The Rave must go on

Zürichs dienstälteste Techno-Party feiert den 20. Geburtstag. Ein Schlüsselerlebnis auf dem Schulweg von Gründer Markus Ott setzte einst alles in Gang.

Am Wochenende drehen sie gemeinsam an der Discokugel: Jungspund Alessio da Silva (l.) und Altmeister Markus Ott. Foto: Andrea Zahler

Am Wochenende drehen sie gemeinsam an der Discokugel: Jungspund Alessio da Silva (l.) und Altmeister Markus Ott. Foto: Andrea Zahler

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Wenn es um Jugendkultur geht, gelten andere Altersmassstäbe. Mit 38 – also dann, wenn der klassische Zürcher Bankangestellte in die entscheidende Karrierephase eintritt und der klassische Zürcher Ethnologiestudent sich Gedanken darüber macht, ob er nach 27 Unisemestern eventuell doch mal ans Abschliessen denken sollte – gehört der klassische Zürcher Partyveranstalter bereits zur alten Garde.

Darum ist er aber auch in der Position (oder gar Pflicht?), sich um die Ausbildung der nächsten Veranstaltergeneration zu kümmern. Was im vorliegenden Fall dazu führte, dass wir zu dritt beim Lunch sassen: rechts der 38-jährige Veteran Markus Ott, links von ihm sein exakt halb so alter Zögling Alessio da Silva, vis-à-vis der Berichterstatter.

Grund für das Treffen war ein Anlass namens Babyshake, den Ott mit seiner damaligen Clique erfunden und 1999 im Löwenbräu-Areal erstmals durchgeführt hat. Ein Anlass, dem er danach in oft ungewöhnlichen, aber vom Partyvolk just deshalb geschätzten Locations – Paradebeispiele waren das Belcafé, die Turbinenbräu-Halle oder ein Hinterhofkunstraum an der Elisabethenstrasse – regelmässig wildeste Reprisen bescherte. Ein Anlass schliesslich, der sich heute, 20 Jahre später, ganz unbescheiden «dienstälteste Underground-Techno-Party der Stadt» schimpfen darf.

Wie man hier gut erkennen kann, war die Lautstärke eigentlich nie ein Problem. Fotos: Markus Ott

Zwei Dekaden, das ist eine lange Zeit, das sind eine Menge Geschehnisse, allein im Nightlife-Sektor: Urbar gemacht, wenn man so will, wurde dessen Boden durch die erste Street Parade von 1992 sowie die im selben Jahr erfolgte Übernahme des Kaufleuten durch Szenekenner Fredi Müller, der den braven Schunkelsaal in ein hedonistisches Tanzhaus verwandelte. In der Folge entstanden dann ab Ende der 90er-Jahre jene legendären Zürcher Clublands mit ­Attitüde und internationaler Ausstrahlung, in denen bis heute vergötterte Underground-Läden wie das Aera und das All, die Dachkantine und das Labyrinth, das Rohstofflager I und das Rohstofflager II, das Spider Galaxy und das Cabaret erblühten und irgendwann wieder verwelkten.

Überlebt (manche auch sich selbst) haben Party- und Livemusikclubs wie die Zukunft, das Hive, das Gonzo oder das Exil, die ihre Haltung bewahrten, jedoch bereit waren, ihre Tür einen Spalt breit auch dem Massengeschmack zu öffnen. Hemmungslos wilde Techno-Raves wie in den legendären alten Tagen stehen da nicht auf dem Programm – wer das sucht, will, braucht, der wartet in der Regel auf den nächsten Babyshake.

Wichtig ist, dass man immer ganz sich selbst bleibt - selbst hinter der Maske.

Alessio da Silva zuckt lachend mit den Schultern, viele dieser Etablissements kennt er nur vom Hörensagen. Gleichwohl ist er kein Greenhorn: Er hat in Barcelona eine Barschule absolviert und als Bartender gearbeitet, hat mit Julian Gubser und Wanja Ganz das Label Technoabteil gegründet und damit bebende Events veranstaltet, an denen er als DJ auflegte, einen davon im letzten Mai in der Photobastei am Sihlquai.

Romano Zerbini, Spiritus ­Rector des Hauses und deshalb in erster Linie der Kraft des Visuellen verpflichtet, war von der akustischen Power der Technoabteil-Jungs derart beeindruckt, dass er Markus Ott davon vorschwärmte. Ein Anruf und ein launiger Nachmittag später, bei dem sich Altmeister und Jungspund gegenseitig ihren Lieblingstechno um die Ohren hauten (und Ott zum Schluss kam, das heutige Zeugs sei «sperrig, aber schon noch cool»), war man sich handelseinig. Will heissen, man entschied, die 20-Jahr-Babyshake-Sause, die diesen Freitag und Samstag in der Photobastei stattfindet, gemeinsam durchzuführen, daraus eine Art «Generationenprojekt» zu machen.

Die alten Räubergeschichten

Was im ersten Moment witzig klingt, speziell im Kontext des Nachtlebens, wird von beiden Protagonisten sehr ernst genommen. Markus Ott, durch die ­Babyshake-Anlässe, seine Vergangenheit in der Dachkantine und dem Cabaret sowie dem Engagement im Club Zukunft ein mit allen Partywassern gewaschener Door-Opener, Troubleshooter und «Zünder» (Selbstcharakterisierung), sagt, er lerne von Alessio gerade, wie generalstabsmässig die heutigen Jungen eine Techno-Party organisieren, sogar die potenzielle Busse werde fix einkalkuliert. «Wir haben einfach gemacht, egal, was dabei rauskam», so Ott. Es habe auch kein Gewinndenken gegeben, in finanziellen Belangen seien sie oft fahrlässig sorglos gewesen.

An den Babyshake-Parties tauchten früher hin und wieder sogar die «Freunde und Helfer» auf.

Alessio da Silva sagt, er möge die alten Räubergeschichten von Markus, «das ist einerseits inspirierend, andererseits Teil der Partykultur und für mich darum sehr lehrreich».

Und so berichtet der gewiefte Erzähler Ott, wie er eines Montagmorgens auf dem Weg zur Schule ein Auto vorbeifahren sah, das mit völlig überdrehten Leuten voll gepackt war, die offensichtlich direkt von einer Party kamen, und er eine inständige Sehnsucht gespürt habe, genau dies eines Tages auch zu tun. Weiter schildert er, wie er sich nach diesem Schlüsselerlebnis langsam, aber stetig in die Zürcher Clubszene vorgearbeitet habe. Wie er die richtigen und wichtigen Figuren, die Mechanismen und Regeln kennen lernte. Wie er bei den Älteren einen gewissen «Welpenschutz» genoss, der ihm geholfen habe, eigene Sachen auf die Beine zu stellen. Oder wie geadelt sie sich gefühlt hätten, als Szenekönig Yves Spink mitsamt Entourage an einer der ersten Babyshake-Partys aufgetaucht sei.

Das Goodie geht nicht mehr

Voilà, damit sind wir zurück beim Hauptthema. Und der Frage, wie denn das Setting der Jubiläumsparty aussehen wird. Man wolle eine breite, schillernde Mischung an Leuten zwischen 19 und 60, sagt Da Silva. «Gute Partys leben von guten Persönlichkeiten.» Und sonst sei alles wie gehabt, fügt Ott hinzu. Fette Soundanlage, psychedelisches Licht, viel Dunkelheit, die beste technoide Clubmusik der Stadt, live und ab Tonträger, mehrere Dancefloors. «The Rave must go on. Es soll sein wie früher – bis auf ein Detail.» Und das wäre? «Früher bekamen alle Besucher am Eingang ein kleines Goodie, zwecks Steigerung der Sinneswahrnehmung… das können wir uns heute nicht mehr leisten.»

20 Jahre Babyshake. 25. und 26. Oktober, Photobastei, Sihlquai 125, jeweils ab 23 Uhr. Galoppierende Zuversicht (live), DJs Kalabrese, Don Ramon, Comini, Nici Faerber, Alessio da Silva und viele mehr.

Erstellt: 23.10.2019, 15:42 Uhr

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