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Urbane Notwehr

Es ist Zeit, Zweitwohnungen auch in den Städten zu bekämpfen. Die Instrumente dafür wären vorhanden.

Wohnungen zu kaufen und sie als Businessapartments zu vermieten, ist in Zürich ein lukratives Geschäft. Foto: Raisa Durandi
Wohnungen zu kaufen und sie als Businessapartments zu vermieten, ist in Zürich ein lukratives Geschäft. Foto: Raisa Durandi

Manche Zahlen ähneln Plastilin: Man kann daraus machen, was man will. Die neue Zweitwohnungsziffer zum Beispiel. In Zürich gibt es 7200 Zweitwohnungen. Das entspricht 3,3 Prozent des Gesamtbestandes oder jeder dreissigsten Wohnung.

Die Bürgerlichen mischen aus der Zahl ein Beruhigungsmittel. Sie sei alles andere als dramatisch, frühere Schätzungen gingen von einem viel höheren Anteil aus.

Die Linken deuten die 7200 als Alarmsignal. Die Anzahl Zweitwohnungen werde ansteigen, man müsse rasch etwas dagegen unternehmen.

Durchgreifen braucht Geduld

Es lässt sich kaum bezweifeln, dass in Zürcher Wohnungen vor allem Zürcherinnen leben sollten. Der Grund ist einfach: Wer in der Stadt angemeldet ist, zahlt dort Einkommenssteuern. Er bewegt sich in seinem Viertel, kauft dort ein, isst, trinkt, geht aus. Die Bewohner sind Fleisch, Blut und Seele einer Stadt.

Was in der Statistik unter Zweitwohnung läuft, kann völlig verschieden aussehen. Erstens gibt es die Betoninvestments, die sich Menschen leisten, um sich a) nicht um ihr Geld sorgen zu müssen (der Wert von Zürcher Wohnungen hat sich in den letzten 100 Jahren vervielfacht) oder um b) eine Niederlassung in der angesagten Stadt zu haben (obwohl man seine Steuern lieber in günstigeren Agglomerationsgemeinden abliefert).

Der zweite Typus von Zweitwohnungen richtet sich an Menschen, die sich nur kurze Zeit in einer Stadt aufhalten, vom Wochenendtouristen bis zum Financespezialisten, den eine Versicherung für zwei Monate anheuert. Sie finden ihre Unterkünfte über Airbnb oder Firmen, die Businessapartments anbieten.

Vermittlungsdienste wie Airbnb haben den alten Frieden zwischen Touristen und Einheimischen aufgekündet. Sie machen jede Wohnung zur potenziellen Zweitwohnung. Jede Mieterin und jeder Eigentümer wird zum potenziellen Hotelier. Gross ist die Verlockung, das eigene Heim an Touristen oder Businessnomaden weiterzugeben – zu satten Preisen. Im juristischen Pionierland der irregulären Miete herrscht kein Recht, das solche Aufschläge einschränkt.

Gegen die neuen Konkurrenten verlieren die gewöhnlichen Mieter. Immer. Denn Touristen (die zu Hause selbst gewöhnliche Mieter sind), Kurzaufenthalter oder wohlhabende Investoren können mehr Geld ausgeben als sie. Es ist ein Akt der Selbstverteidigung, wenn Städte ihre Bewohner davor zu schützen versuchen.

Wege dafür müsste Zürich nicht erfinden. Es gibt sie bereits: Auf Zweitwohnungen vom Typ steinerne Anlage lässt sich eine Zusatzsteuer erheben. Das Bundesgericht hat solche Versuche für rechtens erklärt. Die Abgabe könnte Besitzer dazu bringen, ihre Wohnungen zu vermieten. Und sonst verdiente die Stadt immerhin ein wenig Geld mit den dunklen Fenstern.

Airbnb-Apartments lassen sich einer Bewilligungspflicht unterstellen. Das macht Barcelona. Oder man verbietet generell, Privatwohnungen an Feriengäste zu vermieten. So sieht der Berliner Ansatz aus. Seit die zwei Städte diese Regeln beschlossen haben, nimmt die Anzahl der Airbnb-Wohnungen zumindest nicht mehr zu.

Ganz Wollishofen steht leer

Das Problem solcher Bremsen liegt darin, dass sie nur mit einer komplizierten bürokratischen Aufhängung funktionieren. Um Zweitwohnungen zu besteuern, muss man sie erst registrieren. Um Ferienwohnungen zu verbieten, braucht es Kontrolleure, Bussen, Gerichtsprozesse.

Die Frage ist, ob der Zürcher Zweitwohnungsanteil ein solches Eingreifen rechtfertigt. Auf jeden Fall wird Wohnraum in der Stadt dringendst gesucht. Und die 7200 Zweitwohnungen könnten theoretisch fast so viele Menschen aufnehmen, wie Wollishofen Einwohner hat. Dazu kommt: Alles sieht danach aus, als ob die Zahl der Zweitwohnungen wachsen würde. Tiefe Zinsen fördern Investionen in Stein. Kurzaufenthalte und Städtetrips gehören zum zeitgemässen Lebensstil.

Stellen wir uns eine Stadt vor, die fast nur aus Zweitwohnungen besteht. Sie schwindet zur toten Kulisse; oder zu einer entkernten Sehenswürdigkeit, wie man das von hypertouristischen Vierteln in Venedig oder Florenz kennt.

An solchen Orten machen alle Zweite.

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