Und ewig lockt die Betonleinwand

Die Fassade des Swissmill-Silos verleitet zu nächtlichen Guerilla-Projektionen. Die Anwohner freuts. Doch für die Urheber können solche Aktionen üble Folgen haben.

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Seit rund einem Jahr steht das 118 Meter hohe Getreidesilo des Kornhauses Swissmill am Zürcher Sihlquai. Ein fensterloser Monolith aus Beton, der in den länger werdenden Nächten wie ein finsterer Zeigefinger in den Himmel ragt. Diese riesige, dunkle Fläche regt offenbar die Fantasie der Kreativen an. Schon zweimal wurde das Silo nachts beleuchtet. Vor zwei Wochen verwandelte ein Künstlerkollektiv den Turm mit Bildprojektionen von Lianen, Palmen und Tukanen in einen tropischen Dschungel. Vor einem Jahr nutzte die Stiftung Frauenhaus Zürich die Betonwand für einen politischen Aufruf und projizierte den Spruch «Stopp häusliche Gewalt – schau nicht weg» auf die Fassade.

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Im Quartier Wipkingen, von wo aus das Silo besonders gut zu sehen ist, kamen diese nächtlichen Aktionen gut an. Vor allem die jüngste. «Die grüne Beleuchtung war eine Bereicherung und zeigte zauberhaft, was alles möglich wäre», sagt Quartiervereinspräsident Beni Weder zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Die Reaktionen der Anwohner seien «überraschend zahlreich» und ausnahmslos positiv ausgefallen. «Die Guerilla-Begrünung hat allen viel Freude bereitet und niemanden gestört. Viele fragten an, wann die nächste Performance steigen werde», sagt Weder.

Beleuchtung ist bewilligungspflichtig

Swissmill zeigte sich weniger erfreut über die Aktionen. Weder sie selbst noch die Eigentümerin Coop seien in der Vergangenheit im Vorfeld der Lichtprojektionen am Kornhaus in Kenntnis gesetzt worden, sagt Swissmill-CEO Romeo Sciaranetti. Coop prüfe jeweils im Einzelfall ein Vorgehen gegen die Urheber solcher Aktionen, kommuniziere jedoch den Entscheid nicht nach aussen.

Für Beleuchtungen dieser Art braucht es aber nicht nur das Einverständnis der Eigentümer der bestrahlten Liegenschaft, sondern auch eine Bewilligung der Stadt Zürich. Fehlt diese, müssen die Urheber der Aktion mit der Eröffnung eines Strafverfahrens rechnen.

In einem Bewilligungsverfahren prüfen die zuständigen Ämter der Stadt unter anderem die Frage nach der Sicherheit – beispielsweise, inwiefern eine solche Beleuchtung vom Strassenverkehr ablenken könnte. Geht es bei dem Gesuch um künstlerische Aspekte, wird in der Regel auch die «Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum» in den Bewilligungsprozess miteinbezogen. Und schliesslich wird auch eine allfällige Botschaft der Projektion genau unter die Lupe genommen: Handelt es sich um eine klassische Werbung? Ist die Aussage politisch gefärbt? Was wird damit bezweckt?

Swissmill will keine Beleuchtung ...

Doch ganz egal, welche Regeln in der Stadt Zürich gelten. Für Sciaranetti ist der Fall klar: «Das Kornhaus Zürich ist ein Zweckbau, ein Getreidesilo. Lichtprojektionen sind von unserer Seite weder geplant noch erwünscht.» Quartiervereinspräsident Weder bedauert diese Haltung zwar, ihm schwebt aber ohnehin eine andere Idee für das Gebäude vor. «Wir würden es schätzen, wenn die Flächen auch tagsüber begrünt wären», sagt er und verweist damit auf ein Postulat, das die beiden grünliberalen Zürcher Gemeinderäte Guido Trevisan und Shaibal Roy am 29. Juni eingereicht haben.

«Das Kornhaus Zürich ist ein Zweckbau, ein Getreidesilo. Lichtprojektionen sind von unserer Seite weder geplant noch erwünscht.Swissmill-CEO Romeo Sciaranetti

Darin wird der Stadtrat dazu aufgefordert, in Absprache mit der Besitzerin und der Quartierbevölkerung zu überprüfen, wie die Fassade des Swissmill-Silos «gestalterisch und funktional» besser genutzt werden könnte. Neben Lichtprojektionen schwebt den Verfassern des Postulats eine vertikale Begrünung mit Pflanzen vor. Wann der Vorstoss im Gemeinderat behandelt wird, ist noch unklar. Gemäss Parlamentsdienst sollte dies aber noch vor Ende Jahr der Fall sein.

... und keine Begrünung des Silos

Allerdings ist die Haltung von Swissmill-CEO Sciaranetti auch hierzu schon jetzt abweisend. Bauherr und Betreiber seien mit der Realisierung des Silos zufrieden, und die Gestaltung des Kornhauses sei vom Baukollegium der Stadt Zürich, einem Gremium aus international renommierten Architekten und dem Amt für Städtebau abgenommen und gewürdigt worden. «Sie entspricht den Vorgaben für einen industriellen Zweckbau: Das Äussere soll zum Ausdruck bringen, was drin ist. Es gibt also keinen Grund, warum Coop auf einen fachlich fundierten Entscheid zurückkommen sollte.»

Erstellt: 15.09.2016, 11:51 Uhr

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