Trauer um einen Pionier

Röbi Rapp, langjähriger Kämpfer für die Rechte von Homosexuellen, ist im Alter von 88 Jahren in Zürich gestorben.

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«Am 3. November wären es 62 Jahre gewesen», sagte der 88-jährige Ernst Ostertag gestern am Telefon zum «Tages-Anzeiger». Er trauert um seinen Lebensgefährten, mit dem er mehr als 61 Jahre zusammen war. Röbi Rapp ist tot. «Er durfte nach einer Phase schwerer Krankheit mithilfe der Freitodbegleitung Exit am letzten Sonntagabend, im Beisein seiner Liebsten, im Alter von 88 Jahren ruhig und friedlich zu Hause einschlafen», teilte die Zürcher Contrast Film gestern mit. Diese hatte 2014 die Lebens- und Liebesgeschichte von Rapp und Ostertag im mehrfach ausgezeichneten Film «Der Kreis» verewigt.

Kinderschauspieler und Travestie-Künstler

Die beiden Männer gehörten zu den bekanntesten Zürcher Schwulen und erlangten mit dem Film auch landesweite Bekanntheit. Sie gelten als Vorkämpfer für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben und die LGBTQ-Bewegung (Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transmenschen und Queers) in der Schweiz.

«Was Röbi Rapp mit seinem Partner Ernst Ostertag in den 50er- und 60er-Jahren innerhalb der Untergrundorganisation Der Kreis über ganz Europa hinweg in Bewegung gesetzt hat, ist einzigartig», schreibt Contrast Film.

Vor allem in der Diskussion um die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare haben sich die beiden stark eingesetzt. Sie waren die Ersten, die im Jahr 2003 im Kanton Zürich ihre Partnerschaft eintragen liessen.

Trat ab 1949 bei Festanlässen der Untergrundorganisation Der Kreis im Neumarkt als Travestie-Künstler auf: Röbi Rapp. Foto: Thomas Meier

Rapp, 1930 geboren, wuchs in Zürich auf. Als Kind hatte er Auftritte am Schauspielhaus, und als Zehnjähriger übernahm er die Hauptrolle im Film «Menschlein Matthias», in dem er einen Verdingbuben spielte. Der Film wurde am vergangenen Film Festival in Zürich erneut gezeigt.

«Da Schauspielerei nach dem Krieg als brotloser Beruf galt, lernte der bereits 1937 zum Halbwaisen gewordene junge Mann auf Wunsch seiner Mutter das Friseurhandwerk», heisst es in der Kurzbiografie Rapps auf dem Portal Schwulengeschichte.ch. Bis in die 70er-Jahre arbeitete er als Coiffeur, später, nach einer Umschulung, als Dokumentalist bei der Schweizerischen Rückversicherungs-Gesellschaft, heute Swiss Re.

«Es muss weitergehen. Und es geht weiter.»Ernst Ostertag

Kennen gelernt hatten sich Rapp und Ostertag in den 50er-Jahren in der legendären Homosexuellenorganisation Der Kreis, die in Zürich von den 40er- bis in die 60er-Jahre aufgrund der damaligen Gesetzgebung klandestin Feste organisierte und eine eigene Zeitschrift herausgab. Rapp trat ab 1949 bei grossen Festanlässen des Kreises im Neumarkt als Travestie-Künstler auf, der junge Lehrer Ostertag verliebte sich in ihn.

Später wurden die beiden Zeugen eines dunklen Kapitels der Zürcher Lokalgeschichte: der Repression gegen Schwule in den 60er-Jahren, als diese verfolgt und schikaniert wurden und die Stadtpolizei ein «Schwulenregister» führte. Auslöser der damaligen Repression sollen zwei Mordfälle im Schwulenmilieu der Stadt gewesen sein.

Corine Mauch: «Er wird mir und Zürich fehlen»

«Bestürzt und traurig» über den Tod von Röbi Rapp zeigt sich Hannes Rudolph, Geschäftsführer der Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich (HAZ). Mit ihm verliere die LGBTQ-Community eine ihrer prägendsten Figuren – und die HAZ ein Mitglied der ersten Stunde. Röbi Rapp und Ernst Ostertag hätten für zwei Dinge gekämpft: dafür, dass Menschen nicht dafür diskriminiert werden, wen sie lieben. Und dafür, dass sich Menschen nicht verstecken müssen, weil sie nicht so sind wie die Mehrheit.

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) würdigt Röbi Rapp als «engagierten Pionier», der sich unermüdlich für die Gleichstellung und die Anerkennung der Lebensweise der LGBTQ eingesetzt habe. Die LGBTQ-Community verdanke ihm viel. «Ich hatte die Freude und die Ehre, Röbi Rapp persönlich kennen zu lernen», sagt Mauch auf Anfrage. «Er war ein einfühlsamer, talentierter und überaus liebenswürdiger Mensch, der mir und Zürich fehlen wird.»

«Froh, eine Veränderung angestossen zu haben»

Für Ostertag bleibt nach Rapps Tod «eine riesige Lücke», wie er gestern sagte. Er sei dankbar für die langjährige Partnerschaft mit einer «wundervollen Persönlichkeit». Röbi sei ein Mensch gewesen, der Harmonie brauchte und Harmonie geben konnte. «Wir haben uns immer gesagt: ‹Wer von uns allein zurückbleiben muss, der hat das schlechte Los gezogen.›» Trotz des schmerzhaften Verlusts sagt Ostertag: «Es muss weitergehen. Und es geht weiter.» Er sei froh, dass er und Rapp zusammen mit anderen eine Veränderung anstossen konnten, die in breiten Kreisen der Gesellschaft zu einem Umdenken in Bezug auf Homosexualität geführt habe.

Sie hätten ihr Engagement nie als Angriff auf jemanden oder etwas gesehen, sondern als Erweiterung und als Befreiung von festgefahrenen Denkmustern. «Wenn man offener wird, wird man freier», ist Ostertag überzeugt.

Eine öffentliche Abdankung für Rapp soll es Ende Oktober in Zürich geben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 19:40 Uhr

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