Überraschender Schachzug bei Zürcher Milliarden-Bau

Es ist ein Tabubruch, was neun Alt-Stadträte tun: Sie mischen sich beim Rosengartentunnel ein.

Der VCS-Querschnitt des Tunnelprojekts beim Wipkingerplatz. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

Der VCS-Querschnitt des Tunnelprojekts beim Wipkingerplatz. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

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Es ist eine illustre Runde, die sich um den früheren SP-Stadtrat Martin Waser formiert: die Grüne Ruth Genner, die Freisinnigen Andres Türler, Kathrin Martelli, Martin Vollenwyder und Hans Wehrli, Monika Weber (parteilos), Gerold Lauber (CVP) und ­sogar Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber (SP). Alle neun sind ehemalige Mitglieder des Zürcher Stadtrats.

Sie haben sich versammelt, um öffentlich für den neuen Rosengartentunnel und das Tram zu kämpfen. Das ist ausser­gewöhnlich. Ehemalige Regierungsmitglieder halten sich nach ihrem Rücktritt aus politischen Diskussionen meist heraus. Doch in diesem Fall möchten sie nicht schweigen. Oder wie Ruth Genner sagt: «Ich will nochmals ­erklären, weshalb ich mich als Stadträtin für das Bauvorhaben starkgemacht habe.»

Sie glauben an ihr Projekt: Andres Türler (l.), Ruth Genner und Martin Waser machen sich für den Rosengartentunnel stark. Foto: Reto Oeschger

Die Ehemaligen machen das, was der amtierende Stadtrat unterlässt. Dieser stellt sich zwar hinter Tunnel und Tram, will sich aber aus dem Abstimmungskampf heraushalten.

Belastende Grossbaustelle

Ruth Genners Einsatz ist besonders delikat. Ihre Partei kämpft am erbittertsten gegen das 1,1-Milliarden-Franken teure Bauwerk. Damit werde der Autoverkehr gefördert, finden die Grünen. Für Genner hingegen löst der Tunnel ein jahrzehntealtes Problem: die Schneise Rosengartenstrasse, die das Quartier Wipkingen trennt. Sie werbe nicht für einen Autotunnel, sondern für ein Gesamtkonzept mit einer neuen Tramlinie, sagt ­Genner. Das Tram soll den Wipkinger- mit dem Bucheggplatz verbinden, sobald der Autostrom unter dem Boden verschwunden ist. Dann werde die oberirdische Rosengartenstrasse zur ruhigen Quartierstrasse.

Die Situation über dem Tunnel. Visualisierung: Architron

Die Grossbaustelle werde das Quartier belasten, sagt Genner, «aber danach wird es erblühen». Der Autoverkehr dürfe aber trotz des Tunnels nicht wachsen. Heute fahren täglich 56'000 Autos und Lastwagen über die Rosengartenstrasse. Dabei müsse es bleiben, sagt Genner. Dafür müssten Stadt- und Regierungsrat sorgen. Als Tiefbauvorsteherin hat Genner selber eine solche Vereinbarung unterschrieben. Es ist jedoch politisch umstritten, wie verbindlich diese ist.

Ein letztes Mal hinstehen

Gemeinsam mit Alt-Stadtrat Andres Türler hat Genner 2013 das Milliarden-Vorhaben vorgestellt. Türler sagt, ihm liege sehr viel am «Generationenprojekt». Daher habe er sich überwunden, öffentlich dafür einzustehen. Er tut dies allerdings im Einklang mit seiner Partei.

Das Problem am Rosengarten begleite ihn schon lange. Bereits vor der Jahrtausendwende habe er sich gegen den Strassenlärm engagiert, sagt Türler. Damals lebte er noch in Wipkingen. Als Stadtrat leitete er später die ­Zürcher Verkehrsbetriebe und arbeitete an einer Tram-Lösung mit. «Zürich braucht diese direkte Verbindung von Zürich-Nord nach Zürich-West», sagt er. Nur sie könne den Hauptbahnhof entlasten. Ohne Tunnel werde es kein Tram geben, die Strasse biete zu wenig Platz. «Und die Strasse ist ebenfalls wichtig für den Wirtschaftsstandort Zürich.»

«Der Rosengartentunnel bietet die letzte Möglichkeit, das Quartier wieder gut bewohnbar zu machen.» Martin Waser, SP

Auch für Martin Waser geht die Bedeutung des Projekts über die Stadt hinaus. «Die Stadt, die angrenzenden Gemeinden und der Kanton werden davon profitieren.» Zürich wachse, die Stadt brauche diese Infrastruktur für die Zukunft. Die Gegner, zu denen auch seine eigene Partei gehört, die SP, versteht er nicht. «40 Jahre lang hat man über die Verkehrslawine am Rosengarten geklagt, 30 Jahre lang um eine Lösung gerungen.» Der Rosengartentunnel mit Tram sei der einzige mehrheitsfähige Kompromiss. Er biete die letzte Möglichkeit, das Quartier wieder gut bewohnbar zu machen.

«Sagt das Volk Nein, gibt es die nächsten 30 Jahre einen Stillstand», sagt Waser.

Unbeliebt bei den Parteien

Bei SP und Grünen kommt das Engagement ihrer Alt-Stadträte schlecht an. «Ich verstehe nicht, warum sie sich einmischen und eine so überholte Beton-Politik propagieren», sagt SP-Verkehrspolitikerin Simone Brander. Die kantonale SP habe sich einstimmig gegen das Rosengartenprojekt ausgesprochen. Die Befürworter bildeten eine sehr kleine Minderheit.

«Uns wäre lieber, sie würden sich zurückhalten. Mit ihrem Einsatz schaden sie der eigenen Partei», sagt der städtische SP-Präsident Marco Denoth. Den Ex-Stadträten fehle die Legitimation, sich zum Thema zu äussern.

Felix Moser, Präsident der städtischen Grünen, sagt, dass man niemandem vorschreibe, was sie oder er sagen soll. Innerhalb der Partei reagieren aber viele verärgert auf das Engagement. Es heisst, die Ehemaligen versuchten lediglich, den eigenen Ruf zu retten.

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Und es gibt auch frühere Stadträte, die sich als Tunnelfeinde outen. Josef Estermann etwa, SP-Stadtpräsident von 1990 bis 2002. Estermann gilt als zurückhaltend. «Aber zu einem derart monströsen, zerstörerischen Projekt kann ich nicht schweigen», sagt er. «Sonst verleugne ich meine Geschichte.»

Estermann hat lange selber in Wipkingen gewohnt, wo er auch als Quartiervereinspräsident amtierte. Das Projekt verbreitere und vertiefe die Rosengartenschneise. Die zehnjährige Bauzeit werde die Sozialstruktur des Röschibachquartiers zerstören und den Wipkingerplatz zur Wüste machen. «Die Befürworter haben kein Ohr im Quartier.»

Vor dem Hintergrund der Klima­debatte komme ihm das Projekt besonders absurd vor, sagt Estermann. Es zementiere die alten Ansätze und werde für noch mehr Autofahrten sorgen. «Dabei müssen wir den Verkehr jetzt neu denken.»

Martin Waser und Ruth Genner haben mit dem parteiinternen Widerstand gerechnet. Doch der Kampf für ihren Tunnel ist ihnen wichtiger als die Harmonie in den eigenen Reihen.

Erstellt: 12.12.2019, 20:48 Uhr

Die Rosengarten-Abstimmung

Am 9. Februar 2020 stimmt der ganze Kanton darüber ab, ob die Rosengartenstrasse in Zürich-Wipkingen durch einen Tunnel ersetzt wird. Die Strasse würde nicht verschwinden, aber auch nicht mehr als Hauptachse dienen. Sie soll zur mehrspurigen Quartier­strasse mit zwei Tramlinien werden. Der Autoverkehr soll hauptsächlich durch den Tunnel gelenkt und oberirdisch deutlich verringert werden. Das Bauwerk kostet 1,1 Milliarden Franken und ist heftig umstritten. SP, Grüne, AL, GLP, CVP und BDP wehren sich ­dagegen. FDP, SVP, EDU und die kantonale EVP sowie die Regierungen von Stadt und Kanton Zürich sind dafür. Durch den Tunnel könnte man frühestens in zehn Jahren fahren, mit dem Tram ab 2032. (meg)

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