Verzweifelte Patientin von Gynäkologe sitzen gelassen

Eine Tumorpatientin setzte ihre ganze Hoffnung in Marc Possover, weil er angeblich der beste Chirurg für ihr Problem sei. Doch der Arzt liess die Operation zweimal kurzfristig platzen.

Klinik Hirslanden, Zürich: Ein Viertel der Belegärzte behandelt keine Allgemeinpatienten. Foto: Raisa Durandi

Klinik Hirslanden, Zürich: Ein Viertel der Belegärzte behandelt keine Allgemeinpatienten. Foto: Raisa Durandi

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Tiefes aggressives Angiomyxom: Diese Diagnose erhielt die 45-jährige Doris Keller (Name geändert) im Januar 2016. Es handelt sich zwar um einen gutartigen Tumor, aber er befindet sich in einem heiklen Bereich, im kleinen Becken. Dort liegen die Geschlechtsorgane, die Blase, der Enddarm und sehr viele Nerven auf kleinstem Raum beisammen. Der Tumor kann diese schädigen – und der Chirurg ebenfalls, wenn er den ­Tumor entfernt. Spezialisten sind rar, da die Krankheit sehr selten ist.

Die Ärzte im Unispital Zürich berieten den Fall eingehend und schlugen ­Doris Keller schliesslich eine zehn- bis zwölfstündige Operation vor. «Sie wollten meinen Unterleib grossflächig ausräumen und danach Darm- und Scheidenwand neu aufbauen.» Der Gynäkologe habe ihr das am Telefon mitgeteilt, so Keller. «Ich hatte einen Schock. Dann dachte ich, da müsse es doch eine Alternative geben.» Eine Bekannte, ebenfalls Ärztin, empfahl ihr Marc Possover, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und Belegarzt an der Klinik Hirslanden, Zürich. Possover sei ein sehr guter laparoskopischer Chirurg.

«Es war ein gutes Gespräch, er nahm sich eine ganze Stunde Zeit.»Patientin

Doris Keller ersuchte um einen Termin und musste nicht lange warten. Ende Januar empfing Marc Possover sie in seiner Praxis neben der Klinik Hirslanden. «Es war ein gutes Gespräch, er nahm sich eine ganze Stunde Zeit», erinnert sich die Patientin. Er habe gesagt, dass sie keine andere Wahl habe, als sich von ihm operieren zu lassen. Er sei der Einzige, der das könne, weil der Tumor ganz blöd liege und viele Nerven tangiere, darunter alle Sexualnerven. Er müsse aber sicher keine Organe entfernen, und die Operation dauere höchstens vier Stunden. Er habe sie bereits einige Male erfolgreich durchgeführt.

15'000 Franken im Voraus

Während der Besprechung liess Possover Keller eine Erklärung zur Behandlung als Privatpatientin unterzeichnen, die ihn dazu berechtigte, seine Rechnung unabhängig von den für Allgemeinversicherte geltenden Tarifen zu stellen. Keller schenkte dem keine besondere Beachtung, sie war einfach nur erleichtert:

«Ich ging hinaus und dachte, Gott sei Dank habe ich den gefunden.»Patientin

Schon eine Woche später wollte ­Possover sie operieren. Doch Keller brauchte etwas Zeit, um sich zu organisieren, und so wurde der 18. Februar als Operationstermin vereinbart. Weil der Tumor rascher als erwartet wuchs, war der Eingriff dringend. Am 12. Februar erfuhr Keller, dass ihre Krankenkasse nur eine Kostengutsprache für die Grundversicherung gab und sie nicht in die Halbprivatversicherung aufnehmen wollte. Den Antrag zur Aufklassierung hatte Keller im Dezember gestellt, als sie erste Hinweise auf eine Erkrankung, jedoch noch keine Diagnose hatte. Dem Chirurgen teilte sie im ersten Gespräch mit, sie sei nicht sicher, ob die Versicherung halbprivat zahlen werde.

Als klar war, dass die Kasse die Aufklassierung ablehnte, platzte der Operationstermin. «Possovers Assistentin sagte mir am Telefon, unter diesen Umständen könne der Professor es nicht machen», erzählt Keller. Er habe ihr dann mitteilen lassen, sie bekomme nur einen neuen Termin, wenn sie die Gesamtsumme zuvor an ihn überweise. Konkret: 15'000 Franken.

Begleitung weggewiesen

Doris Keller war niedergeschlagen und ratlos. Sie holte Meinungen ein, recherchierte Alternativen, nahm sich eine Anwältin. Und kam zum Schluss, dass Possover einfach der beste Arzt für ihr Leiden sei. Ihr Vater lieh ihr das nötige Geld: insgesamt gegen 30'000 Franken. Zum Arzthonorar hinzu kamen 11'500 Franken, welche die Klinik als Vorauszahlung für die Halbprivat-Unterbringung verlangte. Sich privat operieren zu lassen, aber auf der Allgemeinabteilung zu liegen, sei nicht möglich, beschied man Keller, als sie reklamierte.

Ende März überwies Keller das Geld und erhielt einen neuen Operationstermin, den 29. April. Eine Woche vor dem geplanten Eingriff fand auf ihren Wunsch eine Vorbesprechung statt. Und da eskalierte die Situation. Laut Keller verweigerte der Chirurg ihrer Begleitperson, die sie als Unterstützung mitgenommen hatte, den Zutritt. Danach habe er ihr vorgeworfen, viel zu lange gewartet zu haben, er könne die Operation nun nicht mehr laparoskopisch machen. Und überhaupt sei das Vertrauen gestört, da sie sich «auf der juristischen Schiene» befinde. Er werde sie deshalb nicht operieren. Die Patientin war fassungslos ob der erneuten kurzfristigen Absage.

«Vor der Praxis brach ich heulend zusammen.»Patientin

Sie holte Rat. Bei ihrer Hausärztin, bei ihrer Anwältin und auch beim Patientenschutz. Dessen Präsidentin Margrit Kessler kannte den Namen Marc Possover bereits: Keller war nicht die erste Patientin, die von dem Arzt enttäuscht worden war und sich deshalb an die Patientenorganisation wandte. Kessler setzte sich bei Hirslanden für Doris Keller ein. In der Folge organisierte die Klinikdirektion die Operation durch einen anderen Chirurgen, einen Facharzt für Bauchchirurgie. Die Vorauszahlungen wurden zurückerstattet.

Statt im Februar fand der Eingriff schliesslich Mitte Mai statt. Er ist den Umständen entsprechend gut gelungen. Doris Keller hat allerdings Folgeschädigungen davongetragen. Ob es Marc Possover besser gemacht hätte, bleibt dahingestellt. Tatsache ist, dass Kellers Leidenszeit um mehrere Monate verlängert wurde. Für sie ist der Fall bis heute nicht erledigt. Es geht ihr um Grundsätzliches: «Wenn Frauen Hilfe benötigen von einem ausgewiesenen Fachmann, sollen sie diese unabhängig vom Versicherungsstatus bekommen. Es ging hier ja nicht um eine Schönheitsoperation, sondern um eine lebensbedrohliche Erkrankung. Was mir passiert ist, soll keiner anderen Frau passieren.»

«Voraussetzung für eine Operation ist ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis.»Marc Possover

Marc Possover will sich zum Fall nicht direkt äussern, das verbiete ihm das Patientengeheimnis. Grundsätzlich gelte für ihn: «Voraussetzung für eine Operation ist ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis. Ich muss mit Herz und Seele dabei sein. Und ich muss sicher sein, dass ich es kann.»

Klinik hat Aufnahmepflicht

Der Umgang des Arztes mit seinen Patientinnen ist das eine. Diesbezüglich hat die Klinik Hirslanden nun die Konsequenzen gezogen, Possover ist dort nicht mehr Belegarzt. Für die Klinik ist der Fall Keller aber noch aus einem weiteren Grund problematisch: Sie hat einen Leistungsauftrag des Kantons und damit eine Aufnahmepflicht für Grundversicherte in definierten Bereichen, darunter die Gynäkologie. Nachdem der Regierungsrat die traditionsreiche Zürcher Privatklinik 2012 neu auf die Spitalliste aufgenommen hatte, gab es wiederholt Gerüchte, die Klinik wimmle manche Allgemeinpatienten ab. Beweise dafür gibt es aber keine.

Kellers Hausärztin Elisabeth Bandi-Ott, die lange im Vorstand der Zürcher Ärztegesellschaft war, kennt das Thema; sie intervenierte bei der Klinikdirektion. «Ich kann nicht nachvollziehen», schrieb sie dieser, «wieso das Hirslanden allgemein versicherte Patienten aufnehmen muss, um auf der Spitalliste des Kantons zu bleiben, anderseits es aber nicht möglich ist, als allgemein versicherte Patientin eine seltene aggressive Erkrankung durch den besten Spezialisten in Europa behandeln zu lassen.»

Kellers Anwältin hat bei der Gesundheitsdirektion eine Aufsichtsbeschwerde eingereicht. Die Behörde hat die Vorwürfe abgeklärt. Ohne Folgen, wie sie auf Anfrage mitteilt: «Es ergaben sich keine Hinweise auf Verstösse gegen das Gesetz, welche aufsichtsrechtliche Massnahmen gegen das Spital respektive den involvierten Arzt angezeigt erscheinen liessen.» Der springende Punkt ist, dass die Patientin im Hirslanden operiert werden konnte – wenn auch nicht von Possover. Die Klinik hat damit ihren Leistungsauftrag erfüllt. Hirslanden verweist zudem auf frühere umfangreiche Audits durch die Gesundheitsdirektion, die keine Verletzung der Aufnahmepflicht ergeben haben.

«Als Belegarzt war ich nicht Teil der Klinik. Diese muss Allgemeinpatienten annehmen, ich aber nicht unbedingt.» Marc Possover

Rund ein Viertel der Hirslanden-Belegärzte – meist ältere Doktoren – behandeln laut Angaben der Klinik ausschliesslich zusatzversicherte Patienten. Seit 2012 akkreditiert die Klinik nur noch Ärzte, die sowohl Grund- als auch Zusatzversicherte behandeln.

Marc Possover sagt, er habe ab und zu auch Allgemeinversicherte operiert. Das habe er freiwillig getan: «Als Belegarzt war ich nicht Teil der Klinik. Diese muss Allgemeinpatienten annehmen, ich aber nicht unbedingt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 06:21 Uhr

Marc Possover, Gynäkologe.

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