Verbotene Gang versprayt Stadt Zürich

Sie sorgten mit Aufmärschen für Aufsehen: Eine kurdische Gruppierung meldet sich in Zürich zurück.

Sympathiebekundung für besetztes Kurdengebiet? Graffiti an der Badenerstrasse, Nähe Lochergut. Foto: Andrea Zahler

Sympathiebekundung für besetztes Kurdengebiet? Graffiti an der Badenerstrasse, Nähe Lochergut. Foto: Andrea Zahler

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Es war eine unheimliche Szene: Mehrere Dutzend dunkel gekleidete Männer blockierten an einem Samstagabend im Mai 2015 die Langstrasse für ein Foto, kurz darauf marschierten sie die Strasse hoch und schrien immer wieder «Sondame!» An der Ecke Militärstrasse stoppte sie die Polizei mit Gummischrot. Es gab eine Personenkontrolle, aber keine Verhaftung, nach wenigen ­Minuten war das Ganze vorbei.

Lesen Sie die ganze Geschichte des unheimlichen Fotos. Eine Reportage von Hannes Grassegger, erschienen in «Das Magazin» (Abo+).

Sondame, eine kurdische Gang aus Süddeutschland, hatte mehrfach mit Aufmärschen für Wirbel gesorgt. Kurz nach dem Vorfall in Zürich löste sich die Gruppe auf. Zumindest offiziell.

Jetzt sind in Zürich mehrere Sprayereien mit den Schrift­zügen Sondame, Red Legion und Bahoz aufgetaucht. Vom Helvetiaplatz über die Badenerstrasse bis zum Lochergut blieb kaum eine Hauswand von den ­Graffiti verschont.

Hinter den Schriftzügen steht eine kurdische Gang, die sich immer wieder umbenennt. Gegründet in Stuttgart, gerieten ihre Mitglieder dort wegen gewalttätiger Auseinandersetzungen mit türkischen Rockern in den Fokus der Polizei. Unter dem Namen Red Legion stachen Mitglieder in einem Städtchen nahe Stuttgart 2012 auf eine verfeindete ­Gruppe ein. Ein 22-Jähriger starb, neun weitere wurden schwer verletzt. Red Legion wurde daraufhin verboten.

«Wir haben keine Hinweise, dass genannte Gruppierungen wieder aktiv sind.»Judith Hödl, Sprecherin Stadtpolizei

In Deutschland und in der Schweiz bildeten sich Nachfolge­gruppierungen, sagt ein Sprecher beim Bundesamt für Polizei (Fedpol). Nach dem Aufmarsch als Sondame an der Langstrasse tauchte die Gruppe unter dem Namen Bahoz (kurdisch für Sturm) auf. In Deutschland kam es in dieser Zeit zu Scharmützeln mit den 2015 gegründeten nationaltürkischen Osmanen Germania. Der «Blick» nannte die Osmanen «Erdogan-Anhänger in Rockerkutten», ihnen werden Verbindungen zum Machtapparat in Ankara nachgesagt. Nach den Gefechten verkündete Bahoz 2017 die Auflösung. Um ein Verbot zu umgehen, wie das Landeskriminalamt Baden-Württemberg vermutet.

Seither ist es ruhig geworden. «Wir haben keine Hinweise, dass genannte Gruppierungen wieder aktiv sind», sagt Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich. Anzeigen wegen der Sprayereien seien keine eingegangen. Die Stadtpolizei könne aber nicht ausschliessen, dass ehemalige Mitglieder wieder mit der Polizei in Kontakt gekommen sind.

Mit Spezialeinheit gegen kriminelle Rocker

In Deutschland gingen die Behörden mit einer Spezialeinheit hart gegen die verfeindeten Gruppen vor. Nach «intensiven Ermittlungen» gelang es 2018, ein bundesweites Verbot gegen die Osmanen zu erwirken. «Dieses Verbot hat Signalwirkung und ist die konsequente Fortführung der Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Rocker», schreibt das Kriminalamt im Jahresbericht. Im Zug der Ermittlungen eröffnete es 149 Verfahren, es kam zu 35 Haftbefehlen. «Im grössten Teil der Verfahren kam es zu einer Verurteilung», sagt Sprecher Jörg Lauenroth.

Auch wenn in den Verfahren immer wieder Kontakte in die Schweiz festgestellt wurden, ­lägen dem Kriminalamt derzeit keine Informationen zu Aktivitäten in der Schweiz vor. Lauenroth warnt aber: «Würde es zu einem Konflikt kommen, ist von einem enormen Gewaltpotenzial auszugehen.»

Weitere Schmiererein der Gruppierung. Foto: Andrea Zahler

Die Graffiti interpretiert er so: Offensichtlich würden Sprayer auf diese Gruppierungen hinweisen wollen. «Graffiti sind als Warnung, Zeichen der Präsenz oder zur Verdeutlichung eines Gebietsanspruchs gedacht, sind für Rockergruppierungen aber untypisch.» Es könnte sein, dass die Gruppe so auf aussenpolitische Umstände oder ein vehementes Auftreten türkischer Gruppen in der Szene reagiere.

Ein Mitglied des Kulturvereins Dem-Kurd, das anonym bleiben möchte, geht davon aus, dass die Sprayereien von einer kleinen Gruppe junger Kurden angebracht wurden. Der Gruppe gehe es aber nicht um Politik, sondern um Präsenz. Der Verein akzeptiere das Vorgehen nicht, das Mitglied betont: «Wir haben keine Probleme mit den Türken, nur mit der Regierung in der Türkei.»

Özen Aytac vom kurdischen Frauenverein Beritan meint: «Wir haben keine Spannungen zwischen Türken und Kurden gespürt, geschweige denn erlebt.»

Kurden-Konflikt entlädt sich auf Gangs

Die Sprayereien sind oft von Tags der Hooligan-Ultra-Gruppe «43» begleitet. «Wir können nicht ausschliessen, dass einzelne Mitglieder der Ultra-Gruppierung kurdischer Herkunft sind», sagt Stapo-Sprecherin Hödl. Sie geht von einer Sympathiebekundung im Konflikt um das autonome kurdische Gebiet Rojava aus.

Seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Oktober letzten Jahres seine Truppen in Rojava einmarschieren liess, ist die Lage bei den Kurden angespannt. In Zürich demons­trierten im Dezember mehrere Tausend gegen die türkische Invasion, «Stoppt den Terror» lautete das Motto.

Der Kurde Malek Ossi ist Sozialarbeiter in Zürich, 2015 flüchtete er aus Syrien in die Schweiz. Die Situation in Rojava sei ­prekär, sagt er: «Die Menschen trauen sich nicht mehr aus dem Haus, alle Läden werden geschlossen.» Viele hätten ihre Wertsachen immer griffbereit: «Sie sind jederzeit auf eine mögliche Flucht vorbereitet.»

Schon in der Vergangenheit führten politische Spannungen in der Türkei zu Zusammenstössen in der Schweiz. So ­registrierte das Fedpol nach dem Putschversuch in der Türkei 2016, dem eine Verhaftungswelle gegen Kurden und ein Militäreinsatz in Nordsyrien folgten, erste Auseinandersetzungen und warnte vor einem «ernst zu nehmenden Konfliktpotenzial».

Erstellt: 22.01.2020, 06:27 Uhr

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