Universität Zürich will Bibliotheken schliessen

Die Universität Zürich plant eine neue Grossbibliothek. Im Gegenzug werden Dutzende Bibliotheken verschwinden und Bücher aus dem Sortiment genommen.

Wie es mit der Calatrava-Bibliothek an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät weitergeht, ist offen. Foto: Raisa Durandi

Wie es mit der Calatrava-Bibliothek an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät weitergeht, ist offen. Foto: Raisa Durandi

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Sie sind die kleinen Hochburgen des akademischen Wissens, die Labore der Geisteswissenschaft: die rund 80 Fakultätsbibliotheken, zumeist öffentlich zugänglich und verteilt in ganz Zürich. Die meisten von ihnen werden in den kommenden Jahren verschwinden und in ­einer grossen Universitätsbibliothek ­Zürich (UBZH) zentralisiert.

Die Pläne der Universität Zürich (UZH) sind noch nicht öffentlich kommuniziert. Auf Anfrage bestätigt die Hochschule lediglich, dass zurzeit ein «Vorprojekt» läuft. Dieses solle klären, welches die zukünftigen Aufgaben der Bibliotheken sind, an welchen Standorten sie betrieben werden sollen und wie diese organisatorisch aufgestellt sind, sagt Sprecher Beat Müller. «Von einer Auflösung kann nicht gesprochen werden.»

Was wenig konkret klingt, ist in Tat und Wahrheit deutlich weiter fortgeschritten. Die strategischen Leitlinien wurden bereits festgelegt. In einem Regierungsratsbeschluss vom Juni 2017 wurde die zentrale Bibliothek ein erstes Mal erwähnt. Am 12. Februar dieses Jahres wurde es konkret. Ein internes Papier der Universität, das dem TA vorliegt, enthält 14 Leitlinien – beschlossen durch den Steuerungsausschuss für eine «Bibliothek der Zukunft». Es werden kaum Fragen offengelassen: Als erster «Konsolidierungsschritt» sollen die heute rund 80 Standorte auf 20 reduziert werden.

Bücherbestand reduzieren

Die Bibliotheksflächen fast aller Fakultäten werden in einer zentralen Bibliothek auf dem Areal Wässerwies zusammengeführt. Gemäss einer Machbarkeitsstudie umfasst das gesamte Areal an der Ecke Rämistrasse/Gloriastrasse 41'350 Quadratmeter. Die Bibliothek soll eine Fläche von gut 15'000 Quadratmetern bekommen, gemeinsam mit Lernflächen, Hörsälen und Seminarräumen. Weitere Standorte sind möglich. Aber generell gilt gemäss den Leitlinien «die Konzentration auf wenige Standorte, die aufgrund ihrer Anzahl, Grösse und Lage eine effiziente Bewirtschaftung zulassen.»

Der Bücherbestand wird reduziert, indem «unnötige Mehrfachexemplare» ausgeschieden werden. Viele Werke, die bis jetzt frei zugänglich sind, sollen nur noch auf Bestellung und innert 24 Stunden erhältlich sein, wie in den Leitlinien steht. Mit dieser Massnahme möchte die Universität mehr Arbeitsraum schaffen. Momentan zählt sie, je nach Fakultät, 8 bis 16 Plätze auf 100 Studierende. «Diese Zahl soll massiv gesteigert werden», sagt Müller. Angestrebter Eröffnungstermin der neuen Bibliothek auf dem Areal Wässerwies: 2025.

Seit die Information über die Restrukturierung kursiert, herrscht Aufregung in den Gängen der Universität: Die Zürcher Studierendenzeitung veröffentlichte einen vielbeachteten Artikel, Bibliotheksangestellte fürchten um ihre Jobs, Professoren verfassen kritische Stellungnahmen, und ein offener Brief fordert Studierende auf, sich aktiv in diesen «massiven Eingriff in den bisherigen Universitätsalltag» einzubringen: «Die Bibliotheken sind die Arbeitsgrundlage für jedes geisteswissenschaftliche Studium», steht im Schreiben. Es sei beispielsweise nicht transparent, welche Bücher vernichtet werden sollen.

Krisensitzung an Uni

«Wir wollen nicht das Buch abschaffen», stellte Prorektor Christian Schwarzenegger an einer Informationsveranstaltung an der Universität letzte Woche klar. Als Projektverantwortlicher sah er sich veranlasst, die Wogen zu glätten. Schwarzenegger betonte die Notwendigkeit einer modernisierten Bibliothek: «Wenn wir jetzt nicht reagieren, dann gehören wir in einigen Jahren zu den Verlierern.» Ein internationales Expertenurteil habe ergeben, dass die UZH im internationalen Vergleich in einigen Punkten stark hinterherhinke. Zudem müsse sich die Hochschule an die Vorgabe des kantonalen Richtplans halten. Dieser schreibt vor, dass einige der bisherigen Uni-Liegenschaften, in denen sich auch Bibliotheken befinden, der Wohn- und Gewerbenutzung zurückzuführen seien.


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Ein Student wollte an der Veranstaltung wissen, ob die Zentralisierung einen Stellenabbau beim Bibliothekspersonal zur Folge habe: «Das ist nicht unser Ziel», sagte Schwarzenegger. Es handle sich um ein Effizienzsteigerungsprogramm, um konkurrenzfähig zu bleiben. Bestehende Mitarbeiter sollen in erster Linie umgeschult werden. «Natürliche Fluktuationen sind mittelfristig möglich.» Bei den Professoren und den Studierenden stösst die Notwendigkeit einer modernisierten Bibliothek auf Verständnis. Viele bemängeln jedoch, dass sie für die Ausgestaltung der Leitlinien zu wenig einbezogen worden seien.

«Wir wollen das Buch nicht abschaffen, aber wenn wir jetzt nicht reagieren, gehören wir bald zu den Verlierern.»Christian Schwarzenegger, Prorektor

Florian Oepping vertritt den Mittelbau als Delegierter in der Bibliothekskommission. «Wir haben den Eindruck, dass die Verantwortlichen das Projekt am liebsten im Alleingang durchziehen wollen», sagt Oepping. Eine Partizipationsmöglichkeit in der Steuerungsgruppe oder den Arbeitsgruppen habe es für Studierende und Angestellte bisher nicht gegeben. «Wir bedauern das sehr», sagt Oepping.

Gemäss Lukas Buser, Co-Präsident der Studierendenvereinigung VSUZH, ist das Projekt zu schnell vorangetrieben worden. «Es wurde zu Beginn schlecht kommuniziert, die Studierenden waren ungenügend informiert.» Inzwischen fühle sich die VSUZH von der Universitätsleitung aber ernst genommen.

Vergebliche Beschwerde

Professoren kleinerer Fakultäten sehen in der Zentralisierung ihre Forschung in Gefahr. Darunter der ordentliche Professor Michele Loporcaro vom Romanischen Seminar. Die «stillschweigende Annahme», dass es keine dezentrale, forschungsnahen Bibliotheken mehr brauche, hält er für gefährlich. «Für uns ist es aus ökonomischer und forschungstechnischer Sicht fragwürdig», sagt Loporcaro. Beim Anwerben von Drittmitteln sei in manchen Disziplinen der direkte Zugang zu diversen gedruckten Dokumenten in einer Fachbibliothek ein wichtiges Verkaufsargument. Auch in anderen geisteswissenschaftlichen Departementen werden anonym «riesige Bedenken geäussert». Grund der Besorgnis: Bücher, die nicht mehr zur Hand sind, Fakultäten, die einen Teil ihrer Autonomie verlieren sollen. Professoren hoffen nun auf ein Entgegenkommen der Uni-Leitung. Einige Seminare hätten ihre Bedenken schon letztes Jahr bei den Projektverantwortlichen angemeldet, sagt Loporcaro. «Jedoch ohne auf Gehör zu stossen.»

Die UZH betont ihrerseits, dass sich allen Parteien die Gelegenheit biete, ihre Bedürfnisse noch bis November in das Projekt einzubringen. Einige Studierende bleiben dennoch skeptisch: «Wir dürfen vielleicht noch die Farbe des Stuhles mitbestimmen. Alles andere ist bereits entschieden», sagt eine Studentin der Islamwissenschaften.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.04.2018, 20:38 Uhr

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