Trio From Hell: Jetzt ist es der allerletzte Abschied

Über 15 Jahre lang hat die Zürcher Kultband Sonntag für Sonntag im Helsinki Klub gespielt. Dieses Wochenende geht diese einzigartige Konzertreihe zu Ende.

Für das Publikum «The Dudes from Heaven»: Heinz Rohrer, Bice Aeberli und Aad Hollander (v.l.) auf dem Helsinki-Dach. Foto: Reto Oeschger

Für das Publikum «The Dudes from Heaven»: Heinz Rohrer, Bice Aeberli und Aad Hollander (v.l.) auf dem Helsinki-Dach. Foto: Reto Oeschger

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«Gab es eine Zeit davor? Die Erinnerung sagt Nein, auch wenn die Ratio weiss, dass das nicht stimmt. Aber in der Erinnerung waren sie einfach immer da, immer schon da gewesen, any given Sunday, jeden verdammten (und heiligen) Sonntagabend. Egal, ob es schneite oder strahlte, egal, was die Amerikaner grad im Irak anstellten, egal, ob der FCZ am Nachmittag die Meisterschaft verkickt hatte, die Freundin einen andern küsste, Inspektor Columbo zum 1000. Mal sagte ‹Entschuldigen Sie, eine Frage hätte ich noch› oder die Eltern den 37. Hochzeitstag zelebrierten.

Jeden verdammten Sonntagabend hockten und standen sie auf dieser kleinen Bühne im Klub Helsinki an der Geroldstrasse im Kreis 5 und spielten ihre Sets und Songs, als gäbs kein Morgen mehr. Aad Hollander am Schlagzeug, Heinz Rohrer an der Telecaster, Rienk Jiskoot am Bass. Offiziell das Trio from Hell, für die im Publikum die Dudes from Heaven.»

Rienks expliziter Wunsch

Dieser ganze Anfang war genau so am 14. April 2012 im «Tages-Anzeiger» zu lesen. Der Titel des Artikels lautete «Ein trauriges Ende im Kreis 5», inhaltlich war es der Abgesang auf das Trio from Hell – nach siebendreiviertel Jahren als «Huusband» im Helsinki. Den Grund dafür erfuhren viele Fans der Zürcher Kultband aus der Zeitung: Rienk war unheilbar an Krebs erkrankt, der 384. Auftritt seit dem Start 2004 – am Ostersonntag, dem 8.April – war sein letzter. Er sei «heldenhaft» gewesen, schrieb der Bassist noch auf der Bandhomepage, dann schied er mit der Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben, und Aad und Heinz erklärten das Trio für beendet.

Diese Aufnahme entstand am 8. April 2012 während des allerletzten Konzerts der Band mit dem früheren Bassisten Rienk Jiskoot. Video: Youtube

Doch manchmal kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Denn trotz diesem offiziellen Schluss kam es zu einem Encore – eine «Zugabe» notabene, die nochmals über sieben Jahre dauern sollte. Bice Aeberli, einst Mitgründerin von Baby Jail und seit Dekaden bei unterschiedlichsten lokalen Indie- und Rockbands am Bass zu erleben, war bereits früher beim Trio eingesprungen. Als Aad Hollander dann rund sechs Monate nach dem Ende auf sie zuging und erklärte, es sei Rienks expliziter Wunsch gewesen, dass es mit der Band weitergehe, und zwar lieber früher als später, schlug sie ein.

Also war im Helsinki am Sonntagabend bald wieder alles wie gehabt (vielleicht abgesehen davon, dass Aad nicht mehr ausnahmslos ein FCZ-Logo auf der Brust trug und Heinz bisweilen bunte Hemden anhatte): Das Trio from Hell zelebrierte sein schier uferloses Instrumental-Repertoire aus Klassikern und Trouvaillen des Country, Rockabilly, Blues, Boogie, Polka und Surf – darunter Nummern wie «The Bounce», «Folsom Prison Blues», oder «Misirlou», und all das in der Regel aufgeteilt auf vier Sets. Meist hüpften sowohl Melodien als auch Habitués herum; Erstere mit Verve, Letztere mit Hüftschwung – und dies umso mehr, wenn Gastsängerinnen und -sänger ans Mikrofon traten; darunter auch Persönlichkeiten, die man aus Funk und Fernsehen kannte, wie Sophie Hunger, Emanuela Hutter oder Phil Hayes.

Irgendwann hatten sie sogar Uniformen: Das Ur-Trio From Hell. Foto: Reto Oeschger

Dann und wann jedoch wurde oben auch geschmachtet und unten auch geschmust, und dabei ward aus dem feschen Tanzlokal plötzlich ein Club der zweisamen Herzen; ein Ort mittendrin im Coolio-Züri der Geroldstrasse, in dem Frau und Mann es schön haben konnten, egal, woher sie kam und wohin er ging, egal, wie schräg sie war und wie wenig Geld er verdiente (denn für einen Schlummi reichte es meist schon noch).

723 Gigs in 15 Jahren

So ging es weiter und weiter und weiter … bis es nicht mehr weiterging. Vielleicht war es wie bei einem alten Ehepaar, das sich eines Tages gesagt hat, was es zu sagen gab, das sich beengt statt frei fühlt – und dann lieber auseinandergeht, bevor es sich all das Gute, das in der gemeinsamen Zeit passierte, durch irgendein Drama kaputt macht.

Dieses Video beweist: Die Band funktionierte auch ausserhalb des Helsinki. Video: Youtube

Klub-Inhaber Tom Rist schreibt auf der Homepage: «Das Helsinki-Team dankt dem Trio, das Trio dankt euch für 15 Jahre Sonntags-Tanz von der Wiege bis ins Grab. Was kommen mag, wird der Wind hauchen.» Und Bice Aeberli vermeldet, dass das Trio weitermacht («ist doch klar!») und sich vorstellen könnte, das Hausband-Dasein dereinst anderswo fortzuführen.

Dem muss man nichts mehr hinzufügen. «Ausser, dass der Sonntagabend in Zürich nie mehr derselbe sein wird.» Das war übrigens damals, beim ersten Tagi-Abgesang 2012, schon der letzte Satz gewesen. Diesmal, nach dem 723. und allerletzten Gig, stimmt er definitiv.

Trio from Hell, 22.12., Helsinki Klub, Geroldstr. 35, 8005 Zürich. Tür 20Uhr, Musik ab 21Uhr.

Erstellt: 20.12.2019, 20:03 Uhr

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