Uni ködert die klügsten Gymi-Schüler

70 hochbegabte Mittelschüler können an der Universität Zürich schon vor der Matur mit einem Studium beginnen.

Besuchte schon mit neun Jahren das Gymnasium Immensee SZ: Der hochbegabte Maximilian. Foto: Mischa Christen (Keystone)

Besuchte schon mit neun Jahren das Gymnasium Immensee SZ: Der hochbegabte Maximilian. Foto: Mischa Christen (Keystone)

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Wer an einer Universität studiert, muss ein begabter Schüler gewesen sein. Zu ihnen gehörte einst auch Michael Hengartner, unterdessen Rektor der Universität Zürich. Er studierte Biochemie in Québec und promovierte später am MIT in Boston. Wie sehr dem 51-Jährigen hochbegabte Jugendliche am Herzen liegen, bewies er, als er den Primarschüler Maximilian aus dem luzernischen Meiers­kappel nach Medienberichten persönlich anrief, um ihm ein Spezial-Mathematik-Studium an der Uni Zürich anzubieten. Unterdessen hat das Wunderkind Maximilian bereits die ersten Bachelorprüfungen absolviert.

Gestern lancierte Hengartner an der Universität offiziell ein Studium für Schüler, die an Gymnasien unterfordert sind. «Wir sind stolz, einen Beitrag zur Begabtenförderung zu leisten», sagte er. Ansprechen will der Uni-Rektor die allerbesten Gymnasiasten in den letzten beiden Jahren vor der Matur. Im neuen Schülerstudium, das im Herbstsemester beginnt, können die Jugendlichen aus acht Modulen an vier Fakultäten wählen: in Biologie, Physik, Umweltwissenschaften, Recht, Theologie, Religionswissenschaften, Kommunikationswissenschaften und Philosophie. Diese Module besuchen die Mittelschüler mit regulären Studierenden. Ein Abschluss ist für sie nicht vorgesehen, aber sie können pro Modul bis zu sechs ECTS-Punkte sammeln, die ihnen später, wenn sie ein Studium an der Universität Zürich aufnehmen, angerechnet werden. Theoretisch wäre es so möglich, bis zu einem Viertel eines Bachelorstudiums schon vor der Matur zu absolvieren.

Dies ist laut Hengartner aber nicht die Absicht. Man wolle die Hochbegabten vor allem auf den Studienbetrieb vorbereiten und ihnen die Studienwahl erleichtern. Dazu sollen sie ihre Interessen und ihr Wissen vertiefen.


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Konkurrenz ist gross

Auch wenn Hengartner das Schülerstudium als Förderprojekt vorstellte, ganz selbstlos ist es kaum gedacht. Die Konkurrenz um die besten Köpfe wächst nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft. An der Uni Basel gibt es bereits seit zehn Jahren ein Schülerstudium. Ähnliches bieten auch die Universitäten Luzern und Bern an.

In Zürich ist der Kampf der Hochschulen um die grössten Talente besonders ausgeprägt. Hier gibt es neben der Universität stark wachsende Fachhochschulen und vor allem die ETH Zürich, die mit ihrem internationalen Renommee auf begabte Jugendliche die grösste Anziehungskraft ausübt. Kommt dazu, dass sich die ETH aktiv um Talente bemüht. Sie bietet Studienwochen für Hochbegabte an, und im Projekt «ETH unterwegs» besuchen ETH-Professoren und Studierende Gymnasien und versuchen, die Schüler mit Vorträgen, Experimenten und Wettbewerben von der ETH zu überzeugen. Den damals elfjährigen Maximilian aus Meierskappel liess die ETH wie auch die Universität Zürich zuerst für ein frühzeitiges Studium abblitzen. Er wich damals an eine Hochschule in Frankreich aus, wo er ein Semester lang als Gast­hörer Algebra-Vorlesungen besuchte.

Das Schülerstudium an der Universität Zürich ist nur für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten aus dem Kanton Zürich gedacht. Sie sollen vielseitig begabt und in der Lage sein, den verpassten Schulstoff selbstständig nachzuholen. An der Universität sind sie einen halben Tag pro Woche. Wer zum Schülerstudium zugelassen wird, sollen die Gymnasien selbst entscheiden: «Sie können am besten einschätzen, wer sich eignet», sagte Hengartner. Die Studienplätze sind allerdings beschränkt, jedem Gymi stehen maximal drei zur Verfügung, was total gegen 70 Plätze ergibt.

Die Mittelschulrektoren haben sich inzwischen darauf geeinigt, keine harten Kriterien fürs Schülerstudium aufzustellen. In der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon werden die Klassenlehrer geeignete Schüler dafür vorschlagen, wie Rektor Martin Zimmermann gestern sagte. Für die Teilnahme am Schülerstudium sei nicht nur die schulische Leistungsfähigkeit wichtig, sondern auch die «persönliche Reife».

Olympiade für Hochbegabte

Zimmermann, der auch Präsident der Schulleiterkonferenz ist, bezeichnete das neue Uni-Angebot als gute Ergänzung zur Begabtenförderung in den Gymnasien. In Wetzikon nehmen die erfolgreichsten Schüler seit Jahren an der Wissenschaftsolympiade teil – laut Zimmermann sehr erfolgreich. Dazu gibt es eine grosse Auswahl von Wahlfächern und Projekten, welche hochbegabte Jugendliche ansprechen.

Nicht vorgesehen ist ein Verfahren, in dem sich Schüler oder deren Eltern um einen Platz im Schülerstudium an der Universität Zürich bewerben können, wie es etwa im Kanton Basel existiert. Ob das Schülerstudium an der Universität Zürich definitiv eingeführt wird, entscheidet sich in zwei Jahren, wenn die Evaluationen ausgewertet sind.


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Erstellt: 31.01.2018, 23:35 Uhr

Gleichstellung an der Uni

Lohnunterschiede geringer

Männer an der Universität Zürich verdienen 14,5 Prozent mehr als Frauen. Dies hat Uni-Rektor Michael Hengartner aufgrund einer Lohnvergleichsstudie gestern bekannt gegeben. In den Selbsttest «Logib» des Bundes wurden sämtliche Angestellte einbezogen, welche an der Universität einen Monatslohn beziehen. 55 Prozent der Lohndatensätze stammen von Frauen. Stichtag der Untersuchung war der 31. Oktober 2016.

Von der relativ grossen Lohndifferenz zwischen den Geschlechtern können laut Hengartner 13,7 Prozent mit höheren Qualifikationen und Funktionen erklärt werden. Nicht erklärbar ist lediglich ein Lohnunterschied von 0,9 Prozent. Dies erachtet die Universität zwar nach wie vor als bedauerlich. Dennoch konnte der Wert in den letzten zwei Jahren verbessert werden. 2014 betrug der nicht erklärbare Lohnunterschied noch 1,3 Prozent. Für den Bund liegt die Toleranzschwelle bei «Logib» bei 5 Prozent. Hengartner kündigte an, man wolle den Vergleichstest regelmässig durchführen. Der Test zeige zudem, dass sich das kantonale Lohnsystem mit funktionsbezogener Einreihung bewähre, unabhängig des Geschlechts. (sch)

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