U-Bahn-Pläne wegen neuem Kispi

Es gibt Zweifel am ÖV-Konzept für das künftige Kinderspital im Zürcher Kreis 8. Spezialisten schlagen eine U-Bahn vor – und ernten Sympathie.

Die Lösung aller Verkehrsprobleme? Gemäss dem Verein Lake Area Metro könnte eine U-Bahn-Station in der Lengg ähnlich aussehen wie in Stockholm (im Bild).

Die Lösung aller Verkehrsprobleme? Gemäss dem Verein Lake Area Metro könnte eine U-Bahn-Station in der Lengg ähnlich aussehen wie in Stockholm (im Bild). Bild: PD

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Im Gebiet Lengg an der Grenze zu Zollikon wird derzeit emsig gebaut. Bereits wächst das neue Kinderspital in die Höhe, auch der zweite Kispi-Standort für Labore, Forschung und Lehre steht bereits in der Hochbauphase. Ende 2022 soll das Kispi die Neubauten beziehen. Das bedeutet auch, dass sich die Mitarbeitenden des Spitals, das sich heute in Fluntern befindet, und die kleinen Patienten mitsamt der Eltern an neue Wege gewöhnen müssen.

Das Gebiet wird noch stärker als heute zu einem Gesundheitscluster, wie man modern sagt. In unmittelbarer Nachbarschaft zum neuen Kispi stehen die Kliniken Balgrist, Schulthess und Hirslanden, die Psychiatrische Uniklinik, die Epi-Klinik sowie einige Pflegezentren. Bereits heute ist die Lengg mit 3500 Beschäftigten das schweizweit grösste Arbeitsplatzgebiet im Gesundheitsbereich. 1500 Patientinnen und Patienten gehen täglich ein und aus, dazu kommen Besuchende. In 20 Jahren sind es gemäss Prognose des Kantons 7000 Beschäftigte und 3600 Patienten täglich, also mehr als doppelt so viele.

In 20 Jahren verkehren
im Spitalgebiet Lengg
mehr als doppelt so viele Beschäftigte und Patienten
wie heute.

Die Eröffnung des neuen Kinderspitals ist also auch für die Verkehrsplaner eine Herausforderung. Die Hauptachse für den Autoverkehr wie den ÖV ist die Forchstrasse mit dem 11er-Tram und der Forchbahn. Brennpunkt ist die Haltestelle Balgrist. Etwas weiter seewärts verkehrt der Quartierbus der Linie 77.

Autofahrten werden begrenzt

Der Kanton rechnet mit einer Zunahme der Anzahl Wege von 30 Prozent bis 2025 und fast einer Verdoppelung bis 2040. Da die Strassen gemäss dem Masterplan Lengg «bereits heute ausgelastet und in Spitzenstunden überlastet» sind, soll der motorisierte Individualverkehr (MIV) mit einem «Mobilitäts- und Parkierungsmanagement» begrenzt werden.

Konkreter: Die Spitäler werden verpflichtet, nicht mehr als eine gewisse Anzahl Fahrten zuzulassen. Wie sie das tun, ist ihnen überlassen. Mit einem Monitoring müssen sie aber den Beweis erbringen. Trotz heutiger Grossbelastung darf – gemäss kantonaler Planung – der MIV im Gebiet Lengg im Vergleich zu 2015 um bis zu 40 Prozent wachsen. Dafür wird die Forchstrasse fit gemacht – zum Beispiel mit einem Spurausbau bei den Abzweigungen Lenggstrasse (Richtung Kispi) und Witellikerstrasse (Hirslanden).

So soll das Verkehrswachstum aufgefangen werden: Neue Buslinie nach Zollikon (zum Vergrössern bitte anklicken).

Das Hauptverkehrswachstum aber soll der ÖV übernehmen. Der Plan ist, dass der 77er bis Balgrist verlängert wird und ein neuer Bus zwischen Balgrist und Bahnhof Zollikon verkehrt. Auch soll der Fahrplan des 11ers und der Forchbahn verdichtet werden, wobei die Kapazitätsgrenze gemäss Kanton 2025 erreicht wird. Angedacht ist, das 15er-Tram bis Rehalp zu verlängern. Ein sogenannter Balgrist Mover zwischen Bahnhof Tiefenbrunnen und Lengg wird als nicht zweckmässig betrachtet.

Tiefenbrunnen-Metro...

Das sei Pflästerlipolitik, kritisiert Urs Schaffer von Pro Bahn Zürich. Das Konzept sei nicht fertig gedacht. «Den 77er zu verdichten, bringt wenig bis gar nichts, ein zweiter Bus ist längerfristig zu wenig leistungsfähig», meint er. Es brauche mehr.

Vorbild Lausanne? Dort verbindet die Metro den Hafen mit den Spitälern. Foto: AFP

Eine der Schwachstellen sei etwa die fehlende Anbindung an den Bahnhof Tiefenbrunnen. Deshalb bringt Schaffer eine steile Metro nach dem Vorbild Lausannes ins Spiel. Eine solche könnte er sich auch vom Bahnhof Stadelhofen her vorstellen.

...oder gar U-Bahn?

Noch visionärer denkt der Verein Lake Area Metro. Weil die Spitäler schlecht mit dem ÖV erschlossen seien, schlägt er eine unterirdische Verbindung im grösseren Stil vor, wie Vereinspräsident und Architekt Hannes Strebel sagt. Die U-Bahn soll beim HB Zürich starten und mit den Haltestellen Hochschulen, Lengg und Zollikon Dorf gleich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: massiv bessere Erschliessung des Hochschulquartiers mit all seinen geplanten Gebäuden rund ums neue Universitätsspital, der Lengg mit seinen Spitälern und auch von Zollikon, an dessen Kern die heutige S-Bahn vorbeifährt. Pro Station rechnet Strebel mit zwei Minuten Reisezeit. Inklusive Haltezeit wäre man also in gut fünf Minuten vom HB im Kinderspital.

Vision U-Bahn: Vom HB Zürich in fünf Minuten ins Kinderspital (zum Vergrössern bitte anklicken). Quelle: Lake Area Metro

Lake Area Metro (LAM) ist eine Art Abspaltung der Planungsgruppe Hecht, der ein U-Bahn-Ring um den ganzen Zürichsee vorschwebt. Dem Verein geht es vor allem ums untere Seebecken. Er plädiert aber auch für eine Verbindung bis nach Rapperswil, wobei im Gegensatz zur heutigen S-Bahn die Dörfer Herrliberg und Hombrechtikon angeschlossen würden. Wegfallen würden die Stationen Tiefenbrunnen, Zollikon See, Feldmeilen, Uerikon und Feldbach. Das U-Bahn-Trassee würde gemäss der Idee unter der S-Bahn-Schneise verlaufen. Diese würde in eine grosse Velo-Autobahn für Zweiräder mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten umgewandelt.

Vereinsvorstand und CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid ist sich bewusst, dass die U-Bahn eine Vision ist. Angesichts des grossen Bevölkerungswachstums und des Mangels an Boden müsse man aber aus heutigen Denkschemen ausbrechen. Als «kurzsichtig» betitelt er eine abschlägige Antwort des Regierungsrats auf seine parlamentarische Anfrage zum Thema rechtsufrige U-Bahn.

Röhre kleiner als bei S-Bahn

Nun peilt der Verein eine Machbarkeitsstudie an. Das Mega-Projekt müsste wohl im ersten Schritt privat finanziert werden – bevor SBB und ZVV ins Boot geholt werden. Als mögliche Partner nennt Schmid die grossen Detailhändler. Denn die Metrostationen würden gemäss seiner Vorstellung nicht eng und muffig wie jene in Paris, sondern offen und hell mit Läden auf mehreren Etagen. Eine U-Bahn-Röhre sei viel kleiner als ein S-Bahn-Tunnel, weshalb auch die Kosten nicht vergleichbar sein.

Grosszügig und hell: U-Bahn in Stockholm. Bild: PD

Vereinsvorstandsmitglied Stefan Maurhofer, Dozent an der Fachhochschule Rapperswil und Präsident von Swiss Tunnel, hat für die rechtsufrige U-Bahn einen Investitionsbetrag von 1,2 Milliarden Franken errechnet. Finanziert werden könnte dies auch durch die Abschöpfung des massiven Mehrwerts der Häuser, welche nicht mehr eine S-Bahn-Schneise vor dem Garten hätten. Lorenz Schmid sagt halbernst, man könne auch die 900 Millionen für den Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen abzweigen.

Dem Einwand, das viele Zugpassagiere wohl rebellieren würden, wenn sie nicht auf den See blicken könnten, begegnet Hannes Strebel so: «Sie schauen heutzutags ohnehin auf den Handy-Bildschirm.» Er ist überzeugt, dass der urbane Verkehr künftig vermehrt unterirdisch abgewickelt wird.

Eine U-Bahn-Station könnte sowohl Einkaufs- wie Bahnzentrum sein. Bild: PD

Urs Schaffer von Pro Bahn findet die U-Bahn-Vision «eine gute Idee und einen Gedankengang wert». Das Problem seien aber die Finanzierung und der Faktor Zeit. Die kantonale Volkswirtschaftsdirektion von Carmen Walker Späh (FDP) teilt mit, punktuelle unterirdische Verkehrsführungen seien sinnvoll. Eine U-Bahn in Konkurrenz zur S-Bahn verwirft sie aber aus finanziellen Gründen und mit Verweis auf den metroartigen S-Bahn-Ausbau namens 2G ab 2035.

«Pulsader» zwischen den Spitälern

Wesentlich mehr Begeisterung kommt von den betroffenen Spitälern. Der Verkehr sei ein zentrales Thema, sagt Andrea Rytz. Sie ist Direktorin der Schulthess-Klinik und spricht als Präsidentin des Vereins Gesundheitscluster Lengg für alle grossen Player inklusive Kinderspital.

«Den Hauptbahnhof, das Hochschulgebiet und
die Lengg unterirdisch zu verbinden, wäre
städtebaulich
ein kluger Schachzug.»
Andrea Rytz, Gesundheitscluster Lengg

Die U-Bahn-Idee findet Rytz «sympathisch». Den Hauptbahnhof, das Hochschulgebiet und das Gebiet Lengg unterirdisch zu verbinden, «wäre städtebaulich ein kluger Schachzug», so Rytz. «Eine Pulsader zwischen den grossen medizinischen Wissens- und Entwicklungsgebieten würde den Forschungs-, Bildungs- und Medizinstandort Zürich stärken und die Verkehrssituation verbessern.»

Das Unispital begrüsst auf Anfrage alle Massnahmen, die sicherstellen, dass das Spital gut erreichbar ist – für Patienten, Besucherinnen, Mitarbeitende oder Studierenden, insbesondere auch für mobilitätsbehinderte Personen. «Ob dies mit einer U-Bahn am besten erreicht werden kann, müsste eine vertiefte Planung zeigen.»

Stadt Zürich zögert

Das städtische Tiefbaudepartement von Richard Wolff (AL) will sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht zur U-Bahn-Idee äussern. «Zunächst müsste geprüft werden, ob so eine Erschliessung möglich und bezahlbar wäre.»

Stadt wie Kanton sind aber der Meinung, dass die ÖV-Anbindung im Gebiet Lengg heute «angemessen und gut» ist. Neben dem Tram- und Busausbau seien ZVV, Amt für Verkehr und VBZ unter der Federführung der Stadt daran, «Lösungen zur Bewältigung des sich abzeichnenden steigenden Mobilitätsaufkommens sicherzustellen», heisst es aus dem Tiefbaudepartement.

Erstellt: 27.11.2019, 23:31 Uhr

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