Studenten verhindern Auftritt von Ex-CIA-Chef in Zürich

Bis David Petraeus über eine Affäre stolperte, war er der Superstar der US-Armee. Wegen angekündigtem Protest wurde sein Vortrag an der ETH nun abgesagt.

Hier war er willkommen: Ex-CIA-Chef David Petraeus im Trump Tower in New York Ende November 2016.

Hier war er willkommen: Ex-CIA-Chef David Petraeus im Trump Tower in New York Ende November 2016. Bild: Keystone

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Am kommenden Donnerstag hätte der ehemalige Chef der CIA und Ex-US-General David Petraeus in Zürich auftreten wollen. Das Schweizerische Institut für Auslandforschung (SIAF) hat ihn für einen Vortrag an die ETH eingeladen. Titel der Veranstaltung: «Challenges in an uncertain world» – Herausforderungen in einer unsicheren Welt. Doch jetzt kommt es anders.

Heute Freitagmorgen ist die Veranstaltung von der Website des SIAF verschwunden. Die Veranstaltung wurde abgesagt – aus Sicherheitsgründen. «Die ETH Zürich ist nach sorgfältiger Überprüfung und in enger Absprache mit verschiedenen Partnern, unter anderem der Polizei, zum Schluss gekommen, dass es während des Semesters unter vollem Betrieb nicht möglich ist, diese Veranstaltung in ihren Räumen durchzuführen», sagt eine Sprecherin der ETH Zürich.

Für die Sicherheitsbedenken verantwortlich ist die linke Gruppierung «Uni von unten». In einem Flyer bezeichnet sie Petraeus als «nicht verurteilten Kriegsverbrecher», dessen militarisierter Aufstandsbekämpfung Tausende Zivilisten im Mittleren Osten zum Opfer gefallen seien. Deshalb rief «Uni von unten» zu Kundgebungen und Aktionen am Veranstaltungstag auf.

Bereits frühere Proteste

Der angekündigte Protest reichte aus, um die Rede Petraeus’ scheitern zu lassen. Das SIAF verurteilt die Mobilmachung der Gegner deutlich: «Wenn militant linke Gruppierungen dazu aufrufen, den Auftritt von General David Petraeus an der ETH mit sogenannten Aktionen zu stören respektive zu verhindern, widerspricht dies diametral der Rede- und Meinungsfreiheit im akademischen Milieu», sagt Sabine Sura, Leiterin der Geschäftsstelle des SIAF.

Der Besuch Petraeus’ liess einen alten Konflikt neu aufflammen: «Uni von unten» versus SIAF. Das Institut ist der Universität Zürich assoziiert und versteht sich als «Kompetenzzentrum für Wissensvermittlung über politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Themen». Das SIAF lädt oft Redner zu Vorträgen an die Universität Zürich und an die ETH ein. Und von diesen fühlen sich linke Studierende provoziert.

Kurz nachdem sich «Uni von unten» 2009 gegründet hatte, musste bereits ein Vortrag des damaligen Novartis-Chefs Daniel Vasella nach angekündigten Protesten wegen Sicherheitsbedenken abgesagt werden. Es folgten noch im selben Jahr Demonstrationen gegen Vorträge von Nationalbank-Chef Jean-Pierre Roth, Nestlé-Chef Peter Brabeck oder des konservativen US-Politologen Robert Kagan. 2012 gab es beim Besuch der IWF-Chefin Christine Lagarde innerhalb der Universität Zürich Tumulte. Unbekannte zündeten Rauchpetarden. Beim Besuch des Nato-Generalsekretärs kam es zu Sachbeschädigungen und Schmierereien. 2015 folgten rund 30 Personen dem Protestaufruf von «Uni von unten» gegen den ukrainischen Staatspräsidenten Petro Poroschenko. Die beiden Letzteren wurden nicht vom SIAF eingeladen.

Bilder: Protest an der Uni Zürich gegen Petro Poroschenko.

Das SIAF wehrt sich gegen den Vorwurf, dass sie nur Vertreter einer konservativen, rechten Elite einlade. Politisch sei das Spektrum der Referenten bewusst weit gefasst: «So wurden in den letzten Jahren etwa auch Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine, beide prominente Personen der deutschen «Die Linke», oder der marxistische Philosoph Slavoj Zizek eingeladen», sagt Sura. Man bedauere, dass David Petraeus nicht in Zürich auftreten kann. Das Interesse an dem Anlass und dem «kritischen Gesprächspartner» wäre gross gewesen.

Öffentlicher Aufstieg, öffentlicher Fall

Der ehemalige Viersterngeneral David Petraeus war Oberbefehlshaber im Irak und in Afghanistan. Er hatte einen guten Draht zu US-Präsident George W. Bush, und der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain betitelte ihn als «Amerikas grössten militärischen Helden». Petraeus galt als Modernisierer der US-Armee. 2006 verfasst er mit einigen Co-Autoren ein Handbuch zur Bekämpfung von Auf­ständen, nachdem die US-Besatzer im Irak wiederholt attackiert wurden. Der inoffizielle Name des Handbuchs: Mr. Petraeus’s Doctrine.

Besuch der Truppen im Irak: General David Petraeus und US-Präsident George W. Bush im Jahr 2007.

Petraeus nutzte die Medien stets geschickt. Journalisten folgten seinen Einladungen und schrieben heroische Porträts über ihn. Sie zeichneten ein Bild eines Mustersoldaten, der unangenehme Wahrheiten erkennt und auch Selbstkritik übt.

Erst als US-Präsident Barack Obama Petraeus 2011 zum CIA-Direktor ernannte, zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Er nahm noch an offiziellen Anlässen teil, auf Botschaften zum Beispiel oder an privaten Dinnerpartys der Universität Georgetown, an denen er auch über die kulturellen Unterschiede der CIA und des Militärs sprach. Sein Büro in Langley, Virginia, war laut «New York Times» gespickt mit Andenken seiner Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan, darunter Fotos, Münzen und irakische Waffen.

Die Rückkehr

Plötzlich machte Petraeus 2012 wieder Schlagzeilen. Die Medien machten eine aussereheliche Affäre mit seiner Biografin publik, welcher er Staatsgeheimnisse anvertraut hatte. Vom Posten des CIA-Direktors trat er zurück, ein Gericht verurteilte ihn zu zwei Jahren auf Bewährung und einer Geldstrafe von 100'000 Dollar. Die «New York Times» titelte: «Eine brillante Karriere mit einem meteorhaften Aufstieg und einem abrupten Fall».

Fatale Affäre: David Petraeus und seine Biografin und Geliebte Paula Broadwell. Bild: Keystone

Von der folgenschweren Affäre erholte sich Petraeus zügig. Bereits Ende 2016 war er aussichtsreicher Anwärter auf den Aussenministerposten im Kabinett des frisch gewählten US-Präsidenten Donald Trump. Petraeus selbst hat früher stets bekräftigt, kein politisches Amt übernehmen zu wollen – nicht einmal die Präsidentschaft, die ihm Beobachter zugetraut hätten. Im vergangenen November bekundete er aber in Interviews auf einmal Interesse am Posten in Trumps Kabinett. Nach einem einstündigen Vorstellungsgespräch twitterte Donald Trump: «Just met with General Petraeus – was very impressed!»

Wieso er schliesslich nicht Aussenminister wurde, beantwortete Petraeus in einem Interview mit der «Zeit» gleich selber: «Weil der Präsident der Vereinigten Staaten Leute gefunden hat, die seiner Meinung nach diesen Job besser machen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.09.2017, 12:08 Uhr

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