Vier Chefärzte am Unispital verdienen über eine Million

Der TA hat erstmals Einblick in eine geheime Liste bekommen, mit der sich die Saläre der Chefärzte am Universitätsspital Zürich berechnen lassen.

Die Honorare der Leitenden Ärzte und Oberärzte variieren – und sind vom Goodwill des Chefs abhängig. Foto: Getty Images

Die Honorare der Leitenden Ärzte und Oberärzte variieren – und sind vom Goodwill des Chefs abhängig. Foto: Getty Images

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Die steigenden Gesundheitskosten sind ein Dauerthema in der politischen Diskussion. Aktuell liegt der Fokus wieder einmal auf den Ärztelöhnen. Ausgelöst hat die Debatte SP-Bundesrat Alain Berset, der auf 2018 die Tarife für gewisse ambulante Behandlungen gesenkt hat. Betroffen sind Ärzte in bisher besonders lukrativen Fachbereichen, zum Beispiel die frei praktizierenden Orthopäden oder Augenärzte. Diese Woche lenkte ein Bericht der «Rundschau» von SRF die Aufmerksamkeit zudem auf die Chefärzte in den Spitälern: Saläre von einer Million Franken seien bei diesen an der Tagesordnung, erklärte ein Vergütungsexperte in der Sendung. Die Zahlen hat er aufgrund von Hochrechnungen ermittelt – Transparenz über Ärztelöhne gibt es in der Schweiz nicht.

Doch nun hat der TA Einblick in eine geheime Liste bekommen, aus der sich die Löhne der Chefärzte am Unispital Zürich ziemlich genau berechnen lassen. Es handelt sich um eine Auflistung der Zusatzhonorare aller Klinikdirektoren – so heissen die Chefärzte im Unispital – sowie ihrer bestverdienenden Leitenden Ärzte und Oberärzte aus dem Jahr 2015. Demnach generieren zwei Klinikdirektoren eine Million Franken aus Zusatzhonoraren, das heisst aus der Behandlung von zusatzversicherten Patientinnen und Patienten. Als Lehrstuhlinhaber ihres Faches erhalten sie zudem von der Universität einen Professorenlohn, der zwischen 230'000 und 245'000 Franken liegt, sowie vom Spital eine Führungszulage von 12'000 Franken. Zählt man diese drei Lohnkomponenten zusammen, kommen zwei weitere Klinikdirektoren auf über eine Million und sechs auf über 800'000 Franken. Gut zwei Drittel der insgesamt 40 Klinikdirektoren verdienen mehr als eine halbe Million.

Chirurgen sind Topverdiener

Welches konkret die bestverdienenden Ärzte sind, geht aus der Liste nicht hervor. Gemäss Branchenkennern handelt es sich um Chirurgen. Am anderen Ende der Einkommensskala stehen die Psychiater, die nur wenig Zusatzhonorare generieren können.

Die Verteilung der Zusatzhonorare ist kompliziert. Einesteils ist sie in einem kantonalen Gesetz geregelt, andernteils ist sie ein Führungsinstrument der Klinikdirektoren. Gemäss Gesetz müssen die Kliniken die Hälfte der Zusatzhonorare aller Kaderärzte ans Spital abgeben. Die andere Hälfte fliesst in einen Pool und wird dann vom Klinikdirektor an die honorarberechtigten Kolleginnen und Kollegen verteilt. Der Chef selber darf höchstens 40 Prozent für sich ­behalten. Die Honorareinkommen der Leitenden Ärzte und Oberärzte variieren stark, abhängig vom Fachgebiet und von der Grösse der Klinik – und dem Goodwill des Chefs.

Jüngere Klinikdirektoren, so hört man, seien eher zum Teilen bereit. Bei den leitenden Ärzten liegen die Spitzenwerte gemäss der Honorarliste zwischen 200'000 und 300'000 Franken, bei den Oberärzten um 100'000 Franken.

«Unser System ist darauf ausgerichtet, möglichst viel zu operieren.»Gregor Zünd, Direktor Unispital Zürich

Laut Direktor Gregor Zünd sind die Chefarztsaläre im Unispital – abgesehen von wenigen Ausreissern – nicht höher als in den Regionalspitälern. «Chefärzte in kleineren Spitälern verdienen zum Teil mehr als der Durchschnitt unserer Kaderärzte.» Und sogar «deutlich besser» würden Kollegen verdienen, die in gut bezahlten Fachgebieten in Privat­kliniken arbeiten.

In den Augen von Zünd ist die Diskussion über die Chefarztlöhne eine «Neiddebatte». Er findet zwar auch, dass Saläre über einer Million unangemessen seien. «Doch das sind nicht die wirklichen Probleme, die wir haben.» Um die Kosten im Gesundheitswesen zu senken, müsse man woanders ansetzen. «Unser System setzt falsche Anreize», sagt Zünd, «es ist darauf ausgerichtet, möglichst viel zu operieren. Die Qualität ­dagegen spielt heute bei der Entschädigung keine Rolle.» Zünd schlägt vor, dass gewisse Qualitätsindikatoren tarifwirksam werden, allen voran die Infektionsrate: Liegt diese in einem Spital über mehrere Jahre über einem gewissen Wert, würde das Spital einen Abschlag auf der Fallpauschale erhalten.

Und wie trifft die von Bundesrat ­Berset verfügte Tarifsenkung das Unispital? «Wir rechnen mit einem Ertragsrückgang um 20 Millionen Franken», sagt Zünd. «Dabei war der ambulante Bereich im Spital schon vorher nicht kostendeckend.»

Erstellt: 23.02.2018, 20:39 Uhr

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