US-Agenten im Zürcher Rathaus

1998 stellte Bill Clintons Geheimdienst das Zürcher Rathaus auf den Kopf. Für den Besuch der First Lady war es zu wenig sicher. Dem Hausmeister dankte sie persönlich.

Hillary Clinton kam 1998 zwar ans WEF, aber nicht ins Rathaus. Foto: Keystone

Hillary Clinton kam 1998 zwar ans WEF, aber nicht ins Rathaus. Foto: Keystone

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Eine derartige Aufregung gab es im Zürcher Rathaus an der Limmat wohl noch nie, seit Gottfried Keller 1861 erster Staatsschreiber im Kanton wurde. Vielleicht mit Ausnahme von 1996, als 30 Kantonsräte mit «Free Tibet»-Shirts gegen den chinesischen Spitzenpolitiker Li Ruihuan demonstrierten – an der friedlichen Demo dabei: der heutige Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP). Im Januar 1998 rückten acht Mitarbeiter des US-Geheimdienstes an und untersuchten jede Ritze des altehrwürdigen Rathauses. «Vom Keller bis in den Estrich wurde ein halber Tag lang fast jeder Stein und jeder Holzbalken inspiziert», erinnert sich Peter Sturzenegger, damals Hausmeister und heute stolzer Standesweibel des Kantons Zürich. Denn die damalige First Lady Hillary Clinton suchte für einen nicht näher definierten Anlass einen repräsentativen Saal.

Hillary Clinton besuchte damals – vor genau 20 Jahren – das WEF in Davos und redete den Mächtigen ganz schön ins Gewissen; sie sprach über die Ausbildung von Kindern, Frauenrechte und Krankenkassen. «Wir bekamen dann den Bescheid, unser Rathaus sei zu wenig sicher», sagt Sturzenegger. Grund: Das ganze Gebäude war damals vergittert, hatte keinen Notausgang, und die Gitter waren fest ins Mauerwerk eingepflastert. Wohl als Folge dieser US-Expertise sind die Gitter auf der Limmatseite heute aufklappbar; im Katastrophenfall können Parlamentarier nun auf die Gemüsebrücke oder mit einem Sprung in die Limmat flüchten. Hillary Clinton besuchte damals im Luzerner Rathaus das Kinderparlament und hielt an der Uni Zürich eine Rede. Anderthalb Jahre später erhielt Hausmeister Sturzenegger einen Dankesbrief aus den USA, mit Schreibmaschine getippt auf edlem Büttenpapier mit eingelassenem US-Adler und Clintons Unterschrift mit Tintenfüller. Der Brief hängt heute gerahmt über Sturzeneggers Arbeitsplatz und erfreut ihn noch immer – auch wenn ihn das Weisse Haus damals Oeter Stuizenegger nannte.

Das Dankesschreiben von Clinton an Hausmeister Sturzenegger. Foto: Ruedi Baumann

*

Der Besuch von Donald Trump in Davos beschäftigt auch das Zürcher Parlament. In einer Anfrage wollen Fabian Molina, Céline Widmer und Hannah Pfalzgraf (alle SP) vom Regierungsrat wissen, ob er bereit sei, «gegenüber dem US-Präsidenten klarzustellen, dass gemäss Kantonsverfassung Freiheit, Recht und Menschenwürde zentrale Werte des Zürcher Volkes darstellen». Molina sagt trotzig: «Unsere Regierung müsste diesen Mut haben, schliesslich hat die FDP vor einer Woche für mehr Mut demonstriert.» FDP-Präsident Hans-Jakob Boesch kontert: «Schön, wenn Molina unsere Demo beherzigt und sich die Juso künftig selber an die Verfassung halten – Stichwort Hausbesetzungen.» BDP-Kantonsrat Marcel Lenggenhager findet die Vorstellung der SP, dass der Regierungsrat mit Trump über die Zürcher Verfassung diskutiert, «vollkommen lächerlich». Zumal bekannt ist, dass Trump nicht einmal an der US-Verfassung interessiert ist. Regierungspräsident Markus Kägi werde Trump «wahrscheinlich nicht mal von weitem sehen». Zusammen mit Rico Brazerol (BDP) will Lenggenhager in einer weiteren Anfrage von der Regierung wissen, was der Nutzen der WEF-Besuche und wie gross die Zürcher Delegation sei, wie diese ans WEF reise und ob sich die Regierung selber einlade oder eingeladen werde – und was die ganze Zürcher Expedition koste.

«Uns geht es darum», so Lenggenhager, «dass die Regierung weiss, dass ihr das Parlament bei solchen Expeditionen und dem entsprechenden Budget genau auf die Finger schaut.» Zu den Kosten, die vor allem durch die Beteiligung der Zürcher Kantonspolizei entstehen, hat Fabian Molina in seinem Vorstoss auch eine Lösung bereit: zumindest einen Teil der Sicherheitskosten «beim WEF oder der US-Regierung zurückfordern» – genau so, wie es sich Trump bei seiner Mauer von der mexikanischen Regierung vorstellt.

Neben Regierungspräsident Kägi vertreten die Zürcher Regierung auch Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh und Sicherheitsdirektor Mario Fehr, der seiner grossen Polizeidelegation die Ehre erweisen will. Baudirektor Markus Kägi hat ans WEF übrigens nicht nur gute Erinnerungen: 2015 stürzte er auf dem Glatteis und prellte sich die Schulter.

*

Auf dem Glatteis ausgeglitten ist kürzlich auch CVP-Kantonsrat und Arzt Josef Widler, Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft. Er hat sich in seiner Praxis gleich röntgen lassen, den Bruch eines Handwurzelknochens links diagnostiziert und sich – mit rechts – selber geschient. Widler ist 64-jährig und hat seine Praxis auf Anfang Jahr seiner 37-jährigen Tochter Corinne Widmer-Widler übergeben. «Nun bin ich nur noch Angestellter und muss mich nicht mehr mit Buchhaltung und der ganzen Administration herumschlagen.» Widler aber bleibt Ärztepräsident. Patienten, die das Inserat nicht genau gelesen haben, hätten Tochter Corinne «traurige Nachrufe» geschickt. Doch Widler versichert: «Ich arbeite weiter und bin für meine Patienten genau wie früher da.»

Erstellt: 22.01.2018, 23:39 Uhr

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