Verspätungsärger mit dem Zürcher «8er-Tram»

Unsere Auswertung zeigt, an welchen Haltestellen Sie am längsten warten müssen – und weshalb.

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Mit viel Vorschusslob rollte das 8er-Tram zum ersten Mal über die Hardbrücke. Einen «Meilenstein» nannten die Medien das 700 Meter lange neue Gleisstück, dank diesem werde Zürich nicht mehr die gleiche Stadt sein.

Der Anfangsschwung hielt nicht lange an. Heute, knapp ein Jahr nach der Eröffnung, wird klar: Der verlängerte 8er verspätet sich oft. Wie eine Auswertung des «Tages-Anzeigers» zeigt, hat sich die Pünktlichkeit der Linie an fast allen Haltestellen verschlechtert, seit sie nicht mehr am Hardplatz wendet, sondern bis zum Hardturm führt.

Vor einem Jahr fuhr der 8er zum Beispiel am Helvetiaplatz nur knapp jedes hundertste Mal verspätet Richtung Klusplatz los (verspätet heisst bei den VBZ: mindestens zwei Minuten hinter dem Fahrplan zurück). Nun ist dieser Anteil deutlich gestiegen, mehr als jedes zehnte Tram rollt mit über zweiminütigem Rückstand Richtung Hottingen los. An der neuen Haltestelle am Bahnhof Hardbrücke trifft die Verzögerung sogar jedes fünfte Tram. Vor allem gegen Abend, während der Spitzenzeiten zwischen 16 und 18.30 Uhr, akzentuiert sich das Problem. Fast jedes dritte 8er-Tram kommt dann gemäss VBZ zu spät.

Kuriose Massnahme zur Entlastung der Chauffeure

Wegen des dichten Fahrplans sind zwei- oder dreiminütige Verspätungen für Passagiere oft kein grosses Problem. Das Personal hingegen spürt sie deutlich. Die Erholungszeit an den Wendepunkten verkürzt sich, manchmal bleibt kaum eine Minute. Das erhöht den Stress. Die VBZ haben ein unkonventionelles Gegenmittel erfunden: den «Boxenstopp». 8er-Trampilotinnen und -piloten können per Funk anmelden, dass sie eine Pause brauchen. An der Haltestelle Escher-Wyss-Platz wartet dann ein Ersatzchauffeur, wobei es sich gemäss VBZ-Sprecherin Daniela Tobler um eine Person aus dem Kader handelt. Der Ersatz steuert zur Wendeschlaufe beim Hardturm und wieder zurück. Währenddessen kann der Hauptpilot auf die Toilette gehen, eine Zigarette rauchen oder sich erfrischen.

Das Angebot habe sich gut etabliert, sagt Tobler. «In den Spitzenzeiten am Abend nehmen es pro Tag durchschnittlich zwei Trampilotinnen oder Trampiloten in Anspruch.» Bis mindestens Ende Jahr führen die Verkehrsbetriebe den Boxenstopp weiter. Es handle sich allerdings um eine temporäre Entlastung. Ziel sei es, die 8er-Linie nachhaltig pünktlicher zu machen, sagt die VBZ-Sprecherin.

Die chronische Verspätung des 8ers hängt nicht direkt mit der Verlängerung der Linie via Hardbrücke zum Hardturm zusammen. Laut VBZ gibt es drei andere Gründe dafür. Erstens «Unwägbarkeiten» am Bellevue, also der viele Verkehr am Knotenpunkt. Zweitens eine «unerwartete Störstelle» am Klusplatz. Dabei handelt sich um ein schlecht getaktetes Lichtsignal. Und drittens kommt die Grossbaustelle an der Hohlstrasse-Brücke über den Seebahngraben hinzu. Diese Bauarbeiten dauern noch bis nächstes Jahr. Bei der Lichtanlage am Klusplatz arbeiten Spezialisten der Dienstabteilung Verkehr und der VBZ bereits daran, die Fehler zu beheben. Nur die «Unwägbarkeiten» am Knotenpunkt Bellevue, die werden wohl anhalten.

Noch zwei weitere Jahre Tramnotstand

Es gäbe ein weiteres, relativ einfaches Mittel, um Verspätungen auf der 8er-Linie abzubauen: mehr Trams. Dank ihnen könnte an den Wendeschleifen öfter pünktlich gestartet werden. Doch dieses Mittel steht derzeit nicht zur Verfügung. Den VBZ fehlt es an Fahrzeugen; die bestellten 70 neuen Flexity-Trams der Firma Bombardier schaffen es nicht rechtzeitig nach Zürich.

Video – So sieht das neue Tram aus

Die VBZ haben das Flexity-Tram in der Zürcher Version vorgestellt. (Video: SDA)

Das liegt vor allem daran, dass die Bombardier-Konkurrenten Siemens und Stadler Rail gegen die Vergabe des 358-Millionen-Franken-Auftrags klagten. Das Zürcher Verwaltungsgericht wies sämtliche Einwände ab. Doch der Rechtsstreit hat die Beschaffung um gut drei Jahre verzögert. Ursprünglich hätten die ersten Flexity-Trams schon Ende 2016 durch die Stadt fahren sollen.

Die VBZ haben verschiedene Ansätze geprüft, um die Knappheit beim Rollmaterial zu bewältigen: den Kauf einiger Occasionstrams zum Beispiel oder die vorübergehende Umstellung einer Tramlinie auf Busbetrieb. Beides haben sie verworfen. Stattdessen setzen sie auf weniger sichtbare Massnahmen.

Schon vor einem Jahr machten die VBZ auf drohende Engpässe aufmerksam.

Dazu gehört eine Verringerung der Anzahl Fahrzeuge, die sich in Reserve befinden. Ausbildungs- und Dienstfahrten finden nur noch ausserhalb der Spitzenzeiten statt. Und Kursfahrzeuge wie das Cobra-Tram vermieten die Verkehrsbetriebe nicht mehr für Extrafahrten.

Schon vor einem Jahr machten die VBZ auf drohende Engpässe aufmerksam. Bisher bekommen sie regelmässige Fahrgäste des 8er-Trams zu spüren – sowie das Personal. Auch Mitarbeitende der Technik seien betroffen, sagt Sprecherin Daniela Tobler. «Bei der Einteilung der Fahrzeuge müssen sie noch flexibler reagieren, um Kursausfälle zu vermeiden.»

Und nächstes Jahr wird sich der Tramnotstand weiter verschärfen. Anfang September wird die Verlängerung der Linie 2 nach Schlieren eröffnet. Dafür braucht es zwei weitere Tramzüge. Doch diese gibt es eben noch nicht. Das erste Flexity-Tram können die VBZ erst im Frühsommer 2020 einsetzen. «Wir werden eine weitere Lagebeurteilung durchführen und unsere Massnahmen allenfalls anpassen», sagt Sprecherin Tobler. Trotz des Mangels erwarte man auf der Linie 2 keine Verspätungen, diese sei mit einer Pünktlichkeit von rund 90 Prozent sehr stabil.

Ende 2020 soll die Zeit der Knappheit beendet sein. «Bis dann können wir gemäss Zeitplan zehn neue Trams in Betrieb nehmen», sagt Tobler. Danach erhält Zürich jeweils 15 neue Fahrzeuge pro Jahr, 2024 sollte Bombardier alle bestellten Kompositionen ausgeliefert haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2018, 07:37 Uhr

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