Verrohte Sitten

Die Gewaltausbrüche von Zürcher Fussball-Ultras häufen sich und verstören. Nun braucht es die Justiz, nicht die Streichung von Fanzügen.

Wer stellt sich schon gern enthemmten Schlägern in den Weg? Die Fankurven schaffen es nicht, selbst für Ordnung zu sorgen. Foto: Markus Heinzer (Newspictures.ch)

Wer stellt sich schon gern enthemmten Schlägern in den Weg? Die Fankurven schaffen es nicht, selbst für Ordnung zu sorgen. Foto: Markus Heinzer (Newspictures.ch)

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Als die Grasshoppers letzten Samstag in Lausanne spielten, wurden sie von ein paar Hundert Fans unterstützt. Die riefen «Hopp GC!» und zündeten Pyros. Die Mannschaft gewann 1:0, ging in die Kurve, um mit den Fans zu feiern, und reiste danach im Bus nach Hause. Die Fans fuhren zum Bahnhof, setzten sich in den Extrazug, und ein Teil von ihnen begann so zu wüten, dass das SBB-Personal und die Transportpolizei auf offener Strecke die Notbremse zogen und flüchteten.

Zehn oder fünfzehn Personen sollen es gewesen sein, die ausrasteten, die verbal und physisch auf das Personal losgingen, nur zehn oder fünfzehn. Doch sie waren offenbar so enthemmt, dass sie nicht zu stoppen waren. Zehn oder fünfzehn reichen, um einen Club in Verruf zu bringen, um den Fussball in Verruf zu bringen.

Es sind keine Fans, die hier am Werk sind, es sind Schläger, Kriminelle. Sie sind jung und hemmungslos, aufgeputscht von Drogen, von Alkohol, von zu viel Testosteron. Sie seien, sagt ein Experte in Sicherheits- und Gewaltfragen, oft unerreichbar für alle vernünftigen Massnahmen, ungebremst auch von der Tatsache, dass sie teilweise schon Jugendstrafen abgesessen hätten.

Plötzlich Ultras im Hotel

Gewaltausbrüche im Fussball hat es immer gegeben, überall. In Deutschland, Kroatien, Russland, Polen, England, Italien, Frankreich, in Südamerika, in Südafrika. Es hat Tote gegeben – wie 1985 vor dem Meistercupfinal zwischen Liverpool und Juventus. Die Mannschaft von RB Leipzig ist von Ultras des Gegners im Hotel besucht worden, sie sollte eingeschüchtert werden. In der Schweiz ist der Sicherheitsverantwortliche eines Traditionsclubs mitten in der Stadt verprügelt worden. Und der damalige Sicherheitsverantwortliche des Schweizer Fussballverbandes sagte: «Die gezielte, brutale Gewalt ausserhalb der Stadien hat massiv zugenommen. Das sind keine Lausbubenstreiche mehr, sondern Gewaltverbrechen.» Das war 2009.

Ende diesen Februar kam es vor dem Cuphalbfinal FCZ gegen GC am Fuss des Zürcher Prime Tower zu üblen Szenen. Die Ultras des FCZ jagten jene von GC, sie schlugen und traten sie gegen den Kopf, auch wenn sie schon am Boden lagen. Die Polizei filmte das, minutenlang. Bis sie endlich eingriff, waren die Täter verschwunden und die Opfer auch.

Vier Wochen später veröffentlichte die Polizei ein Video des Exzesses. Der zuständige Staatsanwalt Edwin Lüscher hatte das veranlasst, damit man sich Gedanken über «Fangewalt» mache. Er hatte keine Ahnung, was die Ursachen für diese Ausbrüche gewesen sein könnten.

Die Clubs haben immerhin so viel getan, um zumindest die körperliche Gewalt aus dem Stadion zu bringen. 

Als die ersten Schuldigen gelten in einem solchen Fall die betroffenen Clubs, GC und der FCZ. Sie würden zu wenig gegen die Auswüchse unternehmen, heisst es. Das ist der einfache Reflex. Die Clubs haben in Zusammenarbeit mit den Fussballinstanzen und Sicherheitsfachleuten immerhin so viel getan, um zumindest die körperliche Gewalt aus dem Stadion zu bringen.

Die Jagden finden ausserhalb des Letzigrundes statt, an der Heinrichstrasse, am Stadelhofen oder in Leimbach, wo 30 FCZ-Schläger fussballspielende GC-Fans angreifen. Die GC-Ultras sehen sich wegen solcher Vorfälle in der Opferrolle. Sobald sie aber heimischen Boden verlassen, vergisst sich ein Teil von ihnen ebenfalls.

Mitte März feuerten GC-Ultras in St. Gallen drei krachende Böller ab und sorgten für eine minutenlange Verzögerung des Spielanfangs. Einen Monat später, auf dem Weg zurück vom Spiel in Basel, attackierten «einige vermummte militante Personen» (so das GC-Communiqué) die Mitarbeiter der SBB verbal und physisch. Sie konnten auch von eigenen Fans nicht gestoppt werden. Das Bahnpersonal musste sich verbarrikadieren. Auslöser dafür war eine Aktion der Kantonspolizei Basel, die während des Spiels den Fanzug durchsuchte. Sie fand Drogen und Schlagringe. Ein Spotter, ein von der Polizei abgestellter Beobachter der Szene, hatte sie vor dem Zugriff gewarnt, weil er Folgen befürchtete. Die Antwort gab es nun im Zug aus Lausanne.

Kein Problem des Fussballs allein

Zur Lösung des Ultra-Problems wird gerne nach Selbstregulierung der Fankurve gerufen. Das tönt gut, doch wer stellt sich schon Schlägern in den Weg? Selbst die Capos, die Chefs einer Fankurve, haben sie nicht mehr im Griff. Das ändert nichts daran, dass Clubs, Verband und Polizei weiter den Dialog mit den vernünftigen Köpfen der Kurve pflegen müssen. Aber wie soll verhindert werden, dass sich Fangruppierungen irgendwo auf dem Land verabreden, um sich zu prügeln? Oder dass einer auf dem Bahnhof Winterthur einen Schachtdeckel auf den FCZ-Fan wirft? Das war im Mai letzten Jahres. Der Täter wurde erwischt, wegen versuchter vorsätzlicher Tötung angeklagt und wieder freigelassen. Der Prozess gegen ihn hat bis heute nicht stattgefunden.

Die Gewalt ist kein Problem des Fussballs allein, es ist eines der Gesellschaft. Das mögen jene nicht gerne hören, die einfache Denkmuster verfolgen. Aber sie sollen sich einmal vorstellen, was los ist, wenn ein halbes Jahr lang kein Fussball mehr gespielt wird, wenn kein einziges von 10'000 Spielen ausgetragen wird, die der Verband an einem Wochenende organisiert. Wo gehen die Leute dann mit ihren Emotionen hin? Wo lassen sie dann ihren Dampf ab? Wo können sie dann noch folgenlos pöbeln, nicht nur in der Kurve, sondern auch in VIP-Sitzen?

Alex Miescher, der Generalsekretär des Fussballverbandes, sagte einmal: «Es ist gefährlich, so zu tun, als gäbe es eine wohlriechende, brave Gesellschaft, die nur schaut, dass es der Menschheit besser geht. Es leben nicht alle in einer Klangmuschel und beten für den Weltfrieden.» Das heisst aber nicht, dass die Gesellschaft mit der Gewalt der Ultras leben muss. Wer so brutal ausrastet, muss die Härte der Justiz zu spüren bekommen. Nur das hat Wirkung.

GC spielt morgen in Thun. Seine Fans reisen nicht im Extrazug an, die SBB haben ihn nach Absprache mit Fankontaktpersonen als Reaktion auf letzten Samstag gestrichen. Als könnte das eine Strafe für die Ultras sein. Sie machen sich eben in regulären Zügen auf den Weg.

Erstellt: 05.05.2018, 18:05 Uhr

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