Universität Zürich muss Villen räumen

Der Umbau des Hochschulquartiers führt dazu, dass Villen wieder zum Wohnen genutzt werden.

Seit 45 Jahren bietet die Villa Tanneck den Altsprachlern eine Heimat. Fotos: Samuel Schalch

Seit 45 Jahren bietet die Villa Tanneck den Altsprachlern eine Heimat. Fotos: Samuel Schalch

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Hartnäckige politische Kämpfe um Wohnraum ist man sich in Zürich gewohnt, bloss geht es in der Regel nicht um Villen am Zürichberg. Deshalb fällt aus dem Rahmen, was SP-Stadtrat André Odermatt kürzlich als Erfolg vermeldete: dass ein Vertrag unterzeichnet ist, wonach fast zwei Dutzend zweckentfremdete Liegenschaften rund um die Universität wieder bewohnbar gemacht werden müssen – darunter einige der imposanteren Herrenhäuser, die Zürich zu bieten hat.

Heute sind in diesen Häusern Dépendancen von Universität und Unispital eingerichtet. Bibliotheken, Seminarräume, Kopierapparate, Kaffeemaschinen. Es ist eine jahrzehntealte Notlösung, die hinfällig wird, wenn in acht Jahren tatsächlich wie geplant die ersten Neubauten im transformierten Hochschulquartier eröffnet werden.

Hochsitz der Altsprachler

Die über 150-jährige Villa Tann-eck an der Rämistrasse ist eines jener umgenutzten Herrenhäuser, in denen nie richtig zusammengewachsen ist, was nicht zusammengehört. Sie ist seit 1991 der Hochsitz der Altsprachler. Vom Balkon ganz zuoberst in einem fachwerkverzierten Erker geht der Blick über einen romantischen Park. Drinnen fliegen gemalte Schwalben über eine gewölbte Decke, und gusseiserne Putten fläzen sich auf einem antiken Radiator.

All das kollidiert mit den standardisierten Arbeitstischen und Bücherregalen, die den Raum beherrschen: Hier geht es nicht um weltliche Dinge. Hier geht es um die Texte von mittelalterlichen Philosophen wie Duns Scotus oder dem unglückseligen Abaelard, der wegen der Liebschaft mit einer Schülerin einst entmannt wurde. Die Philologen, die sich mit so was beschäftigen, sind klein an der Zahl, nur ein paar Dutzend. Positiver Nebeneffekt für die Öffentlichkeit: Wer mal einen Nachmittag lang in einem herrschaftlichen Salon ein Buch lesen oder einfach nur in den Park sitzen will, kann das hier problemlos tun.

Der Tag, an dem die Villa Tanneck ihrer Bestimmung entrissen und öffentliches Gut wurde, lässt sich datieren auf den 12. Dezember 1974. Es war der Tag, an dem ein Liquidator den gesamten Hausrat der letzten Bewohnerin verkaufte, einer verstorbenen Millionärswitwe namens Martha Bruppacher. Die antike Schreibkommode, die grossen Teppiche, das Biedermeiersofa – alles musste raus. Kurz darauf erwarb der Kanton die Villa, und die Universität zog ein.

Platzprobleme der Uni

Das hatte in den Sechziger- und Siebzigerjahren System. Weil die Hochschulen aus allen Nähten platzten, wichen sie ins angrenzende Quartier aus. In der Stadt wurde dies bald zum Politikum, gewürdigt mit einer Terminologie, die eher an Onkologie erinnert als an Bildungspolitik: Von einem «Wucherungsprozess» war immer wieder die Rede.

Ein Visualisierungskonzept zeigt die Gebäude des neuen Hochschulquartiers an der Rämistrasse in Zürich. Video: Stadt Zürich

1977 erliess die Stadt dann Sonderbauvorschriften fürs Hochschulquartier, die eine weitere Inanspruchnahme von Wohnraum untersagten. Was den heutigen Stadtrat dazu bewegt, die vertraglich vereinbarte «Wohnraumrückführung» als ein «für Zürich ganz wichtiges Thema» zu bezeichnen, ist unklar. Weil es noch viele Jahre dauert bis dahin, hat er noch nicht festgelegt, welche Pläne er verfolgt. Um die Förderung preisgünstigen Wohnraums dürfte es aber höchstens im Einzelfall gehen, das lässt sich aus dem Vertrag zwischen Stadt, Kanton und den Bildungsinstitutionen ablesen. Denn diese behandeln zwei Typen von Liegenschaften.

Viele Villen in Privatbesitz

Da sind einerseits neun Häuser in Privatbesitz. Die Stadt hat wenig Einfluss, wie diese nach dem Auszug von Uni und Unispital weitervermietet werden. Sie kann nur den Wohnanteil vorschreiben. Um welche Häuser es sich handelt, ist noch nicht öffentlich. Da sind andererseits 14 Liegenschaften, die wie die Villa Tanneck im Besitz des Kantons sind (siehe Karte). Da dieser im Unterschied zur Stadt nicht als Vermieter von Wohnraum auftritt, wird er sie wohl verkaufen. Nach Auskunft der Baudirektion dürfte er sie zunächst der Stadt zum Kauf anbieten und falls kein Interesse besteht, auch Privaten.

In der Villa Eichhorst residiert das Philosophische Seminar.

Letzteres ist wahrscheinlich, denn es ist fraglich, warum die Stadt repräsentative Wohnliegenschaften erwerben sollte. Zumal der Preis hoch wäre. Am Zürichberg kosten ähnliche Objekte laut Branchenkennern schnell einen zweistelligen Millionenbetrag – und die Mehrzahl der 14 kantonalen Liegenschaften gehört in diese Kategorie.

Zudem müsste man weiteres Geld aufwerfen, weil die Häuser teils heruntergewirtschaftet oder schlicht unwohnlich sind. Die ehrwürdige Villa Wehrli an der Plattenstrasse etwa, seit 1971 eine Art Villa Kunterbunt für die Anglisten, machte vor zwei Jahren Schlagzeilen, weil ein Teil der Gipsdecke auf eine Dozentin herabstürzte. Und die hoch am Hang gelegene Villa Eichhorst, 1896 gebaut im Schlösschenstil, imponiert zwar von aussen, aber die Innenausbauten fürs Philosophische Seminar haben den Charme einer Arztklinik.

Die sanierungsbedürftige Villa Wehrli wird von den Anglisten genutzt.

Zwar hat die Stadt im Fall der sogenannten Gammelhäuser an der Langstrasse gezeigt, dass sie gewillt ist, auch zweistellige Millionenbeträge in sanierungsbedürftige Liegenschaften zu investieren. Dort ging es um total 81 Kleinwohnungen und 30 Einzelzimmer. Im Uniquartier wären es wegen der Grundrisse der Villen viel weniger Wohnungen.

Kein Plan im Luxussegment

Im Hochpreissegment verfolgt die Stadt nach eigenen Angaben kein Anlageziel. Sie verfügt zwar heute über Wohnungen, die mehr als 5000 Franken im Monat kosten, aber es handelt sich nur um eine Handvoll von total 9200 Objekten. Zudem befinden sie sich in denkmalpflegerisch wertvollen Häusern, die schon lange in städtischem Besitz sind.

Alles deutet also darauf hin, dass nach dem Bau des neuen Unigebäudes, das letzte Woche vorgestellt wurde, mehrere Zürichberg-Villen auf den Markt kommen. Die eindrücklichste Residenz allerdings, in der Studenten ein und aus gehen, gehört nicht dazu: Die Villa Hagmann an der Zollikerstrasse, eine Anlage im Stil der Neurenaissance mit riesigem Garten, ist von der früheren Eigentümerin an die Universität vermacht worden mit der ausdrücklichen Auflage, darin ein Ethikzentrum einzurichten. Und dabei bleibt es – auf dass in grosszügiger Umgebung grosse Gedanken gedeihen.


Die Liegenschaften der Hochschulen (Stand 2014):

Erstellt: 13.01.2019, 20:05 Uhr

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