«Carlos könnte seine Strafe in der Romandie absitzen»

Strafrechtsprofessor Daniel Jositsch schlägt vor, die verfahrene Situation mit einem Ortswechsel zu entschärfen.

Der Prozess gegen Carlos sorgte für grosses Medienecho. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Dielsdorf wurde aus Platzgründen in Zürich durchgeführt.

Der Prozess gegen Carlos sorgte für grosses Medienecho. Der Prozess vor dem Bezirksgericht Dielsdorf wurde aus Platzgründen in Zürich durchgeführt. Bild: Keystone

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Das Gericht hat Carlos alias Brian wegen versuchter schwerer Körperverletzung und weiterer Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten verurteilt. Auf eine Verwahrung verzichtete es. Die Freiheitsstrafe wird zugunsten einer stationären Massnahme aufgeschoben, der sogenannten kleinen Verwahrung.

Für Fachleute aus dem Justizbereich hat das Gericht einen vernünftigen Entscheid gefällt. «Das Urteil entspricht meinen Erwartungen und überrascht mich nicht», sagte Andreas Brunner, ehemaliger Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich. Jetzt sei das Amt für Justizvollzug gefordert, sich eine «kreative Idee einfallen zu lassen». Ob die stationäre Massnahme aber Carlos’ gegenwärtige Einstellung ändern werde, sei schwierig zu beantworten. Die Erfahrung habe aber gezeigt, dass Leute, welche anfänglich eine Therapie ablehnten, mit der Zeit doch noch an einer solchen teilnehmen würden.

«Weder Verwahrung noch Freilandexperiment»

Für den Gerichtspsychiater Frank Urbaniok hat das Gericht auf das «Prinzip Hoffnung» gesetzt und dem jungen Mann nochmals eine Chance gegeben. Das Urteil sei psychologisch nachvollziehbar: Weder eine Verwahrung noch ein «Freilandexperiment», welches die Bevölkerung einem Risiko aussetzen würde.

«Hier hat das Gericht ein klares Gegensignal gesetzt.»Frank Urbaniok, Gerichtspsychiater

Carlos müsse jetzt in der Therapie eine minimale Kooperation zeigen und, ganz wichtig, auf Gewalt verzichten. Für Urbaniok ist auch wichtig, dass Carlos kein Justizopfer ist und Strafanstalten keine rechtsfreien Räume sind. «Hier hat das Gericht ein klares Gegensignal gesetzt.»

Auch für den Strafrechtsprofessor und SP-Ständerat Daniel Jositsch ist nun der Strafvollzug gefordert. Um die verfahrene Situation zu entkrampfen, wäre eine Möglichkeit, dass Carlos in der Romandie die Strafe absitzen würde, ist er doch zweisprachig. Dort hätte er nicht mehr den «Promi-Status» wie in Zürich und würde sich in einem neuen Umfeld bewähren müssen.

«Wieder auf Feld 1»

Brigitte Hürlimann, Gerichtsreporterin der «Republik», begrüsst, dass von Verwahrung keine Rede war, obwohl die versuchte schwere Köperverletzung als Anlassdelikt bejaht worden war. Mit diesem Urteil sei man aber wieder auf Feld 1, denn der Justizvollzug müsse nun die stationäre Massnahme durchführen.

«Das Urteil ist gut gemeint»Brigitte Hürlimann, Gerichtsreporterin

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Abwärtsspirale innerhalb einer geschlossenen Anstalt weiter drehe, sei gross. «Das Urteil ist gut gemeint, aber es ist fraglich, ob es das Problem lösen kann; da muss schon ein kleines Wunder geschehen.»

Der Verteidiger von Carlos wollte sich nicht zum Entscheid äussern, auch nicht zu einer möglichen Berufung. Staatsanwalt Ulrich Krättli erklärte im Anschluss gegenüber dem «Blick», dass sich das Gericht hier an einen letzten Strohhalm klammere, um Carlos zur Vernunft zu bringen.

Erstellt: 06.11.2019, 18:49 Uhr

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