Überraschende neue Anklage gegen Zürcher Neonazi

Hat der berüchtigte Zürcher Oberländer Rechtsextreme Kevin G. einen orthodoxen Juden in Wiedikon attackiert? Das Gericht hat Zweifel.

Zuschauerbild von Tele Züri: Neonazi-Freunde von Kevin G. beim Polterabend.

Zuschauerbild von Tele Züri: Neonazi-Freunde von Kevin G. beim Polterabend. Bild: Screenshot / Tele Züri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer hat im Juli 2015 einen orthodoxen Juden in Wiedikon bespuckt, ihm «Scheissjude!», «Wir werden euch alle vergasen!», «Wir schicken euch nach Auschwitz!» und «Heil Hitler!» nachgerufen? Mit dieser Frage beschäftigt sich am 13. März das Bezirksgericht Zürich. Als Beschuldigter verantworten muss sich Kevin G., ein mehrfach vorbestrafter Neonazi aus dem Zürcher Oberland, der als Frontmann der rechtsradikalen Rockband Amok bekannt geworden ist. Offenbar zweifelt das Gericht daran, dass dem Beschuldigten die Haupttäterschaft zweifelsfrei nachgewiesen werden kann. Es hat der Staatsanwaltschaft die Möglichkeit gegeben, eine Eventualanklage zu erheben. Diese liegt dem «Tages-Anzeiger» vor.

Darin beantragt die Staatsanwaltschaft die gleiche Strafe wie in der Hauptanklage (unbedingte Freiheitsstrafe von 10 Monaten sowie eine Busse von 1000 Franken wegen Rassendiskriminierung und Tätlichkeiten). Sie lässt aber die Möglichkeit offen, dass nicht Kevin G. die Taten ausgeführt hat, sondern jemand anderes aus der zwanzigköpfigen Gruppe. «Ein jeder Teilnehmer der Polterabendveranstaltung, insbesondere auch der Beschuldigte», habe die antisemitischen Äusserungen gebilligt, «egal, ob aus eigenem Munde oder aus dem Munde eines Mitglieds des gemeinsamen Anlasses», heisst es in der Eventualanklageschrift.

Langes Vorstrafenregister

Dass eine Eventualanklage erhoben wird, ist äusserst selten. Sie kommt gemäss der Strafprozessordnung dann zum Zug, wenn die Hauptanklage verworfen wird. Jürg Krumm, der Verteidiger von Kevin G., interpretiert das auf Anfrage dahingehend, dass seinem Mandanten die Taten nicht bewiesen werden können. Genau darauf wird der Anwalt aus dem Büro von Valentin Landmann bei der Hauptverhandlung unter anderem auch plädieren. Er streitet nicht den Vorfall als solchen ab, sondern dass sein Mandant die vorgeworfenen Taten vollbracht hat. Er wird deshalb einen Freispruch verlangen.

Anders interpretiert dies die zuständige Staatsanwältin Susanne Leu. Sie ist davon überzeugt, dass es sich bei Kevin G. um den Haupttäter handelt. Mit der Eventualanklage sichert sie sich aber für den Fall ab, dass die genauen antisemitischen Wörter nicht dem Beschuldigten zugeordnet werden können. Dann könnte das Gericht den Neonazi wegen Mittäterschaft verurteilen.

Spricht das Bezirksgericht Kevin G. im März schuldig, droht dem 30-jährigen Schweizer, der inzwischen in einem kleinen Dorf im Zürcher Unterland wohnt, wegen mehrerer Vorstrafen gar noch eine deutlich längere Freiheitsstrafe. Im Kanton Aargau wurde er 2012 vom Gerichtspräsidium Lenzburg zu einer bedingten Geldstrafe von 120 Tagessätzen verurteilt. Ein Jahr später folgte ein weiteres Urteil des Kreisgerichts See-Gaster im Kanton St. Gallen: 30 Monate Freiheitsstrafe, davon musste er 12 Monate absitzen. Für die restlichen 18 Monate sowie für die Geldstrafe wurde eine Probezeit von fünf Jahren angesetzt. Weil Kevin G. nun innerhalb dieser Zeit wieder straffällig geworden sei, beantragt die Staatsanwaltschaft den Vollzug dieser Vorstrafen.

Kollege per Strafbefehl bestraft

Bereits verurteilt worden ist im vergangenen November ein weiterer Teilnehmer des Polterabends. Der 24-jährige Maurer aus dem Kanton St. Gallen erhielt wegen Rassendiskriminierung einen Strafbefehl von 180 Tagessätzen à 90 Franken, eine Busse von 3800 Franken und muss die Verfahrenskosten von 1500 Franken bezahlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 18:03 Uhr

Artikel zum Thema

Rock, Faustschläge und patriotische Tendenzen

Kevin G. ist langjähriger Sänger der Schweizer Band Amok, die am Neonazi-Treffen in Unterwasser auf der Bühne stand. Wie gefährlich ist der bekannte Rechtsradikale? Mehr...

Zürcher Neonazi droht Freiheitsstrafe

Die Staatsanwaltschaft erhebt demnächst Anklage gegen einen vorbestraften Rechtsradikalen. Er soll in Wiedikon einen orthodoxen Juden attackiert haben. Mehr...

Spuck-Attacke auf Juden kommt Neonazi teuer zu stehen

Ein Neonazi soll wegen Rassendiskriminierung für 28 Monate ins Gefängnis. Der einschlägig vorbestrafte Mann soll in Zürich-Wiedikon einen Juden bespuckt und beschimpft haben. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sichtlich fasziniert: Ein Besucher blickt auf eine Kreation, die zur Eröffnung der grossen Ausstellung «Viktor und Rolf: Modekünstler 25 Jahre» in der Kunsthal in Rotterdam, Niederlande gezeigt wird. (26. Mai 2018)
(Bild: Remko de Waal) Mehr...