Viele Hürden fürs Stadionprojekt

Lange war von 135 Millionen Franken fürs neue Fussballstadion die Rede. Jetzt sinds plötzlich 230 Millionen. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb die Volksabstimmung kein Spaziergang wird.

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100 Millionen, dann 135 Millionen, schliesslich 150 Millionen. Das sind die Preise, die genannt wurden. Doch nun sollen die Stimmberechtigten 230 Millionen fürs neue Stadion sprechen. Auf den ersten Blick ein Skandal. Ist es aber nicht. Denn 30 Millionen sind Reserven und 44 Millionen betreffen das Land, das bereits bezahlt wurde und einfach noch umgebucht werden muss.

So gesehen war die Kommunikation das Problem. Die «Zusatzkosten» hätten schon viel früher ins Spiel gebracht werden müssen – gerade weil die Stadt offenkundig bestrebt ist, transparent mit der Vollkostenrechnung zu operieren. Dann wäre der Schock über die neue Zahl ausgeblieben.

Grosser Erklärungsbedarf

Das neue Stadion – so berechtigt und schmuck es sein mag – kämpft aber jetzt schon mit vielen weiteren Problemen. So muss die Mehrheit des Volks ins Boot geholt werden, die sich nicht für den Zürcher Fussball interessiert oder höchstens Schlagzeilen über Gewalt und Pyros wahrnimmt.

Dieser Mehrheit wird man erklären müssen, weshalb es neben dem vor wenigen Jahren für 110 Millionen eiligst für die Euro 2008 errichteten Letzigrund ein weiteres Stadion braucht, in dem man Fussball spielen kann. Und man wird erklären müssen, weshalb die Stadt parallel und fast zeitgleich dazu den ZSC Lions 150 Millionen Darlehen für ein neues Eishockeystadion gewähren soll. Obwohl die sehr teure Sanierung des Hallenstadions ebenfalls nicht sehr lange her ist.

FCZ und GC zahlen neunmal weniger als Volero

Zusätzlich wird man den Stimmberechtigten erklären müssen, weshalb die grossen Fussballclubs je nur ein Milliönchen beitragen und damit übrigens insgesamt drei Millionen weniger als bisher kommuniziert. Die ZSC-Hockeyaner beteiligen sich mit 35 Millionen und der kleine Volleyballclub Volero mit immerhin 9 Millionen am neuen Eishockey- und Volleyballkomplex in Altstetten.

Nicht zu vernachlässigen ist zudem die staatliche Übernahme der Betriebsdefizite bis zu 8,3 Millionen im Jahr. Nimmt man die aufgrund des Wegzugs der beiden Grossclubs auf rund 10 Millionen steigenden Jahresdefizite im Designbau Letzigrund sowie die geplante Defizitgarantie von 2,5 Millionen für die ZSC Lions, würde die Stadt jährlich 20 Millionen in die Hand nehmen, um den Profi-Clubs mit ihrem sehr gut verdienenden Personal das Leben einfacher zu machen.

FCZ-Dissidenten gegen Umzug

Weiter müssen die Stadionbefürworter hoffen, dass im Vorfeld der Abstimmung keine grösseren Gewaltausbrüche im Schweizer Fussball die Abstimmung kompromittieren. Denn die Sicherheitsfrage könnte – neben den Kosten – die Diskussion dominieren.

Und schliesslich ist heute nicht einmal klar, ob die Anhänger beider Stadtclubs voll und ganz hinter dem Stadionprojekt auf dem GC-Gebiet Hardturm stehen. In der Südkurve gibt es nicht wenige, die sehr grosse Mühe haben, die alte FCZ-Heimat Letzigrund zu verlassen und über die Gleise zu ziehen.

Sportbegeisterte Zürcher

Kumulieren sich diese Widerstände, könnte es eng werden für die Stadionfans. Sie müssen sich aber auch nicht ins Bockshorn jagen lassen. Erstens haben Sportprojekte in Zürich stets komfortable Mehrheiten erreicht. Auch das äusserst umstrittene Pentagonprojekt der Credit Suisse kam problemlos durch die Abstimmung.

Und zweitens herrscht in Zürich nach dem Pentagon-Fiasko die klare Meinung vor, dass Mantelnutzungen tabu sind. Nicht wie in Basel, Bern oder Thun, wo Private mit Shoppingmöglichkeiten die öffentliche Hand zu entlasten vermochten. Ohne Kommerz muss halt die Stadt einspringen. Das ist den Steuerzahlern offenbar lieber.

Und drittens muss die nunmehr 15-jährige Leidensgeschichte um das neue Zürcher Fussballstadion ein Ende finden. Ansonsten lacht wieder die ganze Schweiz. Die Chancen stehen unter dem Strich gar nicht so schlecht: Ein unprätentiöses Stadion, eine geeinte Politik und zwei Fussballclubs, die am selben Strick ziehen.

Erstellt: 24.10.2012, 18:10 Uhr

Redaktor Pascal Unternährer

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