Zürcher Viaduktbögen verlieren prominenten Mieter

Erneut kehrt ein Laden der Shopping-Strecke den Rücken. Dessen Gründer spart nicht mit Kritik an der Vermieterin.

Klangwandel-Geschäftsführer Michael Kägi kann und will die hohe Miete im Viaduktbogen 13 nicht mehr bezahlen. Foto: Reto Oeschger

Klangwandel-Geschäftsführer Michael Kägi kann und will die hohe Miete im Viaduktbogen 13 nicht mehr bezahlen. Foto: Reto Oeschger

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Ein Mieter der ersten Stunde der Viaduktbögen hat genug: Die Schaufenster der Klangwandel AG sind seit einigen Wochen fast leer geräumt. Das Fachgeschäft für Musiksysteme ist aus dem Bogen 13 des Bahnviadukts im Kreis 5 ausgezogen. Klangwandel-Gründer und Inhaber Michael Kägi: «Eine Verlängerung des Mietvertrags hat für mich keinen Sinn mehr gemacht.» Seit Ende April steht das Verkaufslokal deshalb leer, der Vertrag läuft noch bis Ende dieses Monats. Kägi ist zurzeit mit letzten Aufräumarbeiten beschäftigt.

Gegenüber dem TA spart er nicht mit Kritik an der Vermieterin der Viaduktbögen, der Stiftung für preisgünstige Wohn- und Gewerberäume (PWG). «Wenn man für sich einen Geschäftsplan erstellt, rechnet man nicht damit, dass innerhalb von sieben Jahren die Mietkosten um über 20 Prozent ansteigen werden», sagt Kägi. Insbesondere wenn man einen Vertrag mit der PWG unterschreibe, die sich der Erhaltung von preisgünstigen Wohn- und Gewerberäumen verschrieben hat. Der Ladenbesitzer ist enttäuscht und sagt: «Die PWG ist offenbar mehr an der Profitabilität interessiert und weniger an interessanten Mietern.»

Der Referenzzinssatz sei seit 2010 deutlich gesunken, dementsprechend hätte der Mietzins gesenkt und nicht erhöht werden sollen, führt Kägi aus. Er ist durchaus selbstkritisch. Seine Branche mache derzeit keine einfachen Zeiten durch. Das Geschäft mit Musiksystemen sei durch die Konkurrenz des Onlinehandels schwieriger geworden.

Uneinheitliche Öffnungszeiten

Zum Entschluss, die Viaduktbögen nach acht Jahren zu verlassen, haben noch andere Gründe beigetragen. «Hätte ich den Vertrag mit der PWG verlängert, müsste ich künftig den doppelten Marketingbeitrag zahlen», sagt Kägi. Das bringe ihm nichts, denn der grösste Teil der Marketingbeiträge fliesse in die Viaduktnacht, die einmal pro Jahr statt­findet. Bei den ersten zwei Nächten habe er noch mitgemacht, aber für die Schäden, die angeheiterte Besucher danach in seinem Laden hinterliessen, wollte von der PWG niemand aufkommen.

«Das Risiko für Beschädigungen an meinen teuren Produkten war mir zu hoch. Die Nächte haben mir noch Kosten verursacht.»Michael Kägi, Inhaber Klangwandel

Scharfe Kritik übt er auch an den Öffnungszeiten. Der Viadukt werbe mit dem Spruch, «Zürichs spannendste Einkaufsstrasse» zu sein, dabei existierten nicht einmal einheitliche Öffnungszeiten, bemängelt Kägi. Viele Läden hätten am Montag den ganzen Tag geschlossen. Andere wiederum würden erst um 12 Uhr öffnen und bereits um 15 Uhr wieder schliessen. «Dann wiederum gibt es solche, die haben offenbar keine offiziellen Öffnungszeiten, zumindest sind keine angeschrieben», sagt Kägi.

Auch was das Marketing betrifft, stellt Kägi der PWG kein gutes Zeugnis aus. Als Beispiel erwähnt er die Viadukt-Website, die noch im Januar mit Adventsverkäufen geworben habe. «Das ist in meinen Augen unprofessionell. Für solche Leistungen hätte ich der PWG künftig das Doppelte an Marketinggeldern zahlen müssen. So vergrault man Mieter.» Der Geschäftsmann hat das Gefühl, dass der Viadukt von weniger Kunden besucht wird als noch vor einigen Jahren. «Die Passantenfrequenz hat deutlich abgenommen.» Er vermutet, dass einerseits der Umbau der Hardbrücke eine Rolle spiele oder auch neue Konkurrenz, beispielsweise die Europaallee.

«Mietzins immer noch tief»

Bei der Stiftung PWG bedauert man den Wegzug des Klangwandel, der ein Anziehungspunkt im Viadukt gewesen sei. PWG-Bewirtschafter Daniel Bollhalder wehrt sich gegen die Kritik, die Stiftung verlange von den Viadukt-Mietern zu hohe Mietzinse. «Der Mietzins für die Klangwandel AG wurde, wie für alle anderen Bogenmieter auch, mit der Vertragsverlängerung per 1. Juli 2013 von ursprünglich 3300 Franken auf 3795 Franken erhöht.» Hierbei handle es sich um eine Erhöhung von 15 Prozent. Seither sei der Mietzins unverändert geblieben. «Auch der neue Mietzins von 288 Franken pro Quadratmeter ist immer noch sehr tief und im Schnitt 20 Prozent unter dem Marktniveau», sagt Bollhalder. Bei der Erstvermietung wurde das Mietzinsniveau zur Zeit des Projekts «Kostenstand 2007» angewandt. Bollhalder: «Bei der Vertragsverlängerung haben wir den effektiven Kostenstand «Fertigstellung 2010» angewandt, der aufgrund von Mehrkosten höher war.»

Die Mietzinserhöhung sei von allen Mietern akzeptiert worden – ausser von Klangwandel, sagt Bollhalder. Die Website habe wegen personeller Abwesenheiten erst auf die erste Woche Januar aktualisiert werden können.

Für Kägi sieht die Rechnung unter dem Strich anders aus: Zu den erwähnten 3795 Franken würden monatlich noch Heiz- und Akontokosten, Mehrwertsteuer und Marketingbeiträge dazukommen. «Addiert man Gas und Elektrisch sowie Versicherungen dazu, dann beträgt die Miete für ein solches Geschäft 5500 Franken pro Monat.»


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Die Viadukt-Passage existiert seit acht Jahren. In dieser Zeitspanne kam es laut PWG zu 15 Wechseln, das sind knapp 2 pro Jahr bei total 50 Mietern. Von einer abnehmenden Passantenfrequenz will Bewirtschafter Bollhalder nichts wissen. Grundsätzlich entwickle sich der Viadukt sehr gut, sagt er, man sei acht Jahre nach der Eröffnung, was Mietermix und Kundenbedürfnisse betreffe, auf dem richtigen Weg. Er räumt ein, dass die Erreichbarkeit wegen des Hardbrücken-Umbaus für auswärtige Besucher sicher erschwert gewesen sei. Dies sei aber durch jene Besucher, die nicht mit dem Auto kommen, mehr als kompensiert worden.

Die Klangwandel AG gibt es im Viadukt nicht mehr, aber sie ist nicht aus Zürichs Geschäftswelt verschwunden. Der Markenname und die Angestellten wurden von der Fux AG beim Stauffacher übernommen.

Im Bogen 13 öffnet im kommenden August ein Friseurladen die Türen. Es ist der erste Coiffeur im Viadukt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 06:26 Uhr

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