Tiefenbrunnen, das Tor zur Welt

Im Zürichsee herrschte vor 100 Jahren reger Flugverkehr. Es gab Rundflüge und Linienflüge ins Berner Oberland. Zürich war begeistert.

Ein italienisches Macci-Flugboot überfliegt die Stadt Zürich. Foto: ETH-Archiv

Ein italienisches Macci-Flugboot überfliegt die Stadt Zürich. Foto: ETH-Archiv

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Am Obersee vor Wangen liegt heute der einzige Wasserflugplatz der Schweiz. Stationiert sind dort zurzeit nur zwei Wasserflugzeuge von Fluglehrer Ueli Diethelm, der mit ihnen Schulungsflüge durchführen darf. Sonst braucht es fürs Starten und Landen auf Schweizer Gewässern eine Sondergenehmigung.

Das war vor 100 Jahren ganz anders. Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte am Zürichsee so etwas wie Goldgräberstimmung. Ehemalige Militärpiloten, unter ihnen Luftfotograf Walter Mittelholzer und Alfred Comte, hofften in der Fliegerei auf gute Geschäfte. Das einzige Problem: Damals gab es in der Schweiz keinen geeigneten Flugplatz für die zivile Fliegerei. Darum entschieden sie sich für den Zürichsee. Hier brauchte man keine teuren Pisten und konnte mit Wasserflugzeugen sofort losfliegen. Zudem versprachen sich die Flugpioniere in Zürich viel zahlungskräftige Kundschaft.

Vorläuferin der Swissair

Am 26. September 1919 wurde die erste Wasserflug-Gesellschaft gegründet und später zur Ad Astra Aero erweitert, der Vorläuferin der Swissair. Hastig besorgten sich die Pioniere in Italien drei Flugboote. Der Pilot und die maximal drei Passagiere sassen in einer Art Ruderboot mit Kabine, an dem die stoffbespannten Flügel einer Doppeldecker­maschine inklusive Propeller befestigt waren. Das Prunkstück von Ad Astra war aber die sechsplätzige Dornier Gsi. Es handelte sich um ein ehemaliges Aufklärungsboot der deutschen Kriegsmarine, das der Deutsche Claude Dornier in ein Wasserflugzeug umgebaut hatte – heimlich, denn die Deutschen waren gemäss der Versailler Verträge mit einem Bau­verbot für Flugzeuge belegt. Trotzdem war es Dornier gelungen, seine Kreation an den Zürichsee zu überführen.

Der Hangar der Ad Astra lag direkt am Seeufer. Foto: ETH-Archiv

Zürich war im Begriff zum Wasserflug-Hub Europas zu werden. Wenn die Maschinen starteten, waren stets Schaulustige anwesend, und der Stadtrat genehmigte der Ad Astra in Tiefenbrunnen – auf dem Gelände der heutigen Badeanstalt – einen Hangar. Bis Ende 1920 transportierte Ad Astra auf Rundflügen über 7500 Passagiere. Doch das erwartete gute Geschäft war die Fliegerei nicht, und am 31. August 1920 kam es zum ersten grösseren Unfall. Eines der Flugboote stürzte direkt vor dem Hangar am Zürichhorn ab, der Pilot und zwei Passagiere verloren ihr Leben. Auch über das Wunderflugzeug von Dornier konnte sich Ad Astra nicht lange freuen. Schon im Frühjahr 1920 zog Dornier seine Maschine ab, um sie in Holland zu verkaufen.

Linienflug für 120 Franken

Trotz wirtschaftlichen Schwierigkeiten bei der Ad Astra gründete Alfred Comte 1921 eine eigene Firma in Horgen mit einem Hangar in Oberrieden. Dort stationierte er fünf Flugboote. Auch Comte setzte seine Maschinen für Rundflüge ein. Doch schon nach wenigen Monaten verlor er eines der Flugboote bei einer Notlandung am Zimmerberg.

Obwohl rasch klar war, dass die kommerzielle Wasserfliegerei keine Zukunft hat, war die Begeisterung gross, wie Hans-Heiri Stapfer in seiner Schrift «Aviatik am Zürichsee» schreibt. An den von den Pionieren organisierten Flugtagen war der Andrang immer riesig, etwa am 17. Juli 1921. Dort konnte man für 35 Franken per Boot von Horgen nach Meilen fahren und mit dem Flugzeug wieder zurückfliegen.

Walter Mittelholzer (Mitte) 1924 vor einem Expeditionsflug nach Persien: Seine Maschine ist eine Junkers A20. Foto: ETH-Archiv.

Als Ad Astra den Wasserflugbetrieb bereits aufgegeben hatte, nahm Alfred Comte im Sommer 1926 den ersten (und letzten) ­Linienbetrieb auf. Vom Mythenquai startete er nach Luzern und Interlaken und zurück. Ein Retourticket kostete 120 Franken. Doch auch das war kein gutes Geschäft. Schon nach zwei Monaten stellte Comte den Betrieb bereits wieder ein. Insgesamt hatte Comte 201 Personen unfallfrei ins Berner Oberland transportiert.

Spektakulärer Absturz

Die Wasserfliegerei auf dem Zürichsee schlief in den folgenden Jahren mehr oder weniger ein. Comte begann in Oberrieden selber Flugzeuge zu bauen, und in Bäch eröffnete Comtes ehemaliger Bordmechaniker Karl Schröder aus Richterswil kurz vor dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Wasserflug-Sport-Club.

Schröder gilt unter den heutigen Wasserflugbegeisterten als Pionier. Er überlebte 1946 einen Absturz vor Richterswil. Mit einem Hammer durchschlug er in drei Meter Wassertiefe das Seitenfenster seines sinkenden Flugzeugs und konnte sich so befreien. Schröder verlegte seine Basis später nach Wangen, wo heute Ueli Diethelm mit seinen Maschinen stationiert ist.

Erstellt: 16.10.2019, 06:42 Uhr

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