Joghurt hinter der Glastür – für den Klimaschutz

Umständlicher für die Kunden, dafür umweltfreundlicher: Das bringen geschlossene Kühlregale beim Grossverteiler.

Im Namen der Nachhaltigkeit: Geschlossene Kühlmöbel für Milchprodukte in der Migros Sihlquai am Hauptbahnhof. Foto: Urs Jaudas

Im Namen der Nachhaltigkeit: Geschlossene Kühlmöbel für Milchprodukte in der Migros Sihlquai am Hauptbahnhof. Foto: Urs Jaudas

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Ob in der Migros Sihlquai am HB oder im Biomarkt Alnatura gleich nebenan: Wer Frischwaren wie Joghurt, Milch, Reibkäse oder Salami kaufen will, kann diese nicht mehr einfach aus dem offenen Kühlregal nehmen, sondern muss zuerst eine Glastür öffnen, um auf die Produkte zuzugreifen. Die beiden erst vor wenigen Monaten eröffneten Läden in Zürich spiegeln eine neue Einkaufsrealität. Einfach zugreifen ist vielerorts passé, stattdessen heisst es: Zuerst die Kühlschranktür öffnen, und zwar im Namen der Nachhaltigkeit.

30 Prozent Einsparung

«Die Genossenschaft Migros Zürich hat aus Energiespargründen beschlossen, solche Glastüren bei allen Neu- und Umbauten einzuführen», sagt Sprecher Gabriel Zwicky. Daraus ergäben sich circa 30 Prozent an Energieeinsparungen gegenüber einem gleichwertigen offenen Kühlmöbel. Für den gesamten Supermarkt bedeute es einen Minderverbrauch von 10 bis 15 Prozent. Dass dank der Glastüren die gewünschte Temperatur konstant gehalten werden könne, sei ein weiterer Vorteil.

Laut Zwicky sind bereits rund ein Drittel der Filialen der Genossenschaft Migros Zürich so ausgerüstet, darunter die Läden Limmatplatz, Altstetten-Neumarkt, Uster und Affoltern a. A. Einzig in Hochfrequenzläden und Filialen mit sehr engen Platzverhältnissen wie im Shop-Ville HB oder in Zürich-Enge verzichtet die Migros auf geschlossene Kühlmöbel. «Eine Energieersparnis wäre dort durch dauernd geöffnete Türen nicht gegeben», erklärt Zwicky.

«Akzeptanz ist hoch»

Und wie reagiert die Kundschaft? Immerhin wird das Einkaufen umständlicher, und das Risiko besteht, dass Kunden in Eile weniger posten, weil jemand vor ihnen die Kühlschranktür versperrt. So soll es etwa in Migros-Filialen in Lausanne bei der Einführung der neuen Kühlschränke einige Reklamationen gegeben haben. In Zürich sei die Zahl der Reklamationen «verschwindend klein», versichert Gabriel Zwicky. «Die Akzeptanz ist hoch, Kunden gewöhnen sich offenbar rasch daran.»

Aus Sicht des Energieexperten Jürg Buchli, Leiter der Fachstelle Nachhaltigkeit und Energie an der ZHAW in Wädenswil, sind geschlossene Kühlmöbel in Supermärkten durchaus sinnvoll. «Aus Energiesicht muss ich geschlossene Typen empfehlen», sagt der Lebensmittelingenieur, der zum Thema nachhaltiges Energiemanagement in der Lebensmittelindustrie forscht.

Buchli hält gar eine Energieeinsparung von 40 Prozent für realistisch. Geschlossene Kühler brauchten weniger Energie, weil sie weniger Luftaustausch mit der Umgebung haben. Und sie seien dank homogener Temperaturverteilung auch besser für die Lebensmittelqualität. Offene Kühler weisen lokal grössere Unterschiede auf, was zu Pro­blemen mit den eingelagerten Lebensmitteln führen könne.

Dennoch setzen längst nicht alle Migros-Filialen auf geschlossene Kühler. Vielmehr entscheidet jede Genossenschaft für sich. So lagern im erst kürzlich neu eröffneten Migros-Supermarkt Neuwiesen Winterthur Frischwaren nach wie vor in riesigen offenen Regalen.

Komfort geht vor

«Die Migros Ostschweiz hat den Einsatz von Glastüren bei Kühlmöbeln ebenfalls getestet», sagt Sprecher Andreas Bühler. Die einfachere Zugänglichkeit zu den Produkten für die Kunden sei dabei höher gewichtet worden als der Energiespareffekt. Man erziele mit anderen Massnahmen im Bereich Energieeffizienz sehr gute Werte. So setze man etwa auf LED-Beleuchtung und modernste klimafreundliche CO2- Kälteanlagen mit saisonaler Nutzung der Abwärme zur Gebäudeheizung. Bühler verweist auf die Migros-Pionier-Filiale in Zuzwil SG, die den gesamten Energiebedarf zu 100 Prozent selbst decke und sogar noch Strom ins Netz speise.

Auch in den meisten Coop-Supermärkten im Raum Zürich treffen Kunden weiterhin auf offene Kühlmöbel. Allerdings plant auch Coop seit 2016 eine schrittweise Einführung geschlossener Kühlmöbel, wie Sprecherin Rebecca Veiga sagt. Bei Neu- und Umbauten würden die Kühlgeräte für Fleisch-, Fisch- und Convenience-Produkte mit Glastüren ausgerüstet. Molkereiprodukte bleiben bei Coop dagegen weiterhin in offenen Kühlern. Dafür werden die Tiefkühlmöbel in allen Verkaufsstellen mit Türen versehen. «Dadurch sparen wir 10 Prozent Energie ein und vermeiden unnötigen Stromverbrauch», so Veiga.

Discounter verzichten

Denner setzt dagegen weiterhin auf offene Kühlmöbel. «Als Discounter haben wir vergleichsweise kleine Filialen mit oftmals engen Platzverhältnissen», sagt Sprecher Thomas Kaderli. Die bessere Zugänglichkeit für Kunden und die einfachere Bewirtschaftung durch die Mitarbeitenden seien die Hauptgründe. Um die Energieeffizienz zu verbessern, setze Denner auf natürliche Kühlungsmittel. Wo immer möglich werde zudem die Abwärme der Kühlmöbel zum Heizen genutzt. Ähnlich tönt es bei Aldi. Bei offenen Kühlmöbeln seien die Produkte leichter zugänglich, sagt Sprecher Philippe Vetterli. Zudem setze man Kühlmöbel mit einem möglichst geringen Energieverbrauch ein. Und aus­serhalb der Ladenöffnungszeiten würden die Regale mit Rollos geschlossen.

Trotz des Kühlschrankgrabens zwischen den Grossverteilern: Energieexperte Jürg Buchli glaubt, dass sich das neue Konzept längerfristig durchsetzen wird. «Energieeffizienz ist ein Anliegen vieler Kunden, darum werden immer mehr Leute geschlossene Kühler akzeptieren, auch wenn sie etwas unbequemer sind», hält er fest. Der Kälteverlust bei offenen Typen sei offensichtlich. Gerade in Zeiten der Klimadebatte erwarteten viele Kunden energieeffiziente Lösungen, sagt Buchli.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2019, 09:50 Uhr

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