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Teil 17: Das leere Schliessfach

Der Sommerroman im Tages-Anzeiger. Folge 17: Warum Roland Winter über den Sommer flucht.

Vor den Schliessfächern blickte er um sich. Niemand interessierte sich für ihn, alle gingen zügig ihres Weges. Er zückte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche.
Vor den Schliessfächern blickte er um sich. Niemand interessierte sich für ihn, alle gingen zügig ihres Weges. Er zückte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche.
Nicola Pitaro

Was bisher geschah: Sarah hat sich mit Franco und Fabia versöhnt. Die drei haben einen Plan gefasst, um das fehlende Kokain zu ersetzen.

Roland Winter hatte den Kragen seines Regenmantels hochgeschlagen und trug seinen schwarzen Knirps dicht über dem Kopf. Es regnete in Strömen, als er den Bahnhof Oerlikon betrat, den nassen Schirm unter dem Arm. Der Sommer hatte sich verabschiedet, bevor er richtig angekommen war. Mit seiner rechten Hand umklammerte Winter eine Aktentasche voller gebrauchter, sorgfältig abgezählter Tausendernoten. Er war bereit für den Tausch.

Vor den Schliessfächern blickte er um sich. Niemand interessierte sich für ihn, alle gingen zügig ihres Weges. Er zückte einen Schlüssel aus seiner Hosentasche und öffnete das Fach 13. Sein Arm war bereits vorgeschnellt, da realisierte er erst: Das Fach war leer.

Er schloss das Fach wieder, entfernte sich einige Schritte und kickte eine leere Büchse gegen die Wand. Dann atmete er tief durch. Seine Hände zitterten leicht, als er nach seinem vibrierenden Handy griff. «Robert Soland» stand auf dem Display. «Der fehlt mir gerade noch», dachte Winter und nahm ab. «Röbeli, ciao. Was willst du?» «Ja was wohl?» Soland liess genüsslich einige Sekunden verstreichen, bevor er antwortete:

«Ich habe nachgedacht, Roli. Die Sache ist ganz einfach: Entweder du besorgst mir eine Mehrheit im Gemeinderat, oder ich lasse dich auffliegen. Da gäbs ganz schöne Schlagzeilen, weisst du. Wie beispielsweise: ‹Winter dealt Schnee›, hehe.»

Winter kickte die Dose nochmals gegen die Wand. «Röbeli, du bist ein Sauhund.» Dann legte er auf. Er verliess das Bahnhofsgebäude, den Schirm unter dem Arm, obwohl es noch immer Bindfäden regnete. «Scheisssommer!» Was sollte er tun? Er wusste, dass Röbeli keine leeren Drohungen ausstiess. Der war zu allem fähig, was er im Umgang mit seinen Mietern schon mehrmals bewiesen hatte. Wie konnte Winter nur so blöd sein, Soland bei sich zu Hause Koks anzubieten? Röbeli hatte sich die Linie zwar geübt reingezogen, hatte dann aber alles über seinen Stoff wissen wollen. Winter hatte aus falschem Stolz unüberlegt ausgepackt. Und jetzt wusste Röbeli schlicht zu viel. Obwohl Röbelis Drohung ihm die Kehle zuschnürte, sah er keinen Weg, die Grünliberalen für sich zu gewinnen. Er kannte die zwölf Neuen einfach zu schlecht, wusste nicht, mit welchen Deals sie zu gewinnen waren. Auf Erni war Verlass, aber auch der zweifelte, ob er die Fraktion hinter sich bringen könnte.

Winter setzte sich in das 11er-Tram und fuhr bis zum Schaffhauserplatz. Als er ausstieg, fühlte er sich so kaputt, dass er einem Taxi winkte und sich nach Hause chauffieren liess. Zu Hause schloss er die Tasche in seinen Safe, liess sich auf die Couch fallen und genehmigte sich einen Talisker, seinen liebsten Single Malt. Wie gerne hätte er seine miese Laune mit einer kleinen Linie aufpoliert. Aber wegen dieser unzuverlässigen Neapolitaner war seine Vorratskammer leer. Er griff zum Telefon und wählte eine der wenigen Nummern, die er auswendig konnte. «Ciao, sono io.» «Ciao», sagte Don Lauro mit einer Stimme, die so rauchig wirkte, wie der Talisker schmeckte. «Che cosa c’è?» (Was gibts?) Winter erzählte ihm, so beherrscht wie möglich, dass er ein leeres Schliessfach vorgefunden hatte. Bei Don Lauro musste man sich zusammenreissen, er konnte Ausfälligkeiten ebenso wenig leiden wie Dilettanten. Don Lauro sagte bloss:

«Ci penso io» (Ich kümmere mich darum), und legte auf.

Don Lauro war ein Kind der Camorra. Sein Vater, seine drei Onkel, alle seine Söhne und Töchter waren von klein auf in die Strukturen des Clans eingeführt worden. Er war bereit, für seine Familie, und damit meinte er alle Clan-Mitglieder, zu sterben. Doch auch von ihnen erwartete er alles. Wenn jemand einen Auftrag in den Sand setzte, dann wurde auch aus dem Versager Sand – so einfach funktionierte das. Don Lauro hatte schon länger an Gaetanos Fähigkeiten gezweifelt. Er war ein Hitzkopf, der sich nur mit den Fäusten durchzuschlagen wusste. Eine letzte Chance würde er ihm noch geben.

Gaetano lag auf dem Sofa in Fabias verwüsteter Wohnung, auf seinem Schoss ein angebissenes Sandwich, als sein Telefonino vibrierte. Er wusste auch ohne auf das Display zu schauen, wer am anderen Ende der Leitung war. «Pronto», sagte Gaetano. «Cosa hai fatto?» (Was hast du gemacht?), fragte Don Lauro.

Gaetano wusste, dass er mit Lügen nicht durchkommen würde. Er sprang vom Sofa, ging im Wohnzimmer auf und ab und erzählte dem Capo in kurzen Sätzen, was passiert war. Von der Verwechslung der Urnen am Flughafen, seinem Versuch, den Idioten von einem Neapolitaner zu schnappen, und dem Kokain, das im See gelandet war. Er versicherte Don Lauro, er könne die Sache in Ordnung bringen, er brauche nur noch etwas Zeit. Seine Hände schwitzten so stark, dass ihm beinahe das Telefon aus der Hand rutschte.

Während Gaetano wie ein Panther im Käfig auf und ab ging, wild gestikulierte und sich auf seine Geschichte konzentrierte, öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer einen winzigen Spalt weit. Fabia schaute Gaetano kurz zu, staunte über die Sauerei, schloss die Türe lautlos und schlich den Gang entlang in ihr Schlafzimmer. Auch hier hatte ein Orkan gewütet. Überall lagen Scherben und zerbrochene CDs. Auch ihre liebste Scheibe, «Neon Bible» von Arcade Fire, hatte dieser Halbaffe zerstückelt. Fabia unterdrückte ein Fluchen, hob den Koffer vom Kleiderschrank, schmiss Hosen, Jupes, Tops und Unterwäsche hinein, riss den Pass aus der Schreibtischschublade und sammelte sich. Leise betrat sie den alten Parkettboden im Gang, steuerte auf die Haustür zu und stürzte sich ins Treppenhaus.

«Un giorno ancora» (Noch einen Tag), flüsterte Don Lauro in den Hörer. «Morgen um vier Uhr ist das Salz im Schliessfach.» Dann legte er auf.

Gaetano war wie benommen. Ein leises Knacken schärfte seine Sinne. War da jemand? Er riss die Wohnzimmertür auf, dann die Wohnungstür. Er hörte, wie jemand das Treppenhaus runterhechtete, und sprang in einem Satz zehn Stufen hinunter. Und nochmals zehn. Und nochmals zehn. Jetzt sah er eine schmale Frau mit langen blonden Haaren und einem grünen Koffer. Ihr fehlten noch wenige Schritte bis zur Haustür, fast hatte er sie eingeholt.

Fabia hörte ihren Verfolger, spürte, wie er näher kam. Ihr Blick verengte sich, sie sah nur noch ihr Ziel vor Augen. Das Taxi! Sie musste es ins Taxi schaffen. Da stand es, der Fahrer sass Gott sei Dank hinter dem Steuer. Sie riss die Autotür auf, wuchtete den Koffer auf den Rücksitz, sprang hinterher und schrie: «Losfahren, sofort!»

Der Taxifahrer gab Gas, Fabia riss die Autotür zu und drückte die Schliessknöpfe beider Türen hinunter. Als das Taxi um die nächste Ecke bog, sah sie, wie Gaetano keuchend stehen blieb. Sehr gross. Fast zwei Meter. Sehr kräftig. Das war der Typ, der bereits ihren Vater aufgesucht hatte.

«Verdammt», murmelte Fabia. Und staunte gleichzeitig über ihren Mut.

Gaetano war geladen. Fast hätte er die Frau erwischt.

«Cribbio! Cazzo! Merda!», fluchte er vor sich hin und blieb auf dem Trottoir stehen. Einen Tag noch hatte er also Zeit. Doch wo sollte er ansetzen? Der Idiot von einem Neapolitaner, dieser Bassolino-Soland, war untergetaucht. Beim alten Soland war nichts zu holen. Und diese blonde Schlampe, die ihn wahrscheinlich zum Idioten geführt hätte, die hatte er sich durch die Lappen gehen lassen. «Cribbio! Cazzo! Merda!»

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