Streit um das Corbusier-Haus

Heidi Weber hat das von ihr initiierte Haus von Le Corbusier leer räumen lassen. Sie ist empört über die Stadt.

Damals war noch alles auf gutem Weg: Heidi Weber bei Aufräumarbeiten im Frühling 2014. Foto: Dominique Meienberg

Damals war noch alles auf gutem Weg: Heidi Weber bei Aufräumarbeiten im Frühling 2014. Foto: Dominique Meienberg

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Im Centre Le Corbusier an der Höschgasse 8 herrscht reges Treiben in diesen Tagen. Städtische Kulturangestellte rücken Architekturmodelle zurecht, montieren Scheinwerfer und hängen Fotos auf. Sie bereiten alles für die Ausstellung «René Burri Le Corbusier – Maison d’homme» vor, die am Mittwoch eröffnet wird. Noch vor kurzem präsentierte sich der Künstlerbau als leere Hülle. Dutzenden von Objekten wie Lithografien, Möbel, Skulpturen und ein kunstvoller Wandteppich des Multitalents Le Corbusier wurden Mitte Mai abtransportiert. Hintergrund der Räumungsaktion ist ein Streit zwischen der Kulturabteilung der Stadt Zürich und Heidi Weber.

Um den Disput verstehen zu können, muss man die Entstehungsgeschichte des Corbusier-Hauses kennen. Weber war die treibende Kraft hinter dem Bau. Ihr Name prangt nicht nur am Eingang des Museums – «Heidi Weber Haus von Le Corbusier». Ohne sie würde es den Mitte der 60er-Jahre gebauten Kubus mit der auffällig farbigen Fassade nicht geben. Sie bezahlte den Pavillon, die Stadt stellte die Parzelle im Baurecht für 50 Jahre unentgeltlich zur Verfügung. Im Mai vor zwei Jahren ist das Baurecht dahingefallen, und das einzigartige Kulturdenkmal gehört seither der Stadt Zürich.

Zerbrochene Harmonie

Die vielen Corbusier-Originale würden im Haus bleiben, hiess es vor zwei Jahren. Sie wolle auch regelmässig Exponate aus ihrem reichen Fundus für Ausstellungen beisteuern, sagte Weber damals. Erstmals seit Jahrzehnten fühlte sie sich und ihre Arbeit von der Stadt Zürich ernst genommen und wertgeschätzt. Das Verhältnis war nämlich seit je belastet. 2014 fand Weber lobende Worte für Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) und Kulturchef Peter Haerle, nachdem sich beide Seiten angenähert hatten. Mauch und Haerle seien sehr korrekt und respektvoll gewesen.

Mittlerweile ist von der Harmonie nicht mehr viel zu spüren. «Ich bin über die Stadt empört», sagt Heidi Weber im Gespräch mit dem TA. Die 89-Jährige ist unzufrieden darüber, dass die vor zwei Jahren geplante öffentlich-rechtliche Stiftung nicht existiert. Diese sei versprochen, aber nie realisiert worden. Dem TA liegt ein «Letter of Intent» vom März 2014 vor. Darin steht geschrieben: Stadtpräsidentin Corine Mauch werde sich «mit aller Kraft dafür einsetzen, die zuständigen politischen Instanzen zu überzeugen, eine öffentlich-rechtliche Stiftung zu gründen». Die Stadt verweist darauf, dass eine solche Stiftung wegen einer anstehenden Änderung des kantonale Gemeindegesetzes nicht mehr möglich sei und keinen Sinn mehr ergebe. Deshalb will die Stadt als künftige Trägerschaft einen Verein gründen. Weber sieht sich dadurch über den Tisch gezogen.

Der Streit um den Namen

Der zweite Streitpunkt betrifft die Namensgebung des Corbusier-Hauses. Weber verknüpfte die Dauerleihgabe der Exponate an die Bedingung, dass das Architekturjuwel «Heidi Weber Haus von Le Corbusier» genannt werden müsse. Nach Ansicht von Weber ging die Kulturabteilung aber nicht darauf ein. «Die Stadt will die Entstehungsgeschichte des Hauses verfälschen und meinen Namen weglassen», kritisiert Weber. «Die Verdienste von Frau Weber rund um den Pavillon sind unbestritten. Neu wird beim Eingang eine Tafel in Deutsch und Englisch auf die kulturellen Verdienste von Frau Weber hinweisen», sagt Nat Bächtold, Sprecher des Zürcher Präsidialdepartements.

Der Vertrag für die Dauerleihgabe habe diesen Mai geendet, sagt Bächtold. Anschliessend hätte die Stadt fast 200'000 Franken pro Jahr als Gebühr bezahlen müssen. Diese Forderung habe man nicht akzeptierten können. Weber spricht von 75'000 Franken, was fünf Prozent der Versicherungssumme der Exponate entspreche. «Das Geld hätte nicht ich, sondern die Stiftung erhalten», sagt Weber. Darauf unterbreitete die Stadt zweimal ein knapp siebenstelliges Kaufangebot für Mobiliar und Bilder. Vergeblich.

«Wir tragen jetzt Corbusier in die Welt hinaus», sagt Weber, die mehrheitlich in Dubai lebt. In Shanghai und Santiago de Chile sei sie in Gesprächen über Corbusier-Museen. Die Stadt Zürich hat die entstandenen Lücken im Corbusier-Haus an der Höschgasse mit vielen Leihgaben von Privaten gefüllt. Bächtold spricht von einem gleichwertigen Ersatz: «Der Besuch des Pavillons wird auch diese Saison ein Erlebnis.»

Erstellt: 31.05.2016, 01:50 Uhr

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