Von Vergewaltigung freigesprochen – doch trotzdem verurteilt

Ein Syrer soll an der Street Parade eine Frau vergewaltigt haben. Das Gericht sieht das nicht als erwiesen – fand aber belastendes Material auf seinem Handy.

Gegen eine Verurteilung des Mannes sprach offenbar das Verhalten der Frau vor und nach der angeblichen Tat. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Gegen eine Verurteilung des Mannes sprach offenbar das Verhalten der Frau vor und nach der angeblichen Tat. Foto: Christian Beutler (Keystone)

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Das Bezirksgericht Zürich hat am Donnerstagabend einen 20-jährigen Syrer wegen mehrfacher Handlungen mit einem Kind und mehrfacher Pornografie zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten sowie einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen verurteilt. Zudem wird er für sieben Jahre des Landes verwiesen. Vom Vorwurf, an der Street Parade 2018 eine 22-jährige Frau vergewaltigt zu haben, wurde er freigesprochen.

Die 22-jährige Schweizerin hatte im August letzten Jahres mit Kolleginnen die Street Pa­rade besucht. Am frühen Abend ­suchte sie eine Toilette. Als sie bemerkte, dass sie dafür zwei Franken benötigte, ihr Portemonnaie und Handy aber bei den Kolleginnen zurückgelassen ­hatte, fragte sie neben einer der Toiletten einen jungen Mann, ob er ihr nicht zwei Franken leihen könne.

Der junge Mann, der erst seit 2015 in der Schweiz lebt, aber Schweizerdeutsch spricht, als lebte er schon 20 Jahre hier, konnte mehr als das. Er bot ihr an, sie könne gratis die Toilette an seinem Arbeitsort benützen, der in unmittelbarer Nähe liege.

Eine Art Videobeweis

In den Kellerräumlichkeiten des Ladens soll es dann in der Folge zur Vergewaltigung gekommen sein. Unter Tränen schilderte die junge Frau am Donnerstag dem Gericht, was sich zugetragen hatte. Anschliessend kehrte sie kurz zu ihren Kolleginnen zurück, wandte sich dann aber sofort an die Polizei.

Vom Vorwurf der Vergewaltigung sprach die Mehrheit des Gerichts den Mann aber frei. Warum? Dagegen sprach offenbar ihr Verhalten vor und nach der angeblichen Tat. Die junge Frau stand damals unter dem Einfluss von Cannabis, Ecstasy, zwei Liter Bier und Psychopharmaka.

Sie ging mit dem Mann mit, obwohl sie bereits auf dem Weg zum Laden seine Annäherungsversuche und Versuche, sie zu küssen, abwehren musste. Laut ihren Angaben lehnte sie auch sein Angebot «Oralverkehr gegen Geld» ab. Der Laden selber war mit Video überwacht. Den Eindruck, den die Mehrheit des Gerichts davon bekam, passte nicht zu dem von der Frau behaupteten Schockzustand.

Dazu kam, dass im Vaginalbereich der Frau zwar die DNA des Syrers gefunden wurde. Dabei handelte es sich aber weder um Sperma noch um Samenflüssigkeit. Dies passte zur Behauptung des Mannes, er sei zum Geschlechtsverkehr gar nicht in der Lage gewesen, sondern mit einem Finger eingedrungen. Die Minderheit des Gerichts hätte den Syrer vom Vorwurf der Vergewaltigung ebenfalls freigesprochen, ihn aber zusätzlich wegen sexueller Nötigung verurteilt.

Zufallsfund auf dem Handy

Zum Verhängnis wurde dem jungen Syrer, dessen ganze Familie zum Teil seit über zehn Jahren in der Schweiz lebt, ein Zufallsfund. Bei der Kontrolle seines Handys stellte sich nämlich heraus, dass der damals noch 18-Jährige sieben Monate zuvor über eine Datingplattform mit einem 13-jährigen Mädchen angebandelt hatte. Bei einem Treffen im Zürcher Hauptbahnhof kam es zu sexuellen Handlungen.

Das Mädchen hatte ihm mitgeteilt, sie werde erst 14 Jahre alt. Der Syrer hielt das für einen Witz, weil sie sich auf der Plattform als 16-Jährige ausgegeben hatte. Aufgrund eines Fotos von ihr, insbesondere aber auch aufgrund ihres Aussehens und Verhaltens anlässlich des Treffens, habe er sie auf mindestens 16 Jahre geschätzt. Das Gericht wertete dies als Schutzbehauptung.

Der Syrer, der sich auch nach Meinung des Gerichts in kurzer Zeit sprachlich und beruflich sehr gut integriert hat, wird die Schweiz für sieben Jahre verlassen müssen. Selbst wenn er ein Härtefall wäre, überwiegt laut Gericht das öffentliche Interesse an einer Landesverweisung.

Der Fall dürfte wohl noch das Obergericht beschäftigen.

Erstellt: 25.10.2019, 08:58 Uhr

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