Tanzen, bis der Cowboy kommt

Für das zweite Kapitel des Projekts «They Shoot Horses …» tanzte das Theater am Neumarkt im HB an. Mit dabei: Ein Cowboy auf Rollschuhen.

Elegant in jeder Hinsicht: Der Cowboy des Theaters am Neumarkt rollt durch den Hauptbahnhof.

Elegant in jeder Hinsicht: Der Cowboy des Theaters am Neumarkt rollt durch den Hauptbahnhof. Bild: Reto Oeschger

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Das Theater drängt als Würfel in die Öffentlichkeit. In der Wannerhalle, ganz hinten im Zürcher Hauptbahnhof, steht der Neumarkt-Würfel. Auf der anderen Seite, auf dem Europaplatz, steht derselbe geometrische Körper, einfach mit anderem Theater drin: Schauspielhaus.

Tanzen dem Ende ihres Marathons entgegen: Die beiden Casts vom Theater Spektakel. Fotos: Reto Oeschger

Der Neumarkt-Würfel ist so etwas wie die Fortsetzung des Theater Spektakel. «They Shoot Horses …» heisst die Produktion, es ist ein Tanzmarathon, der auf der Landiwiese mit einem riesigen Casting begonnen hat, der sich heute Freitag im Hauptbahnhof fortsetzt und dann in einigen Wochen im Neumarkt enden wird. Mitmachtheater ist ein abwertender Begriff für Theater, das die Öffentlichkeit, das Publikum einbeziehen möchte.

Heimwerker mögen Selbermachtheater

Im HB tanzen diesen Morgen eine Frau und ein Mann im Würfel. Langsam, ungelenk, ausdauernd. Hinter ihnen eine Videowand, vor ihnen einige Zuschauerinnen und Zuschauer. Einer, der im Trenchcoat vor der Box steht, trägt eine Mütze eines Heimwerkermarktes. Ist es vielleicht Selbermachtheater, das uns da gezeigt wird? Noch mehr Fragen: Welche Eigenschaften bringen die beiden auf die Bühne? Was hebt sie aus der Masse hervor? Weshalb haben die Neumarkt-Leute genau sie gecastet?

Was sie hier zeigen, man ist froh um die kundige Einordnung, «ist unglaublich, spektakulär, es verschiebt Grenzen», das ist Theatersport der Spitzenklasse: Glaubt man dem Cowboy, der den Würfel unablässig und elegant und kommentierend auf Rollschuhen umkurvt, haben die beiden seit dem Theater Spektakel durchgetanzt. «24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, zweieinhalb Wochen – und nur jede Stunde 10 Minuten Pause.» Sie haben jegliches Gefühl für die Zeit verloren.

Der Cowboy kommentiert auf Englisch, schliesslich ist der HB der Knotenpunkt einer Weltstadt.

Die Laufbänder, auf denen sie ihren Tanzmarathon vollbringen, drehen zwar nur noch ganz langsam, aber unaufhörlich. «Slow Dance», sagt der Cowboy im hellgelben Anzug und dem markanten Schnauz, «ist das Schwierigste», er rollt jetzt in der Fliegerposition, auf einem Bein nur. Weil man beginne, sich Fragen zu stellen, weil das Hirn breiig werde. Der Cowboy kommentiert auf Englisch, schliesslich ist der HB der Knotenpunkt einer Weltstadt. Seine Eleganz in der Bewegung, sein Stil in der Erscheinung kontrastieren zu den beiden, die in Slow Motion durch den Morgen tanzen. Die sich immer wieder aufrichten – einen Moment zuvor sah es noch so aus, als würden sie kollabieren. «Am Ende», sagt der Cowboy, sein Schnauz ist beeindruckend, ein richtiger Balken, «kann nur jemand gewinnen.»

Ohne Rhythmus und Melodie: Tanzen unter erschwerten Bedingungen.

Vor dem Würfel stehen wenige weisse Stühle. Die meisten unbesetzt. Zwei Wanderer haben sich hingesetzt, legen eine Rast ein, eine Mutter parkiert den Kinderwagen, aber ein richtiger Menschenauflauf entsteht nicht. Vielleicht sollte man nicht zu viel hineininterpretieren in die Leere. Rund um den Würfel herum steht viel kulturaffin aussehendes Personal. Der Cowboy kurvt und kommentiert, die beiden spielen erschöpfte Läufer, schweisslose Erschöpfung hinter Glas, sie tanzen ihren Marathon zu Musik ohne Rhythmus und ohne Melodie, ihre Socken verraten: Sie haben Feuer fürs Theater, sie brennen dafür, orange Flammen züngeln über die Knöchel.

Der Kubus im Hauptbahnhof wird von 6. bis 10. September täglich von morgens bis spätabends mit Live-Performances, Tableaux vivants, Live-Filmdrehs und Videoinstallationen bespielt werden. Alle Infos gibt es hier.

Erstellt: 06.09.2019, 15:50 Uhr

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