Mit dem Stabilo die Gymiprüfung schreiben

Eine Schülerin schreibt die Aufnahmeprüfung mit Leuchtstift. Weil sie einen verbotenen Stift dabei hatte, sagt ihre Mutter. Die Bildungsdirektion stellt den Fall ganz anders dar.

Das falsche Schreibwerkzeug kann an der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium verheerende Folgen haben.

Das falsche Schreibwerkzeug kann an der Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium verheerende Folgen haben. Bild: Raisa Durandi

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Montagmorgen, der Tag der Aufnahmeprüfung am Gymnasium Zürich Nord. Die 11-jährige Zürcher Primarschülerin Sabrina* ist eine von etwas mehr als 8000 Prüflingen an diesem Tag im Kanton. Sie ist bestens vorbereitet – und auch nervös. Seit langem hegt sie den Wunsch, nach der Primarschule das Langzeitgymi zu besuchen. Der erste Prüfungsteil ist Deutsch: Textverständnis, zwei Seiten Interpretation. Alle Schüler sind bereit, diesen ersten Prüfungstag zu bestreiten.

Nur Sabrina darf nicht loslegen, erzählt ihre Mutter. Von der Aufsichtsperson sei sie darauf hingewiesen worden, dass jener Stift, den sie zur Prüfung mitgebracht hat, nicht erlaubt sei. Es ist ein «Frixion» der Firma Pilot, ein unter Schülern heute weitverbreiteter Kugelschreiber. Das Problem damit: Er hat eine Radierfunktion.

Sabrina wird nun immer nervöser. Ihr bleibt also nichts anderes übrig, als auf einen Stabilo zurückzugreifen, den sie für den Notfall mitgenommen hat. Einen Stift, extra dafür gemacht, Textstellen zu markieren. Und so schreibt sie ihre ganze Arbeit mit diesem grünen Filzstift.

Keine Rede vom Verbot

In der Pause ruft Sabrina, jetzt völlig aufgelöst, ihre Mutter an. «Das war ein denkbar schlechter Start für den ersten Prüfungstag meiner Tochter», sagt die Mutter von Sabrina. Sie liest das Anmeldeformular für die Prüfung noch einmal durch, doch sie findet dort keinen Hinweis auf ein Verbot. Ebenso wenig auf der Website der Zentralen Aufnahmeprüfung. Dazu kommt: Bei der Probeprüfung unter realistischen Bedingungen, die ihre Tochter vor ein paar Wochen bestritt, war ebenfalls keine Rede von diesem spezifischen Verbot.

Doch tatsächlich gibt es eine solche Regel, wie Niklaus Schatzmann von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich sagt. «An den Zentralen Aufnahmeprüfungen dürfen keine Stifte verwendet werden, bei denen sich das Geschriebene wieder löschen lässt», sagt er. Auch müssen die Texte im Nachhinein in jedem Fall lesbar sein, was beim «Frixion» nicht gewährleistet sei, führt Schatzmann weiter aus. Den Fall von Sabrina S. bewertet er schliesslich als «unglücklichen Einzelfall».

In der Zwischenzeit hat die Bildungsdirektion die Aufsichtsperson ausfindig gemacht. Sie stellt die Sache ganz anders dar, wie die Bildungsdirektion mitteilt: Die Schülerin habe sich nach der ersten Prüfung bei der Aufsichtsperson gemeldet und ihr zwei Stifte gezeigt: einen Kugelrollschreiber und einen grünen Leuchtmarker. Demnach habe die Schülerin gesagt, sie hätte nur zwei Stifte dabei; weil der Kugelroller angegangen sei, hätte sie mit dem grünen Stabilo weiter geschrieben. Die Aufsichtsperson habe ihr daraufhin angeboten, einen geeigneten Stift zu organisieren. «Die Schülerin schlug das Angebot aus, weil sich sie bei einer anderen Person einen Stift besorgen werde.»

Beim Aufsatz wieder mit Kugelschreiber

Sabrina konnte zumindest den zweiten Teil des ersten Prüfungstages mit einem Kugelschreiber der Kollegin bestreiten. Sie hofft jetzt noch, dass sie keinen Nachteil haben wird, weil sie mit diesem grünen Stift geschrieben hat.

Die Mutter drohte an, in einem solchen Fall Rekurs einzulegen. Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass sie weder in den Anmeldeunterlagen zur Prüfung noch unter der Auflistung von erlaubten Hilfsmitteln auf der Seite der Zentralen Prüfungen einen Hinweis darauf gefunden habe, welche Stifte genau erlaubt sind und welche nicht. Stattdessen lässt sich dort etwas zu Smartphones oder Taschenrechnern finden. Es sei an der Lehrperson an der Primarschule, so Schatzmann weiter, mehrfach auf dieses Verbot hinzuweisen. Auch sei entsprechende Regelung im Aufgebot zur Prüfung vermerkt.

*Name von der Redaktion geändert

In einer früheren Version des Artikels stand, dass Sabrina die Lehrperson nach einem Ersatzstift gefragt hat. Dies hat sich zu einem späteren Zeitpunkt als falsch erwiesen und wurde deshalb geändert. Sie hat nicht nach einem solchen gefragt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.03.2018, 12:53 Uhr

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