Tweet über neue Männlichkeit – und dann gings los

«Herzlicher, gewaltloser und verletzlicher.» So sieht Hannes Gassert den modernen Mann. Ein paar Likes erwartete er – es kam eine Flut.

Mit seinem Tweet hat Hannes Gassert einen Nerv der Zeit getroffen.

Mit seinem Tweet hat Hannes Gassert einen Nerv der Zeit getroffen. Bild: Jonas Zürcher

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Er schickte seinen Tweet los und rechnete mit zwei Likes, weil seine Sicht des Mannseins ohnehin niemanden interessiere.

Hannes Gassert irrte. Sein Tweet ging viral. Nahezu 400'000-mal wurde der Eintrag in wenigen Tagen angesehen. Gassert fordert darin die Männer auf, ihr Mannsein neu zu definieren. Wer «herzlicher, gewaltloser und verletzlicher» sei, der sei auch stärker und damit ein echter Mann. Beschleunigt hat die hohe Zahl wohl, dass Schriftstellerin Sibylle Berg den Tweet früh weitergeschickt hat.

Viele haben kommentiert, viele negativ, auch Frauen. Dass Gassert ein Weichspüler sei, gehört zu den harmloseren Posts.

Es haben sich aber auch viele Männer auf Gasserts Aufruf gemeldet. Er sagt: «Dass mein Tweet so oft angesehen wurde, beweist, dass ich den Nerv der Zeit getroffen habe.» Der 38-Jährige spricht von einem Schmerz, den er offensichtlich angesprochen habe.

Mit neuen Adjektiven auf Stimmenfang

Nun ist Gassert, Informatiker und Unternehmer, aber auch noch politisch aktiv: SP-Nationalratskandidat, Listen-Position 33 und in der Kommission Digitalisierung für den Kanton Zürich. Wer auf seinen Tweet klickt, wird auf seine Seite mit SP-Logo geleitet. Also alles ein PR-Gag?

Gassert lacht am Telefon und versucht glaubhaft zu versichern, dass dies nicht der Auslöser für seinen Tweet war. Über Gassert hört man, er sei ein «Tough guy». Er selbst nennt sich «Haudrauf». «Wer rechnet schon damit, dass seine persönliche Reflexion so abgeht?» Er stützt sein Dementi damit, dass «echter Mann» nun wirklich nicht zu den SP-Wahlkampf-Parolen gehöre.

«Bin kein Eso-Typ»

Anlass für den Tweet war Gasserts Erlebnis mit einem Freund in einem Männer-Redekreis nahe Paris, in einem sogenannten Sharing Circle. Dabei spricht jeder der Reihe nach, die anderen hören zu, ohne zu werten. Gassert sagt: «Ich bin überhaupt kein Eso-Typ, aber die Atmosphäre da hat mich bewegt.»

«Zu diesen Gedanken
wollte ich
andere Männer einladen.»
Hannes Gassert

In der Runde hätten die Männer offen über ihre Probleme erzählt und sich von einer verletzlichen Seite gezeigt, die Zuhörer seien ganz selbstverständlich achtsam gewesen. Da habe er gespürt, welche Stärke in der Verletzlichkeit liege. Er habe gemerkt, dass starke Männer keine Ritterrüstung brauchten. «Zu diesen Gedanken wollte ich andere Männer einladen.» Gassert ist es ein Anliegen, eingebrannte Bilder von Männern aufzureissen und dazu beizutragen, dass die nächste Generation von neuen Strukturen profitiert.

Langer Vaterschaftsurlaub

Beruflich und persönlich versucht Gassert nach dieser Maxime zu leben. In seinem Unternehmen gewährt er werdenden Vätern – seit 13 Jahren – einen Monat Vaterschaftsurlaub. Teilzeit und Frauen fördert er. Gassert und seine Partnerin arbeiten beide 80 Prozent. Sie teilen sich die Betreuung der beiden Kleinkinder sowie die Hausarbeit.

Was Gassert mit seinen «Anhängern» macht, weiss er noch nicht. Eine Bewegung gründen? Sich einer anderen Gruppierung anschliessen? Die Energie will er auf jeden Fall nutzen. Gassert muss sich jetzt überlegen, ob er auf dieser Schiene Wahlkampf machen will. Eigentlich sind Digitalisierung und E-Voting seine Themen. «Und nun rede ich übers echte Männersein.» Aber mit Achtsamkeit könne man sich kaum politisch positionieren.

Erstellt: 02.09.2019, 12:02 Uhr

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