UNO eilt Zürcher Mietern zu Hilfe

Die Credit Suisse will im Brunaupark 240 Wohnungen abreissen. Die Bewohner wehren sich mit allen Mitteln – und erhalten jetzt überraschenden Support.

Soll weg: Überbauung Brunaupark. (Foto: TA-Archiv)

Soll weg: Überbauung Brunaupark. (Foto: TA-Archiv)

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Willy Küng und der Brunaupark – das ist eine Langzeitbeziehung. Seit 1982 wohnt der 77-Jährige mit seiner Frau in einer 4,5-Zimmer-Wohnung in der Siedlung nahe dem Einkaufscenter Sihlcity. 2011 wurde die Wohnung renoviert. «Die Bausubstanz ist erstklassig», sagt Küng. Der ehemalige Zürcher Finanzvorsteher möchte die Wohnung nicht mehr verlassen. Geräumig sei sie, lichtdurchflutet, mit einer schönen Aussicht vom grossen Balkon und einer intakten Nachbarschaft – «uns fehlt es wahrlich an nichts», sagt Küng.

Die Baugespanne sind längst aufgestellt. Foto: Andrea Zahler

Dabei muss das Ehepaar Küng Ende Juni aus der Wohnung ausziehen. Zumindest wenn es nach den Plänen der Immobilienbesitzerin geht. Die Pensionskasse der Credit Suisse (CS) plant im Brunaupark den Abriss von 240 bestehenden Wohnungen. Danach sollen 500 neue Einheiten entstehen. Die Mieten sollen sich um rund 1000 Franken erhöhen. Betroffen von der Leerkündigung sind rund 400 Bewohnerinnen und Bewohner. Die Kündigung kam im März 2019: «Aus heiterem Himmel», sagt Küng. Seine Mietwohnung fällt der ersten von insgesamt fünf Bauetappen zum Opfer. Im Sommer würden bereits die Bagger auffahren.

Würden. Denn zurzeit sind mehrere Klagen hängig, die das Bauvorhaben zumindest verzögern könnten. Nun erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner zusätzliche Hilfe – von überraschender Seite: Leilani Farha ist UNO-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Wohnen. Die Kanadierin besuchte im vergangenen Juni den Brunaupark, um sich einen Eindruck zu verschaffen. So stand Farha auch auf dem Balkon von Küng und liess sich die Situation erklären. «Sie versprach mir damals, Massnahmen zu ergreifen», erinnert sich Küng.

Leilani Farha. (Foto: Twitter)

Das ist inzwischen passiert. Ende November erhielt der Bundesrat einen von Farha verfassten Brief, wie das Schweizer Radio (SRF) berichtet. Dabei nimmt die Sonderberichterstatterin Bezug auf zwei Bauprojekte: ein Hochhausprojekt in Basel und die Totalsanierung des Brunauparks. Hinter beiden Projekten steht die CS, beide Male steht eine Massenkündigung im Mittelpunkt, die den Bau eines Ersatzbaus ermöglichen soll. Farha äussert im Schreiben ihre Sorge, dass im Brunaupark möglicherweise die Rechte von Mieterinnen und Mietern verletzt werden. Sprich: dass internationale Standards für Menschenrechte nicht eingehalten werden – das Recht auf angemessenes Wohnen.

Der genaue Inhalt des Briefs wird nicht bekannt gegeben. Er soll jedoch Ende Januar auch für die Öffentlichkeit einsehbar sein. Anja Grüter vom Zürcher Hochbaudepartement sagt auf Anfrage: Die Stadt sei vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten über das Schreiben informiert worden. «Der Stadtrat hilft nun bei der Ausarbeitung eines Antwortschreibens.»

Seit 1980 in der Siedlung: Nicolas und Aviva Lindecker. Foto: Andrea Zahler

Sonderberichterstatterin Farha folgte im Sommer einer Einladung der Interessengemeinschaft Brunaupark. Die IG setzt sich aus Anwohnern zusammen und wehrt sich gegen das CS-Projekt. Bewohner und IG-Mitglied Nicolas Lindecker beschreibt das Treffen: «Sie zeigte sich erstaunt, dass derart gut erhaltene Häuser der Profitmaximierung zum Opfer fallen sollen.» Lindeckers Wohnung wurde ebenfalls vor wenigen Jahren saniert. Sein Mietvertrag läuft noch bis 2023.

Es bestehe die Möglichkeit, sagt Lindecker, dass die Anwohner rausmüssen, die Gebäude jedoch weiter bestehen bleiben. Dies weil der Baurekurs der Nachbarschaft durchaus Erfolg haben könnte. «Das ist eine schizophrene Situation», sagt Lindecker. Er habe die CS auf diese Möglichkeit angesprochen. Diese habe gesagt, dass sie sich diesem Umstand bewusst sei und keine Probleme haben werde, die leeren Wohnungen innert kürzester Zeit wieder zu vermieten.

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Die CS bestätigt den Erhalt des Schreibens der UNO-Sonderberichterstatterin. Man werde innert der gesetzten Frist antworten, schreibt die Grossbank auf Anfrage von SRF. Die angesprochenen Vorwürfe seien nicht neu, da sie bereits von Mietverbänden öffentlich erhoben worden seien. «Wir haben schon damals darauf hingewiesen, dass die Vorwürfe jeder sachlichen Grundlage entbehren», schreibt die CS. Die Pensionskasse würde ihre Verantwortung als Vermieterin sehr ernst nehmen. Die Kündigungen seien mit einer grossen Vorlaufzeit ausgesprochen worden, und Mieterinnen und Mieter würden bei der Suche nach einer neuen Wohnung aktiv unterstützt.

Die CS steht allerdings im Gegenwind. Einerseits wehren sich etliche Mieter gegen die Kündigungen der Liegenschaftsverwalterin Wincasa. Andererseits nahmen Anwohner aus einer Nachbarsiedlung den Kampf via Baurekursverfahren auf. Das Baugesuch ist deswegen blockiert. Es wurde im März 2019 eingereicht. «Dass die Stadt so lange für die Behandlung der Gesuche braucht, ist bemerkenswert», sagt Walter Angst vom Zürcher Mieterverband. «Es scheint, dass das Bauvorhaben ein paar Knacknüsse enthält, die nicht einfach zu lösen sind.» Auf Anfrage gibt der Stadtrat bekannt, dass es noch unklar sei, wann der Entscheid gefällt werde.

Kita soll weg

Mieter Willy Küng bleibt entsprechend ruhig – obwohl er theoretisch seine Wohnung im Sommer verlassen müsste. Er gibt sich siegessicher: «Ich habe noch keine Sekunde darauf verschwendet, eine neue Wohnung zu suchen.» Küng glaubt, dass das «stümperhafte Bauvorhaben der CS» in der jetzigen Form keine Chance haben wird.

Stärker beunruhigt ist Maaike Detsch von Profawo. Die Firma betreibt im Brunaupark eine Kita, die von rund 40 Kindern besucht wird. 2023 soll auch für die Kita Schluss sein. «Wir sprachen mit der Liegenschaftsverwalterin – leider vergeblich.» Noch dieses Jahr möchte die CS auf der Spielwiese des Horts ein Provisorium für die Migros erstellen, die ebenfalls umgebaut werden soll. Der Kita wird kein Ersatzraum im Brunaupark geboten.

Die Ironie der Geschichte: Die meisten Kinder, die die Kita besuchen, stammen von Eltern, die bei der CS arbeiten.

Erstellt: 09.01.2020, 16:46 Uhr

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