Tausende protestieren in Zürich gegen die türkische Militäraktion

Am Samstag zog ein Protest zur Unterstützung der Kurden in Nordsyrien durch die Innenstadt. Laut Polizei blieb es ruhig.

Kurden demonstrieren gegen die Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien. Video: Tamedia

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Am Ende geht alles ganz schnell. Während zwei Stunden sind Tausende Kurden und Unterstützer ihrer Anliegen mit einer eindrucksvollen Demonstration durch die Innenstadt gezogen, vollkommen friedlich, trotz gelegentlicher Böller- und Nebelpetarden. Der Ablauf ist sehr gut organisiert, Dutzende Helfer lotsen den Zug vom Helvetiaplatz zum Rennweg und wieder die Bahnhofstrasse hoch, der Zug besteht aus Menschen jeden Alters, vielen Familien auch.

Als die Menge beim Helvetiaplatz ankommt, entsteht Unruhe, eine Gruppe von ungefähr 50 Männern zieht laut skandierend in die Langstrasse – ihnen hinterher Gruppen von jungen Männern und vereinzelten Frauen, die mit Pyros, Sturmhauben und sonstigen Klassikern aus dem Krawall-Kit für den Profi ausgerüstet sind. Das Leben an der Langstrasse kommt kurz zum Erliegen, während der Demonstrationszug berät, ob man die Konfrontation mit der Polizei wagen will. Kurz darauf aber wird die Parole ausgegeben, man ziehe wieder zurück zum Helvetiaplatz, was der Zug von ungefähr 150 Menschen dann auch tut.

Die Demonstranten zündeten während dem Protestmarsch Petarden und Böller. (12. Oktober 2019) Foto: Raisa Durandi

Es wäre schade gewesen, denn die zuvor durch Zürich ziehenden Menschen demonstrierten ihre Solidarität bestimmt, aber friedlich. Inmitten eines Meers bunter Fahnen zogen Tausende Kurden durch Zürich, viele kurdische Familien und verschiedene linke Organisationen. Aus Boxen schepperten Aufrufe zur Solidarität, kurdische Volksmusik und Parolen: «Gegen gegen den faschistischen und islamistischen Angriffskrieg der Türkei, Frieden für Rojavan, hoch die internationale Solidarität.»

Eine Eskalation hätte der kurdischen Sache wohl kaum gedient, hätte ihr aber schaden können – für die folgenden Tage und Wochen sind überall in Europa Demonstrationen und Aktionen gegen das Vorgehen der türkischen Regierung angekündigt. Damit wollen linke Organisationen und kurdische Verbände Druck machen, damit sich die Politiker in der Schweiz, aber auch in der EU deutlicher vom rücksichtslosen Vorgehen der Türkei abgrenzen und Erdogan zur Verantwortung ziehen.

Auch Familien mit Kindern beteiligten sich an der Demonstration. (12. Oktober 2019) Foto: Raisa Durandi

Bereits am Donnerstagnachmittag demonstrierten weit über hundert Kurden und Sympathisanten in der Zürcher Innenstadt, entlang dem Limmatquai.

Auch in Bellinzona fand am Samstag eine Demonstration gegen die türkische Invasion in den syrischen Kurdengebieten statt. Zirka 300 Personen nahmen daran teil. «Erdogan – Assassino» (Mörder) wurde dabei am meisten gerufen.

Die USA ermöglichten diese Woche der Türkei den Einmarsch ins syrische Grenzgebiet. Dort stationierte US-Truppen sollten sie gewähren lassen, verordnete Präsident Donald Trump. Die Kurden fühlten sich durch diesen Entscheid verraten. Jahrelang waren die Kurden-Milizen eine der wichtigsten Kräfte im Kampf gegen den IS, und sie wurden dabei von den USA im Kampf unterstützt. Diese Unterstützung wurde ihnen nun entzogen.

Tausende unterstützten mit ihrer Teilnahme am Protest die Forderungen der Kurden. (12. Oktober 2019) Foto: Raisa Durandi

Seit Mittwoch läuft nun die türkische Militäroperation. Nach ersten Bombardements rückten inzwischen auch Bodentruppen ein. Seit Monaten drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit einer solchen Invasion. Bereits 2018 liess die Türkei Afrin angreifen, ebenfalls eine kurdische Region in Syrien, die von der YPG kontrolliert wurde. Erdogan betrachtet die YPG als syrischen Ableger der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die PKK kämpft seit Jahrzehnten gegen den türkischen Staat.

Als damals die Offensive gegen Afrin lief, demonstrierten im ersten Quartal 2018 fast jeden zweiten Tag Kurden in Zürich, um ihre Solidarität kund zu tun. Manchmal waren es kleinere Proteste, manchmal strömten aber auch aus der ganzen Schweiz Tausende nach Zürich. Die Demonstrationen blieben bis auf vereinzelte Zwischenfälle friedlich. (mcb)

Erstellt: 12.10.2019, 16:26 Uhr

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