Viele Konzepte, aber keine Kinderkrippe

Zwei Kleinkinderzieherinnen versuchen seit einem Jahr erfolglos, sich mit einer Kindertagesstätte selbstständig zu machen. Vorschriften und Ansprüche erschweren Krippenunternehmern die Arbeit.

Hindernislauf der Vorschriften: Lokalitäten für Kinderkrippen müssen sehr hohen Qualitätsstandards genügen.

Hindernislauf der Vorschriften: Lokalitäten für Kinderkrippen müssen sehr hohen Qualitätsstandards genügen. Bild: Keystone

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Es ist extrem schwierig. Dies ist das Fazit zweier Frauen, die vor einem Jahr ihren Job als Betreuerin einer Kindertagesstätte (Kita) gekündigt haben, um sich selbstständig zu machen. Seither suchen sie im Raum Zürich eine Liegenschaft für eine Krippe – erfolglos.

Dabei hat es zuerst vielversprechend ausgesehen: Die diplomierten Kleinkinderzieherinnen Sandra Hinder (28) und Cornelia Koller (45) hatten alle nötigen Unterlagen beisammen: Sicherheitskonzept, pädagogisches Konzept, Raumkonzept, Weiterbildungsdiplome etc. Die Verständigung mit den Behörden hat funktioniert, die Krippen-Bewilligung wäre nur noch Formsache gewesen. Doch die Nachbarn der Liegenschaft im aargauischen Bezirk Bremgarten machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Anfänglich schien sich die fünfköpfige Familie auf die Neuzuzüger zu freuen, «doch auf einmal hat der Wind gedreht», erzählt Hinder.

«Ich verstehe die Ablehnung nicht»

Wegen der zu erwartenden Lärmimmissionen habe die Familie Einsprache gegen die Umnutzung der Liegenschaft erhoben. Alle Überzeugungsversuche – «so laut wird es nicht, die Kinder toben nicht den ganzen Tag draussen herum, es sind kaum je 20 Kinder gleichzeitig anwesend» – scheiterten, das Projekt musste abgeblasen werden. Hinder und Koller blieben auf einem Stapel Konzepte sitzen, hielten aber an ihrem Ziel fest, eine eigene Krippe zu eröffnen.

Doch die Suche verlief harzig, sodass sie sich bald darauf arbeitslos meldeten und wieder eine Stelle in der Kinderbetreuung antraten. «Meistens wimmeln uns schon die Organisatoren der Wohnungsbesichtigungen ab», sagt Hinder, spätestens aber komme die Absage vom Vermieter. Die besten Chancen hätten sie im Industriegebiet, das sich als Krippenstandort weniger gut eignet. Sandra Hinder wirkt ein wenig desillusioniert: «Wir waren doch alle auch einmal Kinder, ich verstehe die Ablehnung nicht. Alle machen uns Mut, finden unser Vorhaben toll. Aber wenn es konkret wird, kriegen wir keine Chance.»

Getrennte Garderoben

Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung ist dieser Tage ins Zentrum des politischen Bewusstseins gerückt: Das Volks-Ja und Stände-Nein zum Familienartikel am 3. März bewog die SP Schweiz zu einer Krippen-Offensive. Die Kantone seien jetzt in der Pflicht, kommentierte Nationalrätin Jacqueline Fehr das Abstimmungsresultat. Am Montag versandte die Partei Mustervorstösse für Kantonsparlamentarier, mit denen der Ausbau von Krippenplätzen gefordert werden soll: durch finanzielle Unterstützung der Gemeinden sowie eine Anschubfinanzierung nach dem Modell des Bundes.

Bürgerliche Politiker indes wollen Krippen fördern, indem sie die administrativen Vorgaben ankämpfen. Sie werden bestärkt durch den Fall des Zürcher Daycare Centers, dem nach 23 Jahren die Schliessung droht, wie die NZZ am Abstimmungssamstag publik machte. Die Krippenaufsicht hatte bei einem Kontrollbesuch 15 Kinder vorgefunden statt der für ein bewilligungsfreies Babysitting-Center vorgesehenen Höchstzahl von 5. Damit ist der Hütedienst in den Augen des Zürcher Sozialdepartements kein Hütedienst mehr, sondern eine Krippe. Und diese unterliegen strengen und umfassenden Gesetzesbestimmungen.

Küche mit Industriedampfabzug

Sie benötigen beispielsweise eine Gastro-Küche mit Industriedampfabzug, separate Buben- und Mädchen-WCs mit separater Händewaschgelegenheit und getrennte Garderoben für Kinder und Personal. Die Hygienevorschriften verlangen für Krippen «Geruchs- und Antikontaminationsschleusen» zwischen Küche und WC, Einweg-Papiertücher statt normaler Handtücher und Seifenspender statt einer normalen Seife.

Die baulichen Vorschriften stellen potenzielle Krippengründer vor ein Dilemma: Eine Altbau-Wohnung kommt nicht infrage, eine Neubau-Wohnung ist zu teuer und auch für die Kita-Plätze preistreibend. Ausserdem geben die Eigentümer diese ungern für den Krippenbetrieb her, der eine erhöhte Abnützung und Lärmklagen garantiert.

«Diesen hohen Standard können sich letztlich nur staatliche Krippen leisten, zum Nachteil von privaten Betreibern», sagt Carmen Walker Späh, FDP-Kantonsrätin und Präsidentin der FDP Frauen Schweiz, die sich seit Jahren für den Abbau gesetzlicher Auflagen engagiert. Als der Regierungsrat vor einigen Jahren die eidgenössische Lebensmittelverordnung als Grund für die Krippen-Bürokratie im Kanton Zürich angab, spielte Walker Späh den Ball ihrem Parteikollegen Filippo Leutenegger zu, der im Nationalrat wissen wollte, ob die Kantone die Lebensmittelvorschriften nicht zu streng umsetzten.

Das Parlament unterstützte den Vorstoss, und auch der Bundesrat war der Meinung, dass die Kantone in Einzelfällen von den «eher auf grössere Lebensmittelproduktionsbetriebe» ausgerichteten Vorschriften abweichen sollen. Er kündigte eine Überprüfung durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) an. Dort habe man zu sensibilisieren versucht, sagt das BAG auf Anfrage. Bei Koordinationstreffen habe man auf die Möglichkeit des Ermessensspielraums hingewiesen, und kürzlich habe eine Tagung zu diesem Thema stattgefunden.

«Permanente Schikanen»

Tatsächlich aber sei «nichts geschehen», konstatiert FDP-Nationalrat Leutenegger. Er spricht deshalb in den kommenden Wochen beim Zürcher Baudirektor Markus Kägi (SVP) vor. Wer eine Krippe betreibe, werde «permanent schikaniert», sagt Leutenegger, der im Kreis 7 mit seiner Frau einen Kinderhort unterstützt. Abgesehen von der Bewilligung, die alle vier Jahre erneut beantragt werden müsse, erstatteten die Behörden regelmässig unangemeldet Kontrollbesuche und verlangten sinnlose Massnahmen.

Heidi Simoni, Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind, beurteilt die gesetzlichen Kita-Rahmenbedingungen anders: «Strukturelle Merkmale haben einen Einfluss auf die realisierte pädagogische Qualität», sagt die Psychologin. Oder mit anderen Worten: Ungeeignete Räume zum Beispiel können das Wohlbefinden beeinträchtigen. Anders als bürgerliche Politiker, welche die Beurteilung einer Krippe den Eltern überlassen wollen, sagt Simoni: «Eltern wollen sich darauf verlassen, dass die Krippen sicher und hygienisch und die pädagogischen Voraussetzungen gut sind.» Auswählen zu können, sei zudem ein «Mittel- und Oberschichtenprivileg». Wer auf einen Platz angewiesen sei, könne sich dies nicht leisten.

Auch SP-Nationalrätin Fehr hält diese Diskussion für falsch. «Wäre eine solche Polemik auch gegen Vorschriften in Altersheimen denkbar?», fragt sie. Eltern wollten ihre kleinen Kinder in guten Händen wissen. Weniger Qualität führe deshalb nicht zu mehr, sondern zu weniger Krippenplätzen, weil die Nachfrage wegbreche. Fehr zeigt sich aber gesprächsbereit: «Qualität zum Wohle der Kinder ist nicht verhandelbar. Qualität zur Steigerung der Baukosten jedoch sehr wohl.» Getrennte WCs für Buben und Mädchen seien nicht nötig.

Erstellt: 15.03.2013, 08:50 Uhr

Filippo Leutenengger: Der FDP-Nationalrat unterstützt in Zürich seit acht Jahren einen Kinderhort und engagiert sich für weniger Auflagen bei Krippen. (Bild: Keystone )

Jacqueline Fehr: Die Nationalrätin und Familienpolitikerin der SP hält die Forderungen nach einem Abbau der Krippen-Bürokratie für verfehlt. (Bild: Keystone )

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