Zürichs heimliche Verkehrsministerin

Simone Brander wird von vielen gefürchtet. Insider sehen sie bereits als Nachfolgerin von Corine Mauch oder André Odermatt.

«Ich suche nach Lösungen, um das System besser zu machen», sagt Simone Brander. Foto: Samuel Schalch

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Vor ihr fürchten sich derzeit viele Politikerinnen und Politiker, in der Stadt und im Kanton. Ihr Name hat Gewicht, wenn es um Verkehrsfragen geht: Simone Brander, seit zehn Jahren SP-Gemeinderätin in Zürich und Mitglied der Verkehrskommission.

Brander selber lacht über derlei Zuschreibungen nur kokett, so wie sie es im Gespräch öfter tut. Dann sagt sie: «Ich bin sicher keine, die anderen Angst machen will. Ich suche nach Lösungen, um das System besser zu machen.» Brander tut das stets sachlich, aber beharrlich. Egal ob für gleichgeschlechtliche Ampelmännchen oder Lärmsanierungen. Die 41-Jährige ist unauffällig. Und hebt sich gerade durch ihr unscheinbares Äusseres von anderen ab: ungeschminkt, brave Frisur, dezente Kleidung.

Gegen den Rosengartentunnel

Branders derzeitiger Kampf gilt ganz Grossem: der Verhinderung des Rosengartentunnels. Ein Zwischenziel hat sie bereits ­erreicht. Das Volksreferendum gegen den Tunnel steht, im ­Februar 2020 kommt es im Kanton zur Abstimmung. Brander kämpft damit gegen Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), ihre Parteikollegen sowie gegen Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP).

Ich habe nichts gegen Autos. Ich besitze auch einen Fahrausweis.Simone Brander, SP-Gemeinderätin

Seit Monaten nimmt Simone Brander jede Gelegenheit wahr, um aufzuzeigen, warum sie diesen 600 Meter langen und 1,1 Milliarden teuren Tunnel zwischen Wipkinger- und Bucheggplatz nicht will. Für die Präsidentin der IG Westtangente Plus hört die städtische Verkehrspolitik nicht an den Tunnelportalen auf, sie denkt an die Mobilität von morgen. Auf zahlreichen Podien, in Fraktionssitzungen und in Vorstössen legte sie dar, wie der Autoverkehr in der Stadt mit dem vierspurigen Tunnel und den zwei verbleibenden oberirdischen Spuren im Vergleich zu heute deutlich zunehmen werde und dass das ordnungswidrig sei. Bezeichnend: Um in Ruhe sprechen zu können, hat sie für das Gespräch das Café du Bonheur einem Rundgang an der Transitachse vorgezogen.

Im Kantonsparlament zeigte ihr Weibeln keine Wirkung. Die bürgerliche Mehrheit stimmte dem Spezialgesetz Rosengartentunnel im März zu. Das Projekt rechnet mit einer Tageshöchstzahl von 56'000 Fahrzeugen, der Kantonsrat lehnte eine entsprechende Plafonierung ab. «Doch genau deshalb widerspricht das Spezialgesetz der Gemeindeordnung», sagt Brander, ohne dabei auch nur ein bisschen emotional zu wirken. In der Gemeindeordnung sei festgehalten, dass die Kapazität für den motorisierten Individualverkehr (MIV) von derzeit 46'000 Fahrzeugen nicht erhöht werden darf und sich der Stadtrat dafür einsetzen muss.

Im Quartier mit Walker Späh

«Da müssen wir den Stadtrat in die Pflicht nehmen.» Mit Tempo 30, Zebra- und Velostreifen sowie Lichtsignalen könnte das aus Sicht von Brander erreicht werden. Um der Sache zusätzlich Gewicht zu geben, hat der Gemeinderat das Gemeinde­referendum gegen den Kantonsratsbeschluss ergriffen.

Die Nähe zu den Projekten, für die sie sich einsetzt, ist Simone Brander wichtig. Das ist auch bei der Rosengartenstrasse nicht anders. Sie wohnt seit 16 Jahren – seit 2017 in einem Einfrauenhaushalt – in Wipkingen. Genau wie Carmen Walker Späh, nur stadtseitig der umstrittenen Tangente. Die FDP-Regierungsrätin gilt als Mutter des Rosengartentunnels. Brander hat sie schon im 46er-Bus ins Stadtzentrum fahren sehen. Mehr Berührungspunkte gibt es zwischen den beiden nicht, sie kennen sich nur aus den Medien.

Meist ist Brander mit dem öffentlichen Verkehr unterwegs. «Ich habe nichts gegen Autos. Ich besitze auch einen Fahrausweis, fahre aber nur ungern.» Ihr erstes Kommissionsgeschäft im Jahr 2009 betraf, der Zufall wollte es, ein Projekt des öffentlichen Verkehrs: Der Kredit für die Haltestelle Schiffbau fand trotz bürgerlichem Widerstand eine Mehrheit. «Jedes Mal, wenn ich da vorübergehe, weiss ich, dass sich der Einsatz gelohnt hat.»

Vom Vater geprägt

Einvernehmliche Lösungen zu suchen, lernte Simone Brander schon früh von ihrem Vater. Der Psychologe amtete über 20 Jahre lang als Friedensrichter für die SP in Dietlikon. Schon als Jugendliche schloss sie sich wegen der väterlichen Prägung den Jungsozialisten an. «Mit ihm übte ich, Konflikte so auszutragen, dass man sich nachher noch in die Augen sehen kann.» Konkret heisst das: einander zuhören, Differenzen ausdiskutieren und einen Kompromiss suchen, auch wenn einem die Gegenspieler nahestehen. Ihr Vater war in der Baptistengemeinde Zürich und hat Branders religiöses Verständnis geprägt. «Er hat mich eine freiheitliche und eigenverantwortliche Haltung der Religion gegenüber gelehrt.» Obwohl sie heute nicht mehr Mitglied einer Kirche ist, spielt für sie die Beziehung zu Gott noch immer eine wichtige Rolle.

Studienrichtungen konnte sich Brander viele vorstellen, schliesslich entschied sie sich für Pharmazie. Das Zusammenspiel verschiedener Bereiche – Chemie, Mensch und Betriebswirtschaft – sprach sie an. Eines Tages fragte sie im Chemielabor den Dozenten, warum sie Tetrachlorkohlenstoff verdampfen müsse. Als dieser sie anwies, zu machen, was man ihr sage, und nicht selber zu denken, schmiss sie nach dem Vordiplom das Studium, schrieb sich bei den Umweltnaturwissenschaften ein und war glücklich. «Da ging es immer um die Frage: Wo müssen wir ansetzen, damit das System in Einklang mit der Umwelt besser wird?»

Expertin für Atomabfälle

Dieses Wissen kann sie heute beruflich anwenden. Wie einst ­Corine Mauch arbeitet auch Simone Brander im Bereich Entsorgung. Seit zwölf Jahren befasst sie sich beim Bundesamt für Energie in Bern mit radioaktiven Abfällen. Sie leitet ein Team, das sich um die Standortsuche für geologische Tiefenlager kümmert. Brander sieht darin keinen Widerspruch zu ihrer politischen Haltung. «Auch aus linker Sicht ist es ein wichtiges Anliegen, dass die radioaktiven Abfälle für Mensch und Umwelt sicher entsorgt werden.»

Politisch wird ihr über die Partei hinaus seriöses Arbeiten, Effizienz und Organisationsfähigkeit nachgesagt. Sie kennt ihre Dossiers so gut, dass sie alle Zahlen im Kopf hat. Bei den letzten Wahlen erhielt die SP-Frau die meisten Panaschierstimmen von parteifremden Listen. Und auch politisch führt sie gerne. Sie präsidierte die Verkehrskommission und ist Vizepräsidentin der SP-Fraktion. GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim sagt: «Sie sucht den Kompromiss, wenn sie eine Mehrheit beschaffen will.» SVP-Gemeinderat Stephan Iten sieht das anders: «Sie verfolgt ihre politischen Ziele sehr strikt.» Ihren Führungsstil bezeichnet er aber als fair und neutral. FDP-Gemeinderat Andreas Egli geht noch weiter. Er sagt: «In Sachen Verkehrspolitik ist sie verbissen, nicht empfänglich für unsere Argumente und wirkt sehr engstirnig.» Doch er rechnet ihr an, dass sie auch bei den schärfsten Angriffen nicht polemisch wird.

Sie strebt nach Höherem

Als Ausgleich lebt Simone Brander ihre Leidenschaft für Botanik aus. Sie gärtnert und gab auch schon Wildpflanzenworkshops. Den «Garte über de Gleis» in der Überbauung über dem Wipkinger-Tunnel hat sie initiiert und steht, wie könnte es anders sein, dem Vorstand vor. «Wenn ich von etwas überzeugt bin, packe ich an», sagt sie.

Politisch strebt Simone Brander definitiv nach Höherem. «Aber nur kommunal», sagt sie – der Nähe wegen. Als SP-Gesundheitsvorsteherin Claudia Nielsen vergangenes Jahr nicht zur Wiederwahl antrat, wurde Brander von der Partei für eine Kandidatur angefragt. Sie sagte ab, weil sie sich noch nicht für das Exekutivamt bereit fühlte. Und 2022, wenn der Kampf gegen den Tunnel einen Schritt weiter ist? Politiker aus diversen Lagern trauen ihr das Amt zu. «Wer weiss», sagt Brander. Und lacht wieder kokett.

Erstellt: 24.07.2019, 11:35 Uhr

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