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Teil 24: Gewitterküsse am See

Der Sommerroman im Tages-Anzeiger: Folge 24: Journalisten bedrängen Röbeli Soland, Gaetano verfolgt Fabia, Sarah und Franco.

Was zuletzt geschah: Der Gemeinderat hat der Motion für günstigere Mieten im Seefeld zugestimmt. Gaetano hat Sarahs Adresse ausfindig gemacht.

Fabia und Sarah schwangen sich auf ihre alten Rennvelos, Franco auf ein Bike von «Züri rollt». Sie «frästen» das Limmatquai entlang, über die Quaibrücke Richtung Enge und hingen ihren Gedanken nach. Fabia fragte sich, wie sie ihrem Cousin noch helfen und wann sie wohl wieder in ihre Wohnung zurückkehren konnte. Ihre Mitbewohner waren Gott sei Dank noch zwei Wochen in den Ferien, zumindest um sie brauchte sie sich vorerst nicht zu sorgen.

Sarah ging in Gedanken alle ihre Kollegen durch, in der Hoffnung, jemand von ihnen könnte ihr eine grosse Menge Koks borgen – doch das waren alle auch nur Gelegenheitskokser wie sie selbst. Franco dachte an seine Mutter und ihren Letzten Willen und fühlte sich richtig schlecht dabei. Er hatte versagt, auf der ganzen Linie. Vor ihm radelte Sarah. Der pinke String, der immer wieder unter den knappen weissen Hosen hochrutschte, lenkte ihn etwas ab.

Als sie in die Sternenstrasse einbogen, stutzte Fabia. Was war das für ein Typ vor Sarahs Haustür? Das war doch der gleiche, der ihr nachgerannt war, als sie bei sich zu Hause den Koffer holte. Auch Franco stutzte. Der Typ kam ihm bekannt vor. Genau: Der war neben ihm gestanden vor dem Sexshop, dem die Bäckerei Soland hatte weichen müssen.

«Scheisse», riefen Fabia und Franco fast zeitgleich und bremsten scharf, Sarah rammte Fabia fast. «Der Typ . . . wir müssen abhauen», stiess Fabia hervor. Sie schauten sich an, rissen ihre Fahrräder herum und trampten los.

Das Manöver hatte auch Gaetano aus seinem Tagtraum gerissen. Er hatte sich eben vorgestellt, wie er die drei vermöbeln und fesseln, sie dann ausquetschen und dazu genüsslich eine rauchen würde. In grossen Sätzen überquerte er die Strasse und sprintete ihnen nach. Er war schnell, und sie mussten erst noch an Tempo gewinnen. Gaetano kam Fabia gefährlich nahe, er hatte bereits seine

Hand nach ihrem Gepäckträger ausgestreckt, da stolperte er über eine Strassenschwelle, und sein linker Fuss knickte um. Der Schmerz liess ihn kurz innehalten, und schon war der Vorsprung der Svizzerotti nicht mehr wettzumachen. «Cribbio, cavolo, merda!»

Nach dem mobilen Kiosk bei der Badi Enge bog Sarah links ab und hielt an. Fabia und Franco bremsten neben ihr.

«Haben wir ihn abgehängt?», fragte Franco keuchend.

«Ja», sagte Fabia. «Bist du auch sicher?» «Ja, der fiel ja noch fast hin an der Sternenstrasse, der konnte uns gar nicht folgen.» Sie stiegen von ihren Velos, warfen diese auf den Boden und legten sich auf die Wiese. Ausser Atem starrten sie in den Himmel. «Und jetzt?», fragte Sarah. «Ich habe genug», sagte Fabia. «Ich gehe zur Polizei.» Franco starrte sie entsetzt an. «Ma no, Fabia!, nicht die Polizei! Die helfen uns doch nicht weiter, die werden uns höchstens noch wegen Kokainhandels anklagen, vielleicht sogar einbuchten. Die glauben uns doch nicht!»

Franco war ganz bleich geworden. Sarah streichelte ihm über seine dunklen Locken, drückte ihn an sich und sagte: «Franco hat recht. Um die Camorra loszuwerden, brauchen wir Koks. Und da wird uns die Polizei kaum behilflich sein, oder?» Fabia zuckte mit den Schultern, sie hatte Tränen in den Augen.

«Ich kann einfach nicht mehr. Ich habe Angst, eine verwüstete Wohnung, die ich nicht mehr betreten kann, und keine Ahnung, wie wir aus diesem Schlamassel rauskommen.» Dabei müsste sie doch morgen geschäftlich nach Amsterdam fliegen. Jetzt nahm Sarah Fabia in die Arme. «Geh zu deinem Vater, sein Haus gleicht doch einem Hochsicherheitstrakt. Wenn du die Türe nicht öffnest, bist du dort sicher. Und morgen fliegst du.» «Und ihr?» «Wir finden schon eine Lösung», sagte Sarah. Auch wenn Franco da seine Zweifel hatte, beruhigten ihn Sarahs Worte. Und er freute sich, mit ihr allein zu sein. Fabia umarmte die beiden und wünschte ihnen viel Glück. Sie stand auf, stieg auf ihr Velo und pedalte los, Richtung Züriberg. Wie ihr Vater sie wohl empfangen würde nach ihrem Interview auf TeleZüri? Jetzt ging es vorerst ums nackte Überleben, beruhigte sie sich, da hatten Eitelkeiten nichts verloren. Und schliesslich hatte ihr Vater ja dem Camorra-Typen ihre Adresse verraten und war schuld daran, dass sie ihre Wohnung vorerst vergessen konnte.

Hoch auf dem Züriberg setzte sich Röbeli Soland erschöpft auf sein weisses Designersofa, das Gesicht immer noch hochrot. Diese verdammten Bolschewisten und linken Schmarotzer hatten sich also mit ihrem Geschwafel von sozialer Durchmischung und Grosskapital durchgesetzt. Hatten sein Lebenswerk, für das er Jahrzehnte geschuftet hatte, zerstört. Etwa fünf Millionen würde er mit dem neuen Gesetz verlieren, die geplante Grossüberbauung an der Stadtgrenze zu Zollikon konnte er jetzt vergessen. Und dann war ihm erst noch seine eigene Tochter in den Rücken gefallen. Noch hatte er nicht gehört, was sie genau auf TeleZüri gesagt hatte, doch die Frage des VJ liess keine Zweifel offen:

«Herr Soland, Sie haben nicht nur die Abstimmung, sondern auch Ihre Tochter verloren. Was schmerzt mehr?» Er konnte sich nicht mehr erinnern, was er geantwortet hatte. Nur noch, dass er den VJ weggeschubst und das Ratshaus fluchtartig verlassen hatte.

Sein Handy klingelte, «unbekannt» hiess es auf dem Display.

«Grüezi, Herr Soland, Linda Rutz vom ‹Regionaljournal›. Ich habe Sie leider im Ratshaus verpasst und hätte gerne noch ein Statement von Ihnen zur Annahme der Senkung der Seefelder Mieten auf stadtübliches Niveau in 50 Prozent aller Liegenschaften.» Soland brüllte: «Scheissschmarotzer», und Linda Rutz fragte: «Darf ich Sie so zitieren?» Er drückte die Stimme weg. Erneut klingelte das Handy, wieder «unbekannt». Bevor Soland dieser Rutz gehörig die Meinung sagen konnte, säuselte eine männliche Stimme:

«Stefan Schulz, ‹20 Minuten›, grüezi. Wie geht es Ihnen, Herr Soland?» Soland schmiss sein Handy in die Ecke und fluchte: «Jetzt ist Winter dran.»

Sarah und Franco blieben noch lange auf der Wiese liegen. Sie kauften sich ein Erdbeer- und ein Stracciatella-Cornet, fütterten sich gegenseitig, kuschelten und knutschten. Die Badetücher um sie herum verschwanden nach und nach, es wurde kühler, und Wolken überzogen den Himmel.

«Lass uns schwimmen gehen!», sagte Sarah. Sie zog die weisse Hose und das gelbe Tanktop aus und rannte im pinkfarbenen Tanga und BH Richtung See. Franco war etwas überrascht, folgte ihr aber gleich in seinen schwarzen Boxershorts ins Wasser. Sie schwamm zur Boje, er hinterher. Dort küssten sie sich bis zum ersten Donnergrollen. Wieder angezogen, spazierten sie Hand in Hand das Ufer entlang, ohne ein Wort zu sagen. Schliesslich sagte Sarah:

«Wir brauchen eine Idee.» Sie nahm Franco bei der Hand, und die beiden spazierten im Sommerregen den See entlang. Als sie beim Zürihorn angelangt waren, hatten sie einen Plan ausgeheckt, der beide überzeugte. Sarah sprang mit ihren Kleidern in den See und rief: «Vieni, amore!»

Etwa zur selben Zeit bestieg Snozzi in Napoli Centrale den Zug nach Zurigo. Er war froh, musste er das Abteil mit niemandem teilen. Er stellte seine schwarze Tasche auf den Boden, zog seine braunen Wildlederschuhe und die beigen Bundfaltenhosen aus und legte sich aufs Bett.

Eigentlich hasste er solche Aufträge. In Napoli kannte er jede Gasse, jeden Schlupfwinkel und konnte so die Risiken immer bestens abschätzen. Er hatte immer einen Plan A, einen Plan B und einen Plan C. Der Plan A war jeweils so durchdacht, dass es nie zu den Ausweichszenarien kam. Ausgerechnet für seinen Auftrag in Zurigo, das ihm nur aus der «Piccola Guida Zurigo» bekannt war, fehlten ihm noch eine Knarre und ein Plan. Aber er würde die Details vor Ort klären. Schliesslich war er ein Profi.

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