Uni Zürich handelt politisch unverantwortlich

Bei der Professorensuche ernennt die Uni eine Amerikanerin und lässt den wissenschaftlichen Nachwuchs aus der Schweiz warten.

Wer hat Zugang zu einer akademischen Karriere? An der Uni Zürich sind Ausländer bevorzugt. Foto: Sophie Stieger

Wer hat Zugang zu einer akademischen Karriere? An der Uni Zürich sind Ausländer bevorzugt. Foto: Sophie Stieger

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Unsere Hochschulen rekrutieren fast die Hälfte aller Spitzenkräfte aus dem Ausland. Jetzt hätte die Uni Zürich die Chance, den altershalber abtretenden Schweizer Medienprofessor Heinz Bonfadelli durch einen ausgewiesenen Landsmann zu ersetzen, der die Besonderheiten der Schweizer Medienlandschaft bestens kennt. Damit würde am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung ein Zeichen gesetzt – nicht allein für Kontinuität, sondern auch für die Berücksichtigung des einheimischen Nachwuchses. Ein Zeichen dafür, dass Talente in der Schweiz gefördert werden.

Der Ruf ging aber an die 42-jährige Amerikanerin Eszter Hargittai von der Northwestern University. Ihr 38-jähriger Schweizer Mitbewerber Thomas Friemel, derzeit Professor an der Universität Bremen und Schüler Bonfadellis, muss hinten anstehen.

Die Auswahlkriterien bei Berufungsverfahren würden sich nach inter­nationalen Standards richten, heisst es aus dem zuständigen Dekanat. Die Nationalität der Bewerberinnen und Bewerber spiele, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Nun ist gegen die Berufungsfreiheit der Uni im Grundsatz nichts einzuwenden. Wenn da in der Stellenausschreibung nicht explizit gefordert worden wäre, dass das Fach «Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in seiner ganzen Breite vertreten werden» soll und die Kandidaturen «Bezüge zur Schweiz» einzubringen haben.

Ranking verbessern

Nun wird jemand berufen, der diese Bezüge noch herstellen muss, was Jahre dauern kann. Denn Eszter Hargittai forscht zur digitalen Spaltung der Gesellschaft, ein Feld, das schon seit langem international untersucht und in Zürich bereits abgedeckt wird.

Das Motiv für eine Berufung von Hargittai liegt demnach nicht im Schliessen einer Lücke, die dringendst gefüllt werden muss. Es dürfte vielmehr darin liegen, die Uni Zürich in internationalen Rankings besser zu positionieren. Dabei zählen einzig Publikationen und Zitationen. Da die meisten Zeitschriften von Amerikanern dominiert werden, sind Wissenschaftler in Amerika bevorteilt.

Bei einer Professur zu «Medien­nutzung und Medienrealität», wie es die Uni in der Ausschreibung für die Nachfolge Bonfadellis formuliert hat, sollte sich die Forschung an den für die Schweiz relevanten Themen orientieren. So entstehen Forschungsergebnisse, die für die Gesellschaft wichtig sind, die die Uni finanziert.

Das fatale Signal

Einen Schweizer auf den Lehrstuhl zu holen, wäre auch ein deutliches Zeichen, dass die Uni den Volksentscheid zur Massen­einwanderungs­initiative ernst nimmt und inländische Fachkräfte fördert, statt sie aus dem Ausland abzuwerben. Bei den Auswahlverfahren legt die Berufungskommission auf ihrer Liste nämlich nur fest, in welcher Reihenfolge Berufungsverhandlungen aufgenommen werden sollen. Das heisst: An alle Personen auf der Liste könnte der Ruf ergehen. Alle werden als ausreichend qualifiziert betrachtet. Die Unileitung hätte also die Möglichkeit gehabt, diese Reihenfolge zu ändern.

Indem sie das nicht getan hat, signalisiert die Uni, dass ihr politische Verantwortung einerlei ist. Sie will den Forschungsplatz Schweiz nicht mit eigenem Nachwuchs fördern. Und sie nimmt jungen Talenten an unseren Hochschulen die Hoffnung auf eine akademische Karriere.

Erstellt: 22.06.2015, 23:31 Uhr

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