Viel investiert, alles verloren

Der Neubau des Zürcher Brunauparks ist ein lukratives Geschäft für die Pensionskasse Credit Suisse. Mieter und Gewerbler fühlen sich getäuscht, für einige zerbricht eine Welt.

Hat seinen Coiffeursalon mit viel Geld aufgebaut: Der Kosovare Orhan Sylqevci. Foto: Andrea Zahler

Hat seinen Coiffeursalon mit viel Geld aufgebaut: Der Kosovare Orhan Sylqevci. Foto: Andrea Zahler

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Aviva Lindecker tritt auf den Balkon und betrachtet den grünen Innenhof, einen kürzlich erbauten Spielplatz, die umliegenden Gebäude, deren Mieter sie alle beim Namen kennt: «Das alles», sagt Lindecker, «wollen sie uns wegnehmen.» Die Stimme der 73-Jährigen überschlägt sich, eine Träne kullert ihr über die Wange. Die Baugespanne sind bereits aufgestellt und ragen wie Speere in die Höhe. Sie stehen für das, was niemand im Brunaupark wahrhaben will: Vier der fünf Gebäude werden abgerissen. Letzte Totalsanierung: vor acht Jahren. Es geht um 239 Wohnungen, rund 400 Mieterinnen und Mieter sind betroffen. Die meisten haben Ende März die Kündigung erhalten – so auch Aviva Lindecker und ihr Ehemann Nicolas.

Bis Mitte 2020 sollen sie die Koffer gepackt haben. Die Pensionskasse der Credit Suisse strebt als Besitzerin den Mehrwert an: Für eine 3,5-Zimmer-Wohnung soll die Miete zwischen 2250 und 2600 Franken betragen. Als Vergleich: Die aktuelle Miete der Lindeckers beträgt 1500 Franken. Das entspräche einer Mietzinserhöhung von mindestens 50 Prozent.

Einzug in «Abrisswohnung»

Die Lindeckers sind Bewohner der ersten Stunde. Seit 1980 wohnen sie im Brunaupark, seit letztem Oktober in der aktuellen Wohnung. Eine Traumimmobilie für viele Zürcherinnen und Zürcher: drei Zimmer, zwei WC mit Bad, viel Licht, viel Platz, Baujahr 1996. Zuvor wohnte das Ehepaar in einem benachbarten Wohnblock, dem ältesten im Brunaupark – der als einziger erhalten bleiben soll.

Seit 1980 in der Siedlung: Nicolas und Aviva Lindecker. Foto: Andrea Zahler

Als die Kinder auszogen, war den beiden die alte Wohnung zu gross geworden. Fünf Jahre lang hielten sie Ausschau nach einer kleineren Bleibe im Quartier. Gross die Freude, als sie letztes Jahr endlich fündig wurden: «Wir wussten damals ja nicht, dass wir in eine Abrisswohnung ziehen», sagt Nicolas Lindecker. Die Credit Suisse plante die Neuüberbauung schon seit 2015, der Abriss der meisten Gebäude war im letzten Jahr schon beschlossene Sache. Doch die Mieter wurden nicht informiert.

Einige Mieterinnen beklagen, dass sie von ihrer Verwaltungsfirma Wincasa absichtlich in die Irre geführt worden seien. Im Sommer 2018 wurden in den Medien erstmals Gerüchte in Umlauf gesetzt, wonach der Brunaupark abgerissen wird.

Mit einem Schreiben, das dem TA vorliegt, versuchte die Wincasa die Mieterschaft zu beruhigen – «damit keine falschen Vorstellungen und Gerüchte entstehen», schrieb sie. Es würden verschiedene Optionen für eine Neugestaltung geprüft. «Selbst lediglich die Renovation der Verkaufsfläche ist vorstellbar.» Es werde alles für eine gute Lösung getan – auch im Sinne der Mieter. «Sobald genügend Fakten vorliegen, um einen Entscheid treffen zu können, werden wir die Mieterschaft rechtzeitig und ausführlich darüber informieren.» Das nächste Schreiben, das die Mieterinnen und Mieter erhielten, war die Kündigung.

Vergebliche Investitionen

Der Architekturwettbewerb von 2017 legte die Stossrichtung der Planung endgültig fest: Alle vier Bewerberbüros sahen eine komplette Neugestaltung des Brunauparks vor. Das betrifft auch das Gewerbe. Für die grosse Mi­gros-Filiale wird während der Umbauzeit ein Provisorium erstellt.

Die Baugespanne sind bereits aufgestellt. Foto: Andrea Zahler

Kleinere Anbieter bangen um ihre Existenz. Etwa der Friseur Orhan Sylqevci, der viel Geld und Herzblut in seinen Salon Fashion Hair investierte. Der Familien­vater übernahm das Geschäft vor knapp zehn Jahren und reno­vierte es komplett. Seine ganzen Ersparnisse steckte Sylqevci in sein Projekt. Vor drei Jahren investierte er noch einmal 35'000 Franken. Die Wincasa habe ihn damals zu diesem Schritt ermuntert. Jetzt, wo das Geschäft endlich laufe, habe er die Kündigung erhalten – ohne Vorinformation, sagt Sylqevci. «Ich muss nächstes Jahr hier raus – und stehe vor dem Nichts.»

Renate Derungs, Geschäftsführerin einer Kita, kritisiert die Informationspolitik der Win­casa. Sie hätte erwartet, dass die Verwaltung mit ihr frühzeitig das Gespräch suche. Das Verdikt wurde ihr Ende März per Post zugestellt, zeitgleich mit den anderen Mietern: Kündigung auf Ende Juni 2020, ohne Angebot auf ein Provisorium während der Bauphase. Viele Eltern sind nun verunsichert, weil die Zukunft der Kita unklar ist. Schon jetzt sei ein Nachfragerückgang spürbar. Dabei wurde der Spielplatz soeben neu gestaltet. Kostenpunkt: rund 15000 Franken. «Als der Bagger für den Spielplatz abzog, wurden schon die Baugespanne aufgestellt», sagt Derungs. Auf dem Grundstück der Kita möchte die CS einen Showroom errichten. «Wir setzen uns zur Wehr und versuchen, so lange wie möglich hier zu bleiben.»

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Widerstand wächst aus dem gesamten Quartier. Anfang März formierte sich die Interessen­gemeinschaft Brunaupark. In einer Petition wird von der CS unter anderem bezahlbarer Wohnraum sowie eine Rücknahme der bereits ausgesprochenen Kündigungen verlangt. An den Kündigungen will die Grossbank festhalten, wie sie auf Anfrage mitteilt. Auf den Vorwurf, getäuscht zu haben, gehen CS und Wincasa nicht ein: Aus Datenschutzgründen könne nicht zu einzelnen Mietverhältnissen Stellung genommen werden.

Eine Gemeinschaft zerbricht

Aviva Lindecker spaziert durch den Brunaupark, als wäre er ihr Wohnzimmer. Ein kurzer Schwatz mit einer langjährigen Nachbarin, eine gegenseitige Aufmunterung: «Wir schaffen das.» Gemeinsam zogen sie im Quartier die Kinder gross. Drei waren es bei den Lindeckers. Alle sind sie im Brunaupark geblieben und haben wiederum Kinder gekriegt – die Grosskinder der Lindeckers, die nun im Quartier herumrennen.

Aviva Lindecker ist Jüdin. Da sie aber ihre Kindheit in Bagdad in arabisch-muslimischer Umgebung verbrachte, spricht sie auch Arabisch. Durch ihre Herkunft und Vergangenheit lernte sie den Umgang mit beiden Religionen. Als Teil einer jüdischen Minderheit musste sie einst aus ihrer Heimat, dem Irak, fliehen. In Israel lebte sie jahrelang in einem Flüchtlingslager und fand über den Spitzensport den Weg nach Europa. Der Brunaupark war für sie das Ende einer langen Reise: endlich eine Heimat, in der die Herkunft keine grosse Rolle mehr spielt. Das Quartier beheimatet sowohl eine grosse jüdische Gemeinschaft wie auch viele Muslime. Das Zusammenleben funktioniert gemäss Lindecker. Und mehr noch: «Wir sind wie eine grosse Familie, die sich gegenseitig hilft.»

Diese Solidarität bewahrt einige Bewohnerinnen vor dem Gang ins Altersheim. Das Mi­gros-Restaurant ist ihr Treffpunkt, der Kassierer begrüsst alle mit Vornamen. Kaffee, Kuchen, ein beherrschendes Thema und viele fragende Gesichter: Wie geht es weiter mit dem Brunaupark? Wie kann die lieb gewonnene Welt noch gerettet werden?

Die Credit Suisse bekräftigt derweil, dass sie an den Kündigungen festhalte. Diese betreffen überdurchschnittlich viele ­ältere Menschen. Die CS ist sich dieses Umstandes bewusst. Ab 1. Juni soll deshalb eine auf Altersfragen spezialisierte, unabhängige Beraterin zur Verfügung stehen. Mitte April fand zudem ein Infoabend statt. Dutzende Rentnerinnen und Rentner waren anwesend. So auch eine Anwohnerin, die anonym bleiben will. Sie fühlt sich von der CS im Stich gelassen: «Wir erhielten keine Hilfe», sagt sie. «Wir erhielten einen direkten Wegweiser ins Altersheim.»

Erstellt: 30.04.2019, 06:31 Uhr

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