«Veräppelung? Ich nahms sportlich»

Lethargy, die grosse Party am Street-Parade-Wochenende in der Roten Fabrik, wird 20. Arnold Meyer, Organisator der Energy, schreibt eine Hommage an diese trendresistente, farbenfrohe Gegenveranstaltung.

In den bunt dekorierten Räumen der Roten Fabrik trifft sich die alternative Technoszene.

In den bunt dekorierten Räumen der Roten Fabrik trifft sich die alternative Technoszene.

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«Pure Vernunft wird niemals siegen», sang einst die Band Tocotronic, dies könnte auch das Credo der Lethargy sein. Dabei war der Event nicht als langjährige Reihe angedacht, sondern bloss eine gewöhnliche Party im Rahmen der damaligen Rote-Fabrik-Disco Taifun. DJ Styro2000 und mein damaliger Mitarbeiter Michael Schuler (heute Musikchef von SRF 3) buchten am Street-Parade-Weekend das Taifun und nannten das Happening «Gigantomania 3.5» als Veräppelung der damaligen durchnummerierten Megaraves, dazu gehörte auch unsere Energy-Party.

Ich mochte diesen Alternativanlass von Anfang an. Der Name Lethargy prangte dann ab 1994 auf den Flyers. 1997 wurde gar das von uns entwickelte «Energy»-Emblem – der Dreizack – auf dem Flyer persifliert. Ich nahms sportlich, zumal ich selbst als Chill-out-DJ an der Lethargy wirkte. Und auf der Gegenseite spielte Styro2000 an unserer Party im Hallenstadion. Feindschaften gabs zu dieser Zeit keine, man verstand sich als Community. In den Clubs Rohstofflager und Toni-Molkerei arbeitete ich beispielsweise mit Philipp Meier (später Cabaret Voltaire) und Evelyn Thar zusammen, beide gehörten damals auch zum Lethargy-Team.

Während wir mit der Energy einen gigantischen Event veranstalteten, der sich nach ökonomischen Regeln richten musste, nahm sich dieses Kollektiv von der anderen Seite des Sees selbst nie sonderlich ernst, die Partys wurden stets mit einem Augenzwinkern gestemmt, waren verspielt und hatten Herz. Kommerz spielte keine Rolle in diesen komplett sponsorenfreien zwei Dekaden. Ausser einem bescheidenen Lohn wird der ganze Gewinn jeweils reinvestiert und als Reserve für allfällige künftige Dellen aufgespart. Nach dem Publikumsrekord 2002, als das Areal der Roten Fabrik aus allen Nähten platzte, erlaubte man es sich, im Folgejahr den Samstag gar nicht erst zu öffnen. Das muss man sich mal vorstellen: Man verzichtete einfach so auf einen umsatz­starken Abend!

«Das Angebot ist zu gross!»

In den letzten Jahren sind die Gagen der DJs explodiert. An der letztjährigen Energy-Ausgabe bekam David Guetta mehr als 100'000 Franken. Diese Summe ist absurd, aber marktgerecht. Es ist aber nicht der Grund, warum wir in diesem Jahr eine Pause einlegen. Das Angebot an ähnlichen Raves im Juli und August ist hierzulande einfach zu gross. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Zurück zur Lethargy: Der seit 2005 fürs Booking zuständige Petar Klingel macht bei diesem Gagen-Wahnsinn nicht mit. Petar, der unter dem Namen P.Bell selbst regelmässig auflegt, kann es sich mittlerweile auch leisten, auf überrissene Forderungen nicht einzugehen: Unter den Agenturen hat sich der gute Vibe dieser von ­Michel Häberli und seinem Künstlerkollektiv Syntosil aussergewöhnlich dekorierten Party ­herumgesprochen.

Das Geschäft mit dem Fest hat sich längst professionalisiert. Ursprünglich ähnlich gelagerte und etwa gleich alte Festivals wie Sonar in Barcelona und Time Warp in Mannheim unterhalten ganzjährig besetzte Büros mit vielen An­gestellten. Die Lethargy aber hat sich ihren spontanen, persönlichen Charakter bewahren können. Dort wird der vom Künstler gewünschte Whisky noch beim Detailhändler erstanden, werden die belegten Brote fürs Backstage-Catering selbst gestrichen, die DJs mit dem eigenen Auto am Flughafen abgeholt, gegessen wird gemeinsam. Die Verhandlungen mit den Künstleragenturen werden selbst geführt. «So unprofessionell wie nötig und so professionell wie möglich», sagt Styro2000, der die Organisation des Anlasses als eine Art Hobby betrachtet.

Unsere Energy-Partys zogen jeweils 10'000 Leute an, diese Massen waren nur zu mobilisieren, indem man die neusten Trends aufnahm. Ravesound à la ­Marusha dominierte ab Mitte der 90er-Jahre, dann kam Trance Marke Tiesto und zum Schluss poppiger House, wie ihn David Guetta spielt.

Die Lethargy hingegen konnte sich ein anderes Konzept leisten, Trendwellen spielten dort nie eine Rolle. In diesen zwei Dekaden kamen und gingen die Clubs und Eventreihen, die Strömungen wechselten. Als tout Zürich auf Minimal abfuhr – zuerst im Gay-Club Aera im Labitzke-Areal, wo der spätere Superstar Luciano für einige Hundert Franken im Nebenfloor spielte, dann ab Anfang der 00er-Jahre in der Dachkantine –, prallte auch diese Welle am roten Fels in Wollishofen ab. Als in den letzten Jahren der nette Deep House eines Wankelmut den Ton angab, fand auch diese Stilrichtung dort keinen grossen Widerhall. Lieber gibt man zeitlosen, verschrobenen Elektronikern, die in keine Schublade so richtig passen wollen, den Vorrang – und hatte genau damit Erfolg, was der stets ausverkaufte Samstag beweist. Tauschte man sich früher noch mit den Zürcher Clubs aus, um Doppel­spurigkeiten zu vermeiden, sind heute die Chancen von Überschneidungen nur noch gering: Man bewegt sich in einem eigenen Kosmos – und fühlt sich gut dabei.

*Arnold Meyer (48), Journalist, Partyveranstalter. Als Technopapst bekannt, auch weil er die Energy im Hallenstadion mitorganisierte.

Geschichte der Lethargy

1993: Es ist quasi das heftige Vorspiel zur Lethargy, und es heisst zeitgeistig «Gigantomania 3.5».

1994: Die Lethargy-Geburt: Der Name und die Undergroundsounds persiflieren die kommerzielle Technodampfwalze namens Energy.

1997: Zu den lokalen Lethargy-Pionier-DJs Styro2000 oder Viola gesellen sich nun auch internationale Grössen wie Christian Vogel oder Roni Size.

2000: Für viele Habitués bis heute die musikalisch beste und optisch sinnlichste Lethargy – u.a. mit Super_Collider, DJ Koze und Josh Wink.

2002: Neuer Publikumsrekord mit über 12'000 Besuchern. Das OK fragt sich: «Ist das noch der Anlass, den wir wollen?»

2003: Das OK gibt sich die Antwort gleich selbst: Der Freitag findet im gewohnten Rahmen statt, am Samstag aber bleibt die Rote Fabrik eine partyfreie Zone.

2004: Back to the roots: Entspanntes Clubbing, visionäre Illuminationen, eine end- und hemmungslose Afterhour. (thw)

2005: Petar Klingel (alias DJ P.Bell) und Michel Häberli bringen als Booker und Gestalter neuen Spirit ins OK-Team.

2008: Dauerbrenner Styro2000 absolviert seine bereits 14. Lethargy, die mit Model500, dem Djuma Soundsystem und The Emperor Machine zu einem tollen Jahrgang wird.

2011: Die vielleicht schwächste Ausgabe: Es fehlt an Inspiration und Innovation.

2013: Die legendäre Afterhour findet neu erst ab Sonntagnachmittag statt, die Tänzerinnen und Tänzer aber sind noch die gleichen wie vor zwei Dekaden.

2014: Die musikalische Öffnung Richtung Indie-Gitarren geht weiter. Und zum Jubiläum gibts im Februar eine Winter-Edition – und im Sommer einen dritten Veranstaltungsabend. (thw)

Erstellt: 30.07.2014, 15:00 Uhr

Jubiläumsausgabe

Das ganze Areal wird in bewährter Manier aufwendig vom Künstlerkollektiv Syntosil dekoriert. Clubraum, Aktionshalle, Ziegel und Fabriktheater werden bespielt, am Sonntag gibts wieder die stadtbekannte Afterhour. Specials zum Jubiläum: Konzert von The Notwist am Donnerstag auf der Seebühne. Die Lichtkünstler von Projektil illuminieren die Aussenwände. Und: Ein interaktiver, digitaler «Hau den Lukas» ist in Vorbereitung. Aber die Musik steht natürlich im Vordergrund. Drei Highlights aus dem diesjährigen Line-up:

Dopplereffekt
Freitag: Keine Interviews, sehr seltene Auftritte, Camouflage. Das legendäre deutsche Electro-Duo gewonnen zu haben, darf als Coup bezeichnet werden.

Blade&Beard
Freitag: House aus Teheran? Wahrscheinlich legen zum ersten Mal iranische DJs in Zürich auf.

Foreign Concept
Samstag: Geht doch! Der Londoner zeigt, dass Drum'n'Bass keinesfalls sperrig sein muss.

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