Und dann verbrüht sich die Fünfjährige mit heissem Wasser

Der Vorfall in einem Stadtzürcher Kinderhort hat verheerende Folgen. Die Leiterin ist wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt worden.

Das Bezirksgericht Zürich verurteilt die Leiterin des Horts, verzichtet aber auf eine Strafe. Foto: Urs Jaudas

Das Bezirksgericht Zürich verurteilt die Leiterin des Horts, verzichtet aber auf eine Strafe. Foto: Urs Jaudas

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Man möchte sich das gar nicht vorstellen, was man in der Anklageschrift liest: «… worauf sich das heisse Wasser über sie ergoss und ihr an Brustkorb, Hals, Schulter und linkem Oberarm Verbrühungen II. und teilweise III. Grades zufügte, was zu bleibenden Narben im Bereich der transplantierten Areale führte.»

Möglicherweise wird das Mädchen «lebenslang an den schweren Verbrühungen leiden», wie ihr Rechtsvertreter am Donnerstag vor Gericht sagte, auch wenn laut Kinderspital noch nicht absehbar ist, wie sich das vernarbte Gewebe entwickelt, wenn das Kind grösser wird, in die Pubertät kommt.

Vom Dampf fasziniert

Die verheerenden Folgen sind das Ergebnis einer kleinen Unaufmerksamkeit, bei welcher die ausgebildete und erfahrene Sozialpädagogin für einen Augenblick die nötige Sorgfalt vermissen liess. Dabei war die Idee an jenem Dienstagabend, kurz vor der Schliessung des Kinderhorts, eine charmante gewesen.

Die Hortnerin machte in der ­Küche in einem Wasserkocher Wasser heiss und schüttete es in eine Thermosflasche, einen sogenannten Coffee-to-go-Becher, um Tee zu brühen. Den Deckel liess sie offen, solange der Tee ziehen sollte. Der aufsteigende Dampf faszinierte offenbar die beiden noch anwesenden Mädchen, fünf und neun Jahre alt.

Die Hortnerin führte die Hände der Kinder durch den aufsteigenden Dampf, damit sie die Wärme spüren konnten. Dass die angenehme Wärme aber etwas völlig anderes ist als das brühheisse Wasser in der Flasche, wussten die Kinder nicht. Und die Hortnerin machte sie darauf nicht aufmerksam.

Nach diesem kurzen «Feldversuch» schickte die Sozialpädagogin die Kinder in die Garderobe, damit sie sich umziehen, bevor sie abgeholt würden. Sie selber drehte sich um, damit sie die Rollläden neben der Küche schliessen konnte.

Dazu kam es nicht. Denn kaum zwei Sekunden nach dem Umdrehen erfüllte ein heftiger Schrei den Raum. Das fünfjährige Mädchen hatte sich nicht zur Garderobe begeben, sondern nach der auf der Arbeitsinsel in der Küche stehenden Thermosflasche gegriffen. Und sie umgestossen.

Den Beruf verloren

Das laut Verteidiger «äusserst tragische Ereignis» hatte nicht nur für das Kind, sondern auch für die Hortnerin schwerwiegende Folgen. Sie, die viele Jahre in Jugend- und Kinderheimen oder als Hortbetreuerin gearbeitet hatte, kann ihren Beruf nicht mehr ausüben. Versuche, sie nach dem auch für sie traumatischen Erlebnis wieder in die Arbeit in integrieren, scheiterten regelmässig an Zittern und Herzrasen.

«Handelt es sich nicht einfach um einen tragischen Unfall, für den niemand die Schuld trägt?»Verteidiger der beschuldigten Sozialpädagogin

Sie habe, sagte sie vor Gericht, immer noch das Gefühl, dass sie eigentlich keinen Fehler gemacht habe. Der Ablauf zum Ende des Tages sei immer der gleiche gewesen. Seit Jahren hätten sie und auch andere Mitarbeitende abends noch Tee gemacht. Ihr sei die Gefährlichkeit ihres Tuns damals «in diesem Ausmass nicht bewusst» gewesen.

«Handelt es sich nicht einfach um einen tragischen Unfall, für den niemand die Schuld trägt?», fragte ihr Verteidiger. Seine Mandantin habe nicht voraussehen können, was passiert sei. Er beantragte einen Freispruch oder im Falle eines Schuldspruchs den Verzicht auf eine Strafe.

Diesem Antrag folgte der Einzelrichter. Das leichte Verschulden der Frau habe zu schweren Folgen für sie geführt und ihr Leben komplett verändert. Damit scheine sie schon genug bestraft. An einem Schuldspruch aber führte nichts vorbei. Die Hortnerin habe ihre Sorgfaltspflicht verletzt. Was dann geschehen sei, wäre vorhersehbar und deshalb auch vermeidbar gewesen.

Erstellt: 08.11.2019, 08:54 Uhr

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