der Stadt Zürich für die Wirtschaft und die Sicherheit, und wie wollen Stadt- und Regierungsrat Abhilfe schaffen? Auslöser der Anfragen waren die weltweiten Stauzahlen des Navigationsunternehmens TomTom und des US-Verkehrsdienstes Inrix.

Die bürgerlichen Gemeinde- und Kantonsräte entnahmen diesen Listen Folgendes: Zürich gehört zu den sechs staureichsten Städten Europas – hinter Moskau, London, Paris, Istanbul und Krasnodar. Der durchschnittliche Zürcher Autofahrer verbringt 54 Stunden pro Jahr im Stau, doppelt so viel wie der Schweizer Durchschnitt. Weiter schreiben die Bürgerlichen, dass sich viele der Stauschwerpunkte dort befänden, wo die Stadt Verkehrskapazitäten reduziert habe oder plane: Pfingstweidstrasse, Forchstrasse, Utoquai, Uraniastrasse.

Stau auch in der Agglomeration

Die Idee der gleichlautenden Anfragen haben Stadt- und Regierungsrat jetzt übernommen und beantworten die Vorstösse mit fast genau gleichen Worten. Sie beurteilen den Stau generell als unerwünscht, zitieren TomTom aber mit anderen Zahlen: Stau-Rang 41 bei den Städten aller Grössen und Rang 25 der kleinen Städte – «was die schlechte Rangierung von Zürich auf Platz 6 im Inrix-Ranking stark relativiert». Weiter weisen beide Exekutiven darauf hin, dass die TomTom-Auswertung nicht allein der Stadt Zürich gilt, sondern auch der Agglomeration: 6 der 25 Stauschwerpunkte befinden sich auf der Nord- und der Westumfahrung (A 1 und A 3) – «und somit nicht in der Zuständigkeit der Stadt Zürich». Wie Inrix auf seine Bewertung kam, sei nicht nachvollziehbar.

Für die volkswirtschaftlichen Kosten der Staus verweisen beide Exekutiven auf das Bundesamt für Raumentwicklung, das 2014 Staukosten infolge Zeitverlusten von 1245 Millionen Franken für die ganze Schweiz berechnet hat. Für den Kanton Zürich würde das 220 bis 264 Millionen Franken machen. Berechnungen für die Stadt liegen nicht vor.

Generell messen Stadt- und Regierungsrat in ihren Antworten dem motorisierten Individualverkehr eine grosse Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Zürich zu. Für die Abwicklung grosser Personenmengen im städtischen Raum sei er aber weniger geeignet als der öffentliche Verkehr. «Die Stadt Zürich verfolgt das Ziel, die Leistungsfähigkeit des gesamten Verkehrssystems möglichst hoch zu halten und den Strassenraum optimal zu nutzen.» Und mit der Regionalen Leitzentrale Verkehrsraum Zürich – einem Verbund des Kantons mit den Städten Zürich und Winterthur – sei eine integrale Bewirtschaftung des Strassenverkehrs sichergestellt.

Keine Fremdwörter im Kanton

«Integrale Bewirtschaftung» steht in beiden Antworten. Das überrascht, weil der Regierungsrat sonst immer ein deutsches Wort verwendet, wo der Stadtrat zum Fremdwort greift. So steht im Text des Kantons «wirtschaftliche Mittel», in dem der Stadt «wirtschaftliche Ressourcen». Das zieht sich durch: «neuste Berechnung»/«aktuellste Berechnung», «insgesamt»/«total», «beruht»/«basiert» oder «schwerwiegende»/«gravierende». Doch dürfte das die bürgerlichen Gemeinde- und Kantonsräte nicht darüber hinwegtrösten, dass es ihnen sonst nicht gelungen ist, mit identischen Fragen unterschiedliche Bewertungen des Zürcher Stauwesens zu erfahren.

Erstellt: 25.05.2017, 20:58 Uhr

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