Uni Zürich deklariert ihre Geldgeber

315 Millionen Franken: So viel nahm die Hochschule letztes Jahr durch Drittmittel ein. Nun legt sie offen, von wem dieses Geld stammt.

Die Universität Zürich will mehr Transparenz schaffen. Foto: Sophie Stieger

Die Universität Zürich will mehr Transparenz schaffen. Foto: Sophie Stieger

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Es verging einige Zeit, bis Uni-Rektor Michael Hengartner zum Wesentlichen vorstiess: zur Offenlegung der privaten Geldgeber an der Universität Zürich. Zuvor nutzte Prorektorin Gabriele Siegert die gestrige Medienkonferenz, um das Thema der Stunde zu beackern: Klimawandel. Siegert referierte, wie die Uni sich bemühe, die Anzahl Flugreisen (8299 im letzten Jahr) zu senken, in den Mensen mehr vegane Gerichte anzubieten und neue Lehrveranstaltungen zu schaffen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit befassen.

Dann präsentierte Michael Hengartner in seinem gewohnt schnellen, stakkatoartigen Redestil die Transparenzliste der Drittmittel. «Ich bin stolz auf diese Liste», sagte der Rektor. Eine Schweizer Universität legt die Namen seiner privaten Geldgeber sowie den Verwendungszweck der Gelder in einer Liste transparent dar – das habe es bis anhin noch nicht gegeben.

Anliegen, Transparenz zu schaffen

Dennoch fühle er sich nicht als Pionier, sagte Hengartner. Doch die Fähigkeit, Drittmittel einzutreiben, habe die Universität weitergebracht. Innerhalb von acht Jahren stiegen die Gelder um rund die Hälfte an. 315 Millionen Franken nahm die Universität im letzten Jahr an ­Drittmitteln ein, ein Anteil von 20 Prozent der Gesamtmittel. 121 Millionen Franken stammen von Stiftungen und Firmen, darunter Pharmafirmen, Banken und Familienstiftungen. Ein grosser Teil der Drittmittel stammt aus dem Schweizerischen Nationalfonds. «Angesichts der steigenden Bedeutung von Drittmitteln ist es uns ein Anliegen, Transparenz zu schaffen», sagte Hengartner.

Dabei befindet sich die Uni Zürich am unteren Ende, was das Eintreiben von Drittmitteln gemessen am Total aller Mittel betrifft. Das ergibt eine TA-Umfrage bei den grössten Hochschulen der Schweiz.

Die ETH Zürich entpuppt sich bei der Eintreibung externer Gelder als Spitzenreiter: Insgesamt 367 Millionen Franken erwarb die Hochschule im Jahr 2017. Fast 100 Millionen mehr als die Uni Zürich zu diesem Zeitpunkt. ­Prozentual gerechnet steht die Universität St. Gallen zuoberst: 35 Prozent der Hochschulfinanzierung läuft über Drittmittel. Die Hochschule steht zurzeit ­aufgrund einer Spesenaffäre stark unter Druck und möchte künftig Geldspenden von Dritten ebenfalls ausweisen – wie die Uni Zürich.

Die ETH Zürich gibt sich zurzeit mit dem Status quo zufrieden – eine Transparenzliste ist zurzeit nicht geplant. Details zu den eingenommenen Drittmitteln würden «in der Regel» auf Anfrage kommuniziert, sagt Detlef Günther, ETH-Vizepräsident für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen. Auf einer Website publiziert die ETH zudem eine Auflistung sämtlicher geförderter Professuren.

Die Vorbildlichkeit der Uni Zürich ist allerdings nicht dem Idealismus der Schulleitung geschuldet. Sie hat ihren Ursprung bei einem Sponsoring-Vertrag mit der UBS im Jahr 2012. Die Universität verwehrte damals Journalisten Einsicht in den ­Vertrag, was zu einem langen Rechtsstreit führte – den die Uni verlor. Die Politik verlangte daraufhin, dass die Universität mehr Transparenz herstellt. In das UBS International Center of Economics in Society hatte die Grossbank rund 100 Millionen Franken investiert.

Ein derart grosser Brocken liefert die neu publizierte Transparenzliste nicht. Zwei Zuwendungen sind aufgrund ihrer Höhe auffällig. Erstens eine Investition der Werner-Siemens-Stiftung von 10,7 Millionen Franken. Diese Zahlung läuft über zehn Jahre und soll gemäss Hengartner Start-ups im Bereich Medizintechnologie zugutekommen. Es sei enorm wichtig, dass der Wissenstransfer aus dem Labor in die Marktwirtschaft gelinge. «Dieses Projekt hat Vorbildcharakter», sagte der Uni-Rektor.

Die Hochschulen werden nicht müde zu betonen, wie die unabhängige Forschung trotz steigender Drittmittel gewahrt werde.

Eine zweite Donation beträgt gar 20 Millionen Franken und kommt von der Larsson-Rosenquist-Stiftung aus Zug. Deren Stiftungspräsident Göran Larsson unterstützt das neue Uni-Forschungscenter, das die Langzeitwirkungen des Stillens untersucht. Bereits 2015 überwies die Stiftung der Uni eine Donation derselben Höhe.

Larssons Interesse an Muttermilch hat einen finanziellen Hintergrund: Seine Firma Medela ist Weltmarktführerin für elektrische Milchpumpen.

Reputation der Uni stärken

Die Hochschulen werden nicht müde zu betonen, wie die unabhängige Forschung trotz steigender Drittmittel gewahrt werde. Bei grösseren Beträgen würden Richtlinien festgelegt, sagt Hengartner. Eine Bedingung sei, dass durch die gesponserte Arbeit die Reputation der Uni Zürich gestärkt werde.

Projekte müssten im strategischen Interesse der Uni liegen. «Keine Auftragsforschung, sondern etwas, was die Universität in eigenem Interesse untersuchen will.» Dennoch könne es zur Auftragsforschung kommen: Roche etwa investiere an der Uni in die individualisierte Krebsforschung. «Das kommt vielen betroffenen Menschen zugute. Da bieten wir gerne Hand.»

Erstellt: 03.04.2019, 23:54 Uhr

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