Sorge bei Mitarbeitern von Orell Füssli Thalia

Der grösste Buchhändler der Schweiz schliesst eine Filiale und streicht bis zu 15 Vollzeitstellen.

The Bookshop von Orell Füssli Thalia an der Bahnhofstrasse 70 wird geschlossen. Foto: Doris Fanconi

The Bookshop von Orell Füssli Thalia an der Bahnhofstrasse 70 wird geschlossen. Foto: Doris Fanconi

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Weihnachten ist das Fest der Liebe und der Freude. Für die Mitarbeiter von Orell Füssli Thalia (OFT) sind diese Tage aber wenig freudvoll, obwohl in der Vorweihnachtszeit das Geschäft brummt. Der Grund für die Trübsal: Der Buchhändler will in seinem Hauptgeschäft Kramhof und der Filiale The Bookshop bis zu 15 Vollzeitstellen abbauen. Alle Angestellten dieser Läden müssen deshalb ein Motivationsschreiben ausfüllen. Die Massnahme steht im Zusammenhang mit der geplanten Schliessung von The Bookshop an der Bahnhofstrasse 70.

Im Mai folgt auf das Spezialgeschäft für englische Bücher Zara Home, die Einrichtungslinie des spanischen Modegiganten. Zara ist bereits im Bally-Haus an der Bahnhofstrasse präsent. Der Auszug sei «betriebswirtschaftlich unumgänglich» begründet das Unternehmen den Entscheid. Eine Evaluation habe ergeben, dass bei den aktuellen Marktbedingungen The Bookshop mittel- und längerfristig nicht die erwartete Rendite erzielen könne.

«Wir gehen zum heutigen Zeitpunkt davon aus, den Abbau dieser Vollzeitstellen weitgehend über natürliche Fluktuationen und neue Stellenbesetzungen innerhalb des Unternehmens abzufedern. Kündigungen können jedoch nicht ausgeschlossen werden», sagt Alfredo Schilirò, Pressesprecher von Orell Füssli Thalia. Als weiteres Instrument setzt das Unternehmen die erwähnten Motiva­tionsschreiben ein, die alle Kramhof- und Bookshop-Mitarbeiter einreichen müssen. Dies schaffe für alle die gleichen fairen, einfachen und transparenten Voraussetzungen.

Massenentlassung vermeiden

Die Mitarbeiter sind vor wenigen Tagen über die geplanten Massnahmen informiert worden. «Die Meldung hat beim Personal grosse Verunsicherung und Unruhe ausgelöst», sagt ein Insider, der anonym bleiben möchte. Die Kommunikation habe auch Unklarheiten geschaffen, wie diese Motivationsschreiben abgefasst werden sollten. Die Turbulenzen zeigen Wirkung: Die Kramhof-Filialleiterin und ihre Stellvertreterin haben gekündigt. Der Chef von Orell Füssli Thalia, Michele Bomio, hat kürzlich bereits angekündigt, dass er das Unternehmen per Ende Jahr verlässt. Einen Zusammenhang zwischen seinem Abgang und einem möglichen Umbau des Buchhandels verneinte Orell-Füssli-Konzernchef Martin Buyle.

Die Gewerkschaft Syndicom steht in Kontakt mit den betroffenen Mitarbeitern. «Ein solches Vorgehen mit Motivationsschreiben ist doch sehr ungewöhnlich», sagt Roland Kreuzer, Leiter Sektor Medien bei Syndicom. Die Mitarbeiter würden dies so empfinden, als müssten sie sich erneut bewerben. Er vermutet, dass die Firma dadurch eine Massenentlassung umgehen will. Doch das dürfte nach Ansicht von Kreuzer sehr schwierig werden. Entlässt ein Unternehmen mit 20 bis 100 Angestellten – im Kramhof und The Bookshop sind rund 80 Mitarbeiter beschäftigt – mindestens 10 Personen, gilt dies als Massenentlassung. Das hat Konsequenzen: Das Unternehmen muss diese dem Amt für Wirtschaft und Arbeit melden. Ausserdem darf die Mitarbeitervertretung Möglichkeiten vorlegen, wie die Massenentlassung verhindert werden kann.

Schliessungen würden auch Chancen für neue Buchläden bieten, die sich auf ein bestimmtes Thema spezialisieren könnten, sagt Cornelia Schweizer, Inhaberin der Buchhandlung am Hottingerplatz. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass in Zürich nach dem Verschwinden von Krauthammer, Payot und English Bookshop neue Buchhandlungen für diese Spezialgebiete Anklang finden würden.» Im Februar 2011 schloss Orell Füssli die auf Architektur spezialisierte Krauthammer-Filiale im Niederdorf.

Schweizer sieht das Zusammengehen von Thalia und Orell Füssli im Jahr 2013 kritisch. Die beiden unterschiedlichen Kulturen der Unternehmen passten nicht zusammen. Auch stehe Orell Füssli Thalia vor dem Problem, zu viel Ladenfläche bewirtschaften zu müssen. «Durch die Grösse ist die Marktmacht des Unternehmens zwar gestiegen, es kontrolliert mehr als die Hälfte des Schweizer Marktes. Eigentliche Synergien entstehen jedoch nicht.» Diese Macht würde sich sowohl auf die Gestaltung der zu tiefen Buchpreise als auch auf das Sortiment ihrer Buchhandlungen auswirken: «Viele OFT-Buchhandlungen bieten das gleich Grundsortiment an.»

Romane sind am beliebtesten

In Zürich sind in den vergangen Jahren rund 20 Buchhandlungen verschwunden, ein paar wenige Läden sind neu eröffnet worden. Der Umsatz des Deutschschweizer Buchhandels ist 2014 gegenüber dem Vorjahr um 4,9 Prozent gesunken. Der Rückgang betraf den stationären Handel wie auch die Onlinekanäle. Das bedeutet, dass 800 000 gedruckte Bücher weniger verkauft worden sind. Nur ein Teil davon ist durch E-Books ersetzt worden. Die deutschsprachigen Nachbarländern schnitten besser ab. Deutsche Buchhändler mussten ein Umsatzminus von 2 und die Österreicher von 3,4 Prozent hinnehmen. In beiden Ländern gilt noch die Buchpreisbindung, die in der Schweiz 2007 abgeschafft wurde. Das Gros der Buchhandlungen in der Schweiz besteht aus kleinen, von ihren Inhabern geführten Geschäften. Obwohl sie mit einem sehr individuellen Service punkten können, geht ihr Anteil am Gesamtumsatz von Jahr zu Jahr zurück. Etwa jedes vierte Buch wird online gekauft.

Obwohl die Sparte Belletristik im vergangenen Jahr rückläufig war, sind Romane mit einem Anteil von 35,2 Prozent an allen verkauften Titeln am beliebtesten. Der durchschnittliche Preis für ein Buch liegt über das gesamte Sortiment gesehen bei 21.15 Franken.

Den Zürcher Buchhändlern diente Orell Füssli lange als Feindbild. Der «OF» wuchs munter, während rundherum kleinere Buchhandlungen darbten und schliessen mussten. Viele machten Orell Füssli dafür mitverantwortlich.

Der Konzern habe das knallharte Renditedenken in eine Branche getragen, wo bisher nicht nur das Geld gezählt habe, lautete der Vorwurf. Andere entgegneten: Orell Füssli habe nur verschnellert, was sowieso geschehen wäre.

Bis 1993 führte Orell Füssli nur eine einzige Buchhandlung, seit 1941 lag sie an der Pelikanstrasse 10, dort, wo heute Tesla seine Elektroautos ausstellt. Nach Aufgabe der klassischen Druckerei beschloss der Konzern, im Buchhandel zu wachsen. Mit dem Kramhof eröffnete er als Erstes die grösste Buchhandlung der Schweiz. Ebenfalls 1993 gründete Orell Füssli zwei Restseller-Filialen im Hauptbahnhof und im Bahnhof Stadelhofen. Dort verkaufte er günstige Restexemplare, die nicht der Buchpreisbindung unterlagen.

Schon 19 Jahre im Internet

Die Strategie funktionierte, das Wachstum ging weiter: 1997 kam der Orell Füssli in Winterthur dazu, 1999 The Bookshop an der Bahnhofstrasse (vorher English Bookshop), 2001 übernahm er die Kunstbuchhandlung Krauthammer im Niederdorf, 2002 eröffnete der «OF» am Bellevue seinen vierten Stadtzürcher Standort. Orell Füssli expandierte auch in andere Kantone, in Luzern und St. Gallen kaufte er traditionelle Buchhandlungen auf. 2005 zog der französischsprachige Payot in den oberen Stock der Krauthammer-Filiale.

Früh investierte Orell Füssli auch in den Internethandel, schon 1996 gründete er eine eigene Onlineplattform.

2013 schloss sich Orell Füssli mit der deutschen Thalia zur Orell Füssli Thalia AG zusammen. Damit betreibt er 35 Buchläden in der Deutschschweiz, 9 im Kanton Zürich. Ab Mai werden es noch 34 sein. The Bookshop schliesst. Die englischen Bücher will Orell Füssli dann im Kramhof anbieten.

Heute befindet sich Orell Füssli in einer ähnlichen Situation wie die kleinen Zürcher Buchhändler vor 20 Jahren: bedrängt von einem Grossanbieter, der die Preise drückt. Diesmal heisst er Amazon und agiert weltweit.

Erstellt: 08.12.2015, 22:03 Uhr

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