Unterwegs in Downtown Brasil

Am Sonntag spielt die Seleção gegen die Schweiz. Und wie geht es den Brasilianern in Zürich?

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Allzu lange möchte Ocirema Kukleta an diesem Ort nicht bleiben. Sie will nicht, dass sich das Bild der Brasilianerinnen und Brasilianer in Zürich auf Szenen aus dem Bermudadreieck im Kreis 4 beschränkt. Ein paar Stunden zuvor, im Auto vor ihrem Haus bei der Seilbahn Rigiblick, kündigte Kukleta nämlich an: «Ich zeige Ihnen ein anderes Bild der Brasilianer in Zürich.» Von Leuten wie «Sie und ich», Leuten mit einem «normalen Leben».

Es gibt in der Stadt Zürich kaum jemanden, der einen tieferen Einblick in die brasilianische Gemeinschaft hat als Ocirema Kukleta, 64 Jahre alt, gescheite Augen, unerschütterlicher Optimismus. Seit fast 35 Jahren engagiert sie sich für die Brasilianer in der Stadt Zürich, von denen es gemäss Statistik derzeit rund 1500 gibt. In der Freizeit ist sie als Radiomoderatorin oder mit dem Organisieren von Kinoabenden für die Gemeinschaft beschäftigt. Beruflich wirkt sie als Übersetzerin im Spital, in der Schule oder am Gericht. Nicht, dass sie das aus finanziellen Gründen nötig hätte. Ihr Mann verdiene genug, sagt sie. Sondern weil sie ihre Identität als Brasilianerin nicht verlieren will. «Wer seine alten Wurzeln nicht pflegt, kann sich auch nicht an einem anderen Ort verwurzeln», sagt sie.

Wir fahren zum Brasil-Grill nach Zürich-Affoltern, einem Treffpunkt der Brasilianer in Zürich. Die junge Besitzerin stellt sich in breitem Züritüütsch als Paloma vor. Sie und ihre Angestellten richten gerade den grossen Festsaal im hinteren Teil für die Fussballparty vom Sonntag her. Schweiz gegen Brasilien. Es gibt Fahnen und Perücken in Gelb und Grün. Bereits 250 Leute haben für Sonntagabend einen Platz zum Essen reserviert. Es wird Churrasco geben, das typische, am Grill gegarte Fleisch, dazu Bohneneintopf und Reis. «Das darf bei keinem brasilianischen Essen fehlen», sagt Kukleta.

«Mein Mann sagt, sobald ich wieder in Brasilien sei, verändere sich meine Stimmlage.»Ocirema Kukleta

Es kommen hier in diesem Saal regelmässig Brasilianer zusammen. Dann und wann spielen Bands aus der Heimat Forro, «eine Musik vom Land», wie Kukleta sagt. Oder Sertanejo, ein Stil, der irgendwo zwischen Schlager und Country angesiedelt ist. Auch Kukleta feiert hier gelegentlich mit ihrem Mann.

Wandeln zwischen den Welten

Kukleta selber ist zwar eher dem oberen Mittelstand angehörig, bereist die Welt, feiert in São Paulo mit Superstar Pelé jedes Jahr Silvester und bewohnt mit ihrem Mann, der als Chirurg arbeitet, ein Haus am Fusse des Zürichbergs. Ihre beiden erwachsenen Kinder sind beruflich erfolgreich. Doch Kukleta verkehrt von jeher auch mit Landsleuten, die eher am Rand der Gesellschaft leben, im Milieu verkehren und somit das Bild der Brasilianer in den Köpfen der Schweizer prägen.

Ermöglicht wurde ihr dieses Wandeln zwischen den Welten, das Kukleta scheinbar so spielerisch gelingt, durch ihren Beruf als Übersetzerin. Die studierte Betriebswirtschafterin erlernte diesen Beruf zwar «aus Not», wie sie sagt, da ihr Diplom in der Schweiz nicht anerkannt war. Doch nun nutzt sie ihre Position als interkulturelle Dolmetscherin, um gegen das Klischee anzukämpfen, das über die Brasilianer in Zürich vorherrscht. «Brasilianer sind nicht nur Sexgewerbe», sagt sie.

Wir fahren zur Kalkbreite, ins Reisebüro von Wanda Helbling, die das Trikot der Seleção trägt, der brasilianischen Nationalmannschaft. Vor sich breitet sie eine Landkarte Brasiliens aus – die Schweiz hätte 200-mal in dem Land Platz. Die Leute mit brasilianischen Wurzeln in Zürich kämen vor allem aus den beiden Ortschaften Anàpolis, im Innern des Landes, und Porto Seguro, einem Ort an der Küste, erklärt Helbling. Der Grund für diese Ballung sei der Familiennachzug. Nach der Liebe sei er der zweithäufigste Grund, warum Leute aus Brasilien überhaupt nach Zürich kämen. Erst an dritter Stelle kommt die Migration aus wirtschaftlichen Gründen. Trotz der starken Bande ins Heimatland, die Helbling mit vielen Brasilianern teilt, fühlt sie sich schweizerisch. Sie verkehre nicht, wie viele ihrer Landsleute, in grossen Gruppen, sondern bevorzuge die Zeit mit ihrem Mann und ihrem Sohn. Sie fährt gerne in Crans-Montana Ski, und manchmal mache sich ihr Sohn über sie lustig, weil sie Aromat mitnehme in die Ferien. Am Sonntag fiebert sie nicht für Brasilien, sondern für die Schweizer Nati.

«Das Gegenteil der Brasilianer»

Wir spazieren durchs Bermudadreieck im Kreis 4, wo auch das Coiffeurgeschäft liegt, das Kukleta erst nach kurzem Zögern zu betreten bereit ist. Der Grund: Der Besitzer – und auch das Quartier, in dem das Geschäft liegt – widerspiegelt eher das Klischee. Der Chef sei noch nicht vor Ort, sagen seine Angestellten, die vor dem Laden auf der Treppe sitzen. Er habe die Nacht durchgefeiert und werde wohl erst gegen Abend eintreffen. Dann sei am meisten los im Geschäft, dann erwache erst das Leben im Quartier. Fotografiert werden wollen sie nicht.

Klar sei es damals oft so gewesen, dass brasilianische Frauen in Begleitung ihrer meistens ökonomisch bessergestellten Schweizer Männer nach Zürich gekommen seien, sagt Kukleta. Die Asymmetrie habe nicht selten Konflikte nach sich gezogen. Aber mindestens ebenso oft hat Kukleta eine positive Variante dieser Geschichte erlebt: Ehen, die über Jahrzehnte halten – «normale Familien» eben.

Die Geschichte Kukletas war nochmals anders. Ihren Mann, einen Tschechoslowaken, der vor der sowjetischen Okkupation geflohen war, lernte sie in den 70er-Jahren auf einer Reise kennen.

«Manchmal sind die Schweizer das Gegenteil der Brasilianer.»

Wenn sie über ihr Ankommen in Zürich redet, spricht sie auch für ihre Landsleute. Das Leben in der Schweiz, einem Land, «in dem, ganz im Gegensatz zum Urwald in Brasilien, selbst die Natur geordnet ist», war für sie immer mit Aufwand verbunden. Karriere machen in einer fremden Sprache sei nicht einfach. Zudem seien die Schweizer zwar höflich, aber nicht unbedingt herzlich. «Manchmal sind sie das Gegenteil der Brasilianer.» Trotz der guten Verbindungen, die sie in der Schweiz längst hat, trotz ihrem Engagement und ihren Heimatgefühlen, die sie besonders zur Stadt Zürich pflegt, blühe sie auf, wenn sie in ihrer Heimatstadt São Paulo ankomme. Ihr Mann sagt ihr dann, dass sich ihre Stimmlage verändere. «Dann fühle ich mich echt», sagt Kukleta.

Das unterschiedliche Lebensgefühl hat auch mit der Art der Brasilianer zu tun, die Kukleta als temperamentvoll, offen und redselig beschreibt. Und mit dem Körpergefühl, das sich von jenem der Schweizer unterscheide und von diesen allzu oft missverstanden werde. «Das hat nichts mit Sex zu tun.»

Die Gräben schliessen sich

Kukleta erkennt einige Gesichter beim Spaziergang durch den Kreis 4. Doch grüssen tun die Leute nicht. Bei ihrer Arbeit in den Gerichten oder der Sozialbehörde hat sie viel erlebt. «Zu viel», wie Kukleta sagt. Das löst in den Leuten Scham aus, wenn sie Kukleta sehen. Womit sich der Graben zwischen den sozialen Gruppen, den Ocirema Kukleta sonst so geschickt zu kitten weiss, plötzlich wieder öffnet.

Und doch: So gross die Gräben zwischen den Landsleuten bisweilen auch sind, beim Fussball schliessen sie sich rasch wieder. «Gewinnt Brasilien, kommen alle Brasilianer zusammen an die Langstrasse zum Feiern.» Es ist der Moment, in dem sich auch das Bild verschiebt, das sich die Schweizer von den Brasilianern bisweilen machen – und das sich dann für eine Weile sogar in stille Bewunderung verwandelt.

Erstellt: 16.06.2018, 14:06 Uhr

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