Die Füchse wären lieber Igel

Sich verzetteln ist schlecht. Aber wir lassen uns trotzdem treiben.

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Einmal im Jahr bringen die Schulkinder der ganzen Stadt am Abend ihre Kissen und Stofftiere und machen es sich im abgedunkelten Klassenzimmer gemütlich. Dann warten sie auf die Geschichte; das Vorlesen übernehmen meist die Eltern. «Auch wir haben Rechte» war dieses Jahr das Thema, ich hatte eine Geschichte von Ferdinand von Schirach ausgesucht, einem deutschen Anwalt, Beobachtungen aus dem Gerichtssaal. Die Story heisst «Der Igel» und spielt unter libanesischen Gangstern in Berlin. Karim ist der Jüngste in einer Familie von Dieben und Drogendealern, ein schmächtiger Junge, der meist nichts sagt, seine grossen, muskulösen Brüder nennen ihn nur den «Dummen».

Eines Tages beginnt Karim zu reden, als Zeuge vor Gericht, und bewahrt einen seiner Brüder vor einer langen Gefängnisstrafe. Die Grossen realisieren gar nicht, wie raffiniert er seinen Auftritt durchgedacht hat. Denn der «Dumme» ist in Wirklichkeit ein mathematisches Genie. Er verdient sein Geld nicht mit der Knarre wie seine Brüder, sondern am Computer, mit Spekulationen an der Börse. Karim studiert, wohnt bürgerlich und hat eine nette Freundin, aber seine Gangsterfamilie weiss nichts davon - Karim hat sich den Satz des Archilochos zu Herzen genommen, dass «der Fuchs viele Sachen weiss, aber der Igel nur eine grosse.» Und Karim ist ein Igel.

Man lernt mehr über das Leben, wenn man sich auf eine Sache konzentriert.

«Diesen Satz hat vor über zweitausend Jahren ein griechischer Dichter geschrieben», sagte ich den Kindern. «Er bedeutet, dass man mehr lernt über das Leben, wenn man sich sich nicht verzettelt.» Wir kommen immer auf die alten Griechen zurück, dachte ich und bereute in dem Moment, dass ich - ganz fuchsmässig - den eigenen Kindern geraten habe, in der Mittelschule die alten Sprachen abzuwählen.

An diesem Abend waren wir noch im Samigo bei Sami, dem Palästinenser. Es glitzerte, hämmerte, dampfte, Sami hat aus dem Quai 61 ein schräges Variété gemacht. Wo hat man das in Zürich, diese Mischung aus Chilbi und autonomen Jugendzentrum, aber genau diese Mischung ist die DNA der Stadt, es brauchte einen Palästinenser, um das zu begreifen. Mitten im Trubel sagte ein Freund zu mir, dass seine Mutter im Sterben liege. Ich verstand ihn kaum wegen der lauten Musik, «so seltsam, du bist im Spital, gehst du ins Büro, dann landest du hier, und alles hat seine Berechtigung.»

«Wir lassen uns treiben», sagte ich. «Wir haben das Steuerruder verloren.» Mein Freund nickte. Wie die Füchse, dachte ich. Dabei wären wir so gerne wie die Igel.


Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

Erstellt: 10.11.2019, 18:18 Uhr

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