Vegetarischer Sündenbock

Das Hiltl dient als neues Feindbild der Autonomen – ganz unverdient.

Neu auf dem Speisezettel des Revolutionären Aufbaus steht auch das vegetarische Restaurant Hiltl. Bild: TA/Urs Jaudas

Neu auf dem Speisezettel des Revolutionären Aufbaus steht auch das vegetarische Restaurant Hiltl. Bild: TA/Urs Jaudas

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In Zürich residiert ein neuer Gaunerkonzern, einer, der in der Liga von Grossbanken und weltweit tätigen Fast-Food-Unternehmen mitmischt. Google? Nein, nein. Vom Hiltl reden wir.

So jedenfalls sieht es der Revolutionäre Aufbau. Am Rande von linken Demonstrationen beschädigen die Zürcher Autonomen immer wieder ähnliche Ziele, zu den Klassikern wie UBS-, McDondald’s- oder Subway-Filialen neu hinzugekommen sind die vegetarischen Restaurants von Hiltl. Die Fassade des Hiltl-Hauptsitzes an der Sihlstrasse haben Aktivisten am Dienstagabend während der Anti-WEF-Demo versprayt. Schon im November wurde der jüngste Hiltl-Ableger an der Langstrasse beschädigt.

Diese Hiltl-Feindlichkeit mutet seltsam an. Schliesslich vertritt das Unternehmen eine ähnliche Grundhaltung wie viele der Demonstranten: weniger Schmerz für andere Lebewesen. Das Hiltl hat die fleischlose Ernährung in Zürich vom Körnlipicker-Stigma befreit (und damit sehr viele Tiere vor dem Tod bewahrt). Chef Rolf Hiltl verweigert Menschen, die Kleider aus echtem Fell tragen, den Eintritt in seine drei Nachtclubs. Es gibt wenige Firmen, die ihre ethischen Standards so streng verteidigen, gleichgültig, ob sie damit Kunden verärgern.

Hiltl-Hass ist ein Zürcher Phänomen

Woher dann die Hiltl-Abneigung, die man auch sonst manchmal spürt im linksalternativen Zürich? Spielt die Kränkung des fleischverwöhnten Menschen hinein, der es nicht verträgt, dass sein Schnitzel Konkurrenz bekommen hat? Oder macht sich Rolf Hiltl unzürcherisch breit, indem er einen prestigeträchtigen Ort nach dem anderen übernimmt (Sihlpost, Mythenquai); indem er sein Geschäft mit missionarisch anmutendem Eifer ausbaut? Gönnt man ihm den Erfolg nicht?

Der Hauptgrund lautet anders: «Gentrifizierung rächt sich», erklären die Revolutionäre ihre Aktion. Im Herbst hat Hiltl sein neustes Lokal eröffnet, es liegt direkt an der Langstrasse, dort, wo früher der alternative Kunstraum Perla-Mode stand. Der Abriss des Häuschens wurde von vielen als endgültiger Niedergang der alten Langstrasse betrauert. Dazu kam, dass sich Rolf Hiltl diplomatisch nicht sehr geschickt mit dem Erbe des Perla schmückte. Und so stiegen seine Lokale zum ultimativen Gentrifizierungs-Bösewicht auf: Vegi-Yuppies putschen Künstler weg.

Natürlich ist das Hiltl Teil der Verteuerung und Veredelung, die das Langstrassenquartier erfasst hat. Natürlich gehört die vegetarische Küche zum Lebensstil der urbanen Mittelklasse und dient ihr als Mittel, sich vom «ungesunden, schädlichen» Essverhalten anderer Schichten abzugrenzen. Vor 25 Jahren hätte man gelacht über ein fleischloses Restaurant an der Langstrasse, es wäre wohl leer geblieben Tag und Nacht.

Gentrifizierung hat unterschiedlichste Täter

Aber das Hiltl bildet nur ein kleines Rädchen in dieser Entwicklung, es besiegelt sie eher, als dass es sie entscheidend vorantreibt. Weit mächtigere Firmen investieren seit längerem an der Langstrasse, etwa die Hotelkette 25 Hours oder die Migros. Auch junge Nachtleben-Unternehmer treiben die Verteuerung voran, indem sie die Coolness des Kreises 4 mit ihren Lokalen weiter steigern. Und am Anfang der Entwicklung, die vor über 15 Jahren begann, standen Kunstgalerien wie das Perla oder innovative kleine Läden.

Gentrifizierung – die Vertreibung von ärmeren Bevölkerungsschichten aus einem Quartier – hat unterschiedlichste Täter. Auch viele linke Zürcherinnen und Zürcher haben sich (unfreiwillig oder unbewusst) mitschuldig gemacht – indem sie die angesagten Lokale im Kreis 4 besuchen oder vor ein paar Jahren selber ins Quartier gezogen sind, weil dort so viel läuft.

Die Alternative ist nicht besser

Nähme man die «Gentrifizierung rächt sich»-Logik ernst, müssten Linksautonome im Langstrassenquartier jede zweite Fassade versprayen – vielleicht sogar die eigene Haustür. Da ist es einfacher, die Schuld abzuschieben. Das Hiltl als stadtbekannte Marke eignet sich perfekt dafür, es ist zum vegetarischen Sündenbock geworden.

Dabei wäre das Perla-Häuschen auch ohne Hiltl abgerissen worden. Eine andere Foodkette hätte das Lokal wahrscheinlich übernommen, so wie die Migros gleich gegenüber kürzlich einen Poulet-Imbiss eröffnet hat. Die Alternative zum Hiltl heisst nicht Perla, sondern Chickeria.

Erstellt: 24.01.2018, 19:10 Uhr

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