Und dann schläft plötzlich einer auf dem Waldsofa

In Zürichs Wäldern leben das ganze Jahr über Personen im Unterholz. Das führt zu überraschenden Begegnungen.

Überall in Schweizer Wäldern zu Hause: Das Lager eines Waldmenschen im Bremgartenwald.

Überall in Schweizer Wäldern zu Hause: Das Lager eines Waldmenschen im Bremgartenwald. Bild: Raphael Moser

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Es klingt fast wie das Ende einer Räubergeschichte aus der Kindheit: In einem Waldstück bei Zollikerberg hat die Polizei vergangene Woche ein illegales Lager geräumt und sieben mutmassliche Einbrecher und Bettler verhaftet. Dass sich in Zürcher Wäldern eine Bande versteckt, ist aussergewöhnlich. Nicht aber, dass Leute im Unterholz leben – und zwar das ganze Jahr über.

Es seien Menschen, die sich ganz bewusst zurückziehen, sagt Simon Weis, Leiter der Abteilung Sicherheit, Intervention, Prävention – kurz SIP Züri. Weis’ Mitarbeiter kennen diese Waldmenschen, sie besuchen sie alle drei Wochen. «Teilweise wollen sie keine Sozialhilfe beziehen, selbst wenn sie darauf Anspruch hätten», sagt er.

Kältepatrouillen bis 2 Uhr

Je nach Temperatur und Witterung gehen die SIP-Mitarbeiter öfters vorbei und intensivieren den Kontakt. Jetzt, da die Temperaturen wieder unter null sinken, patrouilliert die SIP sogar bis morgens um 2 Uhr und sucht Waldmenschen und Obdachlose auf. «In dieser Saison haben wir schon einige dieser Kältepatrouillen durchgeführt. Es zieht langsam an.»

Generell akzeptiere man die SIP und ihre Vorschläge, sagt Weis. «Es kann natürlich auch mal Meinungsverschiedenheiten geben – vor allem, wenn wir der Meinung sind, dass sie sich von einem Arzt behandeln lassen sollten.»

Lager samt Küche und Holzregal

Der SIP-Leiter geht davon aus, dass derzeit drei bis vier Personen das ganze Jahr über in den Wäldern von Zürich wohnen. Sie seien punkto Leben in der Natur sehr erfahren. Einige würden regelmässig zwischen verschiedenen Stammplätzen wechseln, wenn es ihnen an einer Stelle zu viele Leute hat.

«Man sieht es ihren Biwaks an, dass da jemand zu Hause ist und Ordnung hält.»Simon Weis,
SIP-Abteilungsleiter

Andere richten sich ein Lager ein samt Küche und Ablagen aus Holz für die Esswaren. «Man sieht es ihren Biwaks an, dass da jemand zu Hause ist und Ordnung hält.» Natürlich gab es laut Weis auch schon Fälle, in denen jemand ganze Möbel und Matratzen in den Wald geschleppt oder sich häuslich in einem Waldunterstand eingerichtet hat. «Das geht natürlich nicht. Solche Orte müssen für alle nutzbar bleiben.»

Überraschung für Krippenkinder

Neben diesen «Dauermietern» in Zürichs Wäldern gibt es auch jene, die sich auf der Durchreise befinden und nur kurz bleiben. Wie viele pro Jahr sich in einem Waldstück ein Nachtlager einrichten, bevor sie weiterziehen, lässt sich laut Weis nicht beziffern. Sie dürften den übrigen zahlreichen Waldnutzern allerdings eher auffallen als die Alteingesessenen.

Während jene nämlich genau wissen, wo sie ungestört bleiben können, wählen die Kurzaufenthalter für ihre Biwaks oft Stellen, welche auch andere gerne aufsuchen: Windgeschützte Orte wie Waldunterstände mit Feuerstellen, Vordächer von Waldhütten oder Lichtungen, wo Waldkrippen sich eingerichtet haben. Das kann zu überraschenden Begegnungen führen. «Es kommt ab und zu vor, dass Durchreisende auf einem Waldsofa einer Krippe übernachten. Dann erhalten wir jeweils von den Krippenleitern Bescheid», sagt Weis.

Windgeschützter Platz: Das Waldsofa eines Waldkindergartens. (Bild: zvg)

Auf der Suche nach der Familie

Mit den Durchreisenden steht die SIP ebenfalls in Kontakt. Es seien meist Europäer – Italiener, Portugiesen, Spanier, Engländer oder Leute aus Skandinavien –, die sich hier aufhalten. Auch Asiaten habe man schon in den Wäldern angetroffen, sagt Weis. In der Regel seien es mittellose Einzelgänger, die zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs seien, weil sie sich den Zug nicht leisten können. «Einige von ihnen reisen durch die Welt, um beispielsweise nach Familienangehörigen zu suchen.»

Der SIP-Leiter und seine Mitarbeiter lassen die Waldleute und Durchreisenden gewähren, obwohl das Biwakieren auf Stadtgebiet eigentlich nicht erlaubt ist. «Wir sind keine Polizisten», sagt er. «Solange die Leute Ordnung halten, keinen Abfall im Wald hinterlassen und im Einklang mit der Natur leben, erstatten wir auch keine Meldung.»

Auch die Polizei geht beim Thema Waldmenschen pragmatisch vor: Solange sie nicht stören und weder sich selbst noch andere gefährden, werden sie in Ruhe gelassen. Und was die Bande im Wald bei Zollikerberg anbelangt: Fünf der sieben Personen wurden gemäss Polizeiangaben inzwischen wieder aus der Haft entlassen. Zwei Personen bleiben weiterhin in Gewahrsam - einer von ihnen wegen Einbruchvesuchs.

Erstellt: 02.12.2019, 12:12 Uhr

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