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Velohölle Mischverkehr

In der Langstrassen-Unterführung sind Velofahrer und Fussgänger im Dauerkonflikt. Weil der Ausbau auf sich warten lässt, improvisiert die Stadt – indem sie noch mehr mischt.

Platz teilen und Rücksicht nehmen ist die Devise: Die neuen Markierungen in der Unterführung. Video: TA

Zur Langstrassenunterführung haben viele Zürcher ein ähnliches Verhältnis wie zur Zahnkontrolle: Man muss da einfach irgendwie durch. Jeden Tag befahren um die 8000 Velos die relativ engen Röhren links und rechts der Autostrasse, oft im wilden Slalom zwischen vielen Fussgängern. Sie alle teilen sich eher unwillig diese einzige Verbindung der durch das Gleisfeld getrennten Kreise 4 und 5 – und den Ärger darüber, dass sie das tun müssen.

Zwar sollen die Röhren in absehbarer Zeit für rund 10 Millionen Franken erweitert werden, von vier auf etwas über fünf Meter. Aber der Baubeginn lässt noch eine Weile auf sich warten: Nach Auskunft des Tiefbaudepartements ist es frühestens in vier Jahren so weit. Zu wenig, zu langsam, monieren regelmässige Nutzer der Unterführung. Denn die Unterführung sei gefährlicher geworden als ohnehin schon, seit auch noch E-Bikes und schwere Cargo-Bikes unter den Gleisen durchbrausen.

Was, wenn es wirklich knallt?

Ein Leser von Redaktion Tamedia ist dort vor wenigen Tagen Zeuge eines Unfalls geworden: Zwei Velofahrer waren mit einigem Tempo auf Kollisionskurs, überall Fussgänger. Der eine riss seinen Lenker nach links, kam aber nicht mehr an einem Mann vorbei, der dort ging. Einen Wimpernschlag später lag dieser mit blutendem Kopf am Boden. «Was, wenn der von einem E-Bike gerammt worden wäre?», fragt sich der Augenzeuge. Die Angst ist verbreitet, dass ein schwerer Unfall dort nur eine Frage der Zeit ist.

Esther Arnet, die Direktorin der städtischen Dienstabteilung Verkehr, versprach angesichts solcher Bedenken Abhilfe. Die Situation habe sich durch die neuen Fahrradtypen tatsächlich verschlechtert. Man prüfe kurzfristige Massnahmen, bis die Unterführung ausgeweitet werde.

Das Ergebnis dieser Bemühungen leuchtet seit kurzem gelb auf asphaltgrauem Grund: Signale, die die gesamte Unterführung als Mischverkehrzone ausweisen. Rechtlich gesehen war sie das schon bisher, aber das war schwer ersichtlich, weil an den Eingängen die Reste eines alten Radstreifens Zweiräder zur Strassenseite hin lotsten. Diese Wegmarkierungen sind nun weg, dafür gibt es am Tunnelportal ein Schild, das Velos zu «Schritttempo» mahnt.

Ausgerechnet Mischverkehr

Es ist für viele eine Lösung des Typs «Teufel mit Beelzebub austreiben», denn die Mischung von Velos und Fussgängern ist das vermutlich meistgehasste Verkehrsregime der Stadt. Das geht so weit, dass die Zürcher Verwaltung Fragen dazu nur noch ungern beantwortet, weil sie bei diesem Thema sowieso jedes Mal aufs Dach bekommt. Und dass ein bestehender Übersichtsplan über alle städtischen Mischzonen nicht veröffentlicht wird, aus Angst vor Missverständnissen.

Die Erklärung der Dienstabteilung Verkehr, warum jetzt trotzdem wieder gemischt wird: An die alten Radwegmarkierungen in der Unterführung habe sich ohnehin kaum jemand gehalten. Dadurch sei es zu gefährlichen Situationen gekommen. Mit der gleichen Begründung sind in der Stadt schon anderswo Mischzonen entstanden. Ein prominentes Beispiel ist die Sihlpromenade, wo ein Fussweg und ein parallel dazu verlaufender Radweg vor ein paar Jahren in zwei gemischte Wege umgewandelt wurden.

Die neue Lösung orientiert sich an den Tatsachen: Alle dürfen offiziell überall durch. Bild: Reto Oeschger
Die neue Lösung orientiert sich an den Tatsachen: Alle dürfen offiziell überall durch. Bild: Reto Oeschger

Separate Tunnels keine Lösung

An der Langstrasse gebe es keine überlegene Alternative zum Mischverkehr, sagt Heiko Ciceri, Mediensprecher der Dienstabteilung. Würde man zum Beispiel eine der zwei Röhren exklusiv den Velos und die andere den Fussgängern vorbehalten, müssten die Velos vor der Unterführung mühsam die Kreuzung queren. Zudem sei fraglich, ob die Vorschrift beachtet würde. Auch eine bauliche Abtrennung von Radweg und Fussweg, etwa mit Betonelementen, sei keine Lösung. Sie berge neue Unfallgefahren und raube wertvollen Platz.

Diese Einschätzung teilt auch der grüne Gemeinderat und VCS-Leiter Markus Knauss, sonst ein hartnäckiger Kritiker des städtischen Umgangs mit dem Flaschenhals unter den Bahngleisen. Es sei richtig, die Velofahrer dort zu langsamem Fahren anzuhalten: «Zum Teil fahren sie wie die Verrückten.» Offizielle Haltung des VCS sei jedoch, dass die frühere Regelung mit einem Veloweg besser war, auch wenn diesen viele ignorierten. «Wenigstens war es ein Anhaltspunkt, wer sich wo aufhalten sollte.»

Warten auf die Machbarkeitsstudie

Was Knauss mehr stört, ist das schleppende Tempo beim Umbau der Unterführung. Tiefbauvorsteher Filippo Leutenegger betont, dass er das Projekt überhaupt erst wieder aus der Schublade geholt habe. Und dass er den Kanton dazu bewegt habe, diesem im Agglomerationsprogramm erste Priorität einzuräumen, wo es um Millionen vom Bund geht. Knauss hingegen findet, die Stadt könnte vorwärtsmachen statt auf den Bund zu warten und das Projekt vorfinanzieren aus den 120 Millionen Franken, die sie für Veloprojekte beiseite gelegt hat.

Nach derzeitigem Fahrplan ist noch nicht mal ein Vorprojekt für die neue Unterführung auf dem Tisch. Im Tiefbauamt ist man seit geraumer Zeit mit einer Machbarkeitsstudie beschäftigt. Diese wird dem Vernehmen nach auch die Frage beantworten, ob nicht doch kreative Lösungen denkbar sind, Fussgänger und Velofahrer voneinander zu trennen. Zum Beispiel, indem man ihre Wege auf zwei unterschiedlichen Niveaus führt. Die Antworten darauf sollten bis Ende Jahr vorliegen.

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